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In einer November-Nacht im Jahr 2020 liefert sich ein 37-Jähriger eine Verfolgungsjagd mit der Polizei - über 20 Kilometer, von Selters bis Beienheim.

Prozess

„Hat uns lachend empfangen“: 37-Jähriger lieferte sich Verfolgungsjagd mit Wetterauer Polizei

  • VonConstantin Hoppe
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Mit teils 160 km/h jagte er quer durch die Wetterau und gefährdete dabei sich und andere Autofahrer. Nun muss ein 37-Jähriger sich für sein Verhalten verantworten.

Ortenberg – »Es war eine denkwürdige Streifenfahrt, die Sie damals erlebt haben«, beschrieb es der Vorsitzende Richter Jost Holtzmann während der Verhandlung vor dem Gießener Landgericht. Hier läuft derzeit die Verhandlung gegen einen 37-Jährigen, der sich in der Nacht des 11. November 2020 eine Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert haben soll (die WZ berichtete). Zur Tatzeit befand sich der Mann wohl in schuldunfähigem Zustand. Ein Gutachter bestätigte nun, dass eine Psychose bei dem Mann vorlag.

Verfolgungsjagd in der Wetterau: Angeklagter räumte Vorwürfe ein

Aus diesem Grund ist der 37-jährige Wetterauer auch ein Beschuldigter und kein Angeklagter - eine Anklageschrift besteht nicht. Die Vorwürfe hatte er bereits zu Verhandlungsbeginn eingeräumt.

Demnach lieferte sich der Mann in dieser Nacht über knapp 20 Kilometer eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Mit hoher Geschwindigkeit, zwischen 120 und 160 Kilometern pro Stunde, raste er durch Selters, Ranstadt, Dauernheim, Blofeld, Reichelsheim bis nach Beienheim. Dabei gefährdete der Mann auch mehrfach andere Verkehrsteilnehmer, etwa als er vier vorausfahrende Fahrzeuge überholte - trotz Gegenverkehr.

Die Fahrt endete dann abrupt in Beienheim. »Er hat uns dort lachend empfangen und meinte noch etwas in Art von: ›Ich hätte nicht gedacht, dass ihr an mir dranbleiben könnt‹ «, erinnerte sich vor Gericht einer der beiden Polizisten, die an der Verfolgungsfahrt beteiligt waren. Anschließend ließ sich der 37-Jährige widerstandslos festnehmen.

Verfolgungsjagd in der Wetterau: 37-Jähriger machte auch in Psychiatrie Probleme

Kurz darauf wurde er in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen, wo es weitere Vorfälle gab. »Wir haben keine positiven Erfahrungen mit ihm gemacht - es gab schließlich die Anweisung, nur noch mit dem Sicherheitsdienst mit ihm in Kontakt zu treten«, berichtete ein Assistenzarzt, der mehrfach mit dem Beschuldigten in dieser Zeit zu tun hatte. Mehrmals musste der 37-Jährige auf einem Bett fixiert werden, um Gefährdungen für sich oder andere zu verhindern. Bei einem Vorfall soll er den Arzt angegangen sein: »Er hielt starren Blickkontakt mit mir und drohte mir: ›Wenn ich hier heraus bin, finde ich dich als Erstes!‹ Ich hatte dabei den Eindruck, dass er in diesem Moment nicht komplett psychotisch war, das Ganze also durchaus einen Realititätsbezug haben könnte.«

Auch sei es einmal zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit einem Mann des Sicherheitsdienstes gekommen, als der 37-Jährige mit erhobener Faust auf den Assistenzarzt zukam. Jedoch gab der Arzt auch an, dass er das damalige Verhalten des Beschuldigten als vor allem psychotisch einstufen würde.

Wetterauer Angeklagter: Psychische Erkrankung „wieder abgeklungen“

Erst mit andauernder Behandlung besserte sich der Zustand des Beschuldigten schließlich - aktuell benötigt er keine Medikamente mehr und hat nach eigenen Angaben auch Einsicht in seine Handlungen. Dies war jedoch zum Zeitpunkt der Vorfälle nicht der Fall, wie der Gutachter Dr. Jens Ulferts, Leitender Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Gießen, bestätigte. »Was wir heute gehört haben, deckt sich mit meiner Einschätzung, dass eine Psychose bei ihm vorlag, die mittlerweile jedoch wieder abgeklungen ist.« Die psychotischen Zustände seien dabei episodenhaft vorgekommen.

Als Grund für die Verfolgungsjagd hatte der 37-Jährige zum Prozessauftakt angegeben: »Ich hatte Angst, dass mir die Polizei mein Auto wegnimmt.« Das Verfahren wird fortgesetzt. (con)

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