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Wo handgedruckte Tapete auf persischen Jagdteppich trifft

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Ortenberg (ema). Bei den Führungen strahlt Michael Schroeder, Kunsthistoriker, Heraldiker und Publizist, Begeisterung aus: »Das Ortenberger Schloss ist ein Gesamtkunstwerk des Empire – eine Seltenheit, aus dieser Stilrichtung des Klassiszismus hat sich nur wenig erhalten.«

Die Anlage wird von Alexander Fürst zu Stolberg-Roßla und seiner jungen Familie bewohnt – nichts wirkt museal. »Da möchte ich mal Tee trinken«, ruft eine Besucherin spontan beim Blick in den Rauchsalon mit seinen warmen Farben.

Allerdings mussten zehn Jahre lang umfangreiche Renovierungsarbeiten vorangehen, die zwar auch vom Wetteraukreis, von der Stiftung Denkmalschutz und vom Landesdenkmalamt Hessen unterstützt wurden, bei denen aber die fürstliche Familie den Hauptteil trug. Michael Schroeder: »Die Restauratoren entdeckten unter den Farbschichten sehr viel Originalsubstanz. Die Herausforderung für die Familie besteht darin, die kunsthistorischen Erkenntnisse mit neuzeitlichen Wohnanforderungen, etwa dem verdeckten Einbringen von Haustechnik, in Einklang zu bringen.« Noch ist die Sanierung im Ostflügel und dem Bereich der historischen Küche nicht abgeschlossen.

Zwei Ringmauern sind zu durchqueren, ehe man auf dem Plateau des Bergsporns hoch über dem Niddertal vor dem Hauptportal steht. Man wird an die stauferzeitliche Burg mit ihren eng umschlossenen Befestigungsanlagen und dem Tiefbrunnen erinnert. Fundamente und Teile aufgehender Mauern sind noch im heutigen Schlossbau, errichtet zwischen 1790 und 1807, zu erkennen. Markantester Rest ist wohl der »Bartzupfer« an der Fassade, ein archaisch wirkender Kopf, den ein Steinmetz um 1190 schuf, eine Symbolfigur.

Wechselnde Adelsfamilien folgten dem vermuteten Burgerbauer Ortwin de Büdingen, ehe 1535 Ludwig II. von Stolberg, einer der Vorfahren des jetzigen Besitzers, Burg und Herrschaft Ortenberg erbte. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Burg so verwüstet, dass sie unbewohnbar war.

1803 machte die Entschädigung für den Verlust belgischer Besitzungen es dem Grafen Heinrich Christian Friedrich, dem »Dicken Fritz«, möglich, auf den alten Fundamenten eine Schlossanlage im klassizistischen Stil erbauen zu lassen.

Überall gibt es Details aus dieser Epoche: am Eingang mit den dorischen Säulen unter dem großen Stolberger Wappen in Sandstein, an den Reliefs der Haustür, hängende Tücher über Blumenkörben darstellend, an der noblen grau-blassgelben Fassung des Treppenhauses.

»Große Geschichte« spiegelt sich in den Familienerinnerungen. So im »Regimentsgang« mit den Porträts des Offizierscorps der Stolberg-Infanterie, einer 1742 aufgestellten Einheit im kurfürstlich-sächsischen Heer, im Siebenjährigen Krieg von den Preußen besiegt.

Der so genannte Rittersaal mit herrlicher Sicht auf die Stadt und das Niddertal schließt sich an, zartblau in der Wandfarbe mit einem feinen Palmettendekor. Zwei besondere Blickpunkte hat der festliche Raum: einen ebenfalls palmettenverzierten Kronleuchter, wohl von Friedrich Schinkel entworfen, und einen persischen Jagdteppich mit reizvollen Tierdarstellungen, mehrere Hundert Jahre alt.

Immer wieder sind schöne polierte oder intarsierte Möbel des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu sehen. Eine Mahagoni-Arkade mit Schnitzereien im maurischen Stil als Raumteiler harmoniert im Rauchzimmer, 1855/56 eingerichtet, mit dem warmen Pompejanisch-Rot der Wände, der antikisierenden Deckenbemalung. Dort sind vier Bubengesichter eingefügt, Porträts der Söhne des Grafen Carl Martin und der Gräfin Bertha zu Stolberg-Roßla, die den Raum gestalten ließen.

Im Esszimmer wurden Reste einer handgedruckten französischen Tapete von 1815 mit Gebälk tragenden Frauenfiguren wieder angebracht und in einem Fries fortgesetzt, das den ganzen Raum mit seinem großen Tisch und den polierten Empire-Stühlen samt Götterdarstellungen auf den harfenförmigen Lehnen umschließt. Der hohe schwarze Gußeisenofen stammt aus der Hirzenhainer Hütte.

Stolberger Familienporträts aus mehreren Epochen sind zu sehen und setzen sich im so genannten Rosa Gang fort, der zwei ganz besondere Dokumente in einer Vitrine erhält: das Diplom, mit dem Kaiser Wilhelm II. den Grafen Botho zu Stolberg-Roßla zum Fürsten ernannte, und die Bestätigung durch den hessischen Großherzog Ernst Ludwig.

Gruppenführungen mit Michael Schroeder können im Stolbergschen Rentamt unter Telefon 0 60 46/13 28 oder per Mail: rentamt@schloss-ortenberg.de verabredet werden. (Fotos: ema)

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