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Mit ungebrochener Energie und Ausstrahlung rezitiert der 80-jährige Edgar M. Böhlke aus Brechts Werken.

»Alles aber übergab ich dem Staunen«

  • VonInge Schneider
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Ortenberg (im). Pointiert, analytisch und scharfzüngig, mit einem unbestechlichen Blick auf die Unscheinbaren: Mit großer, seinem Lieblingsautoren angemessenen Vielseitigkeit hat der Schauspieler und Rezitator Edgar M. Böhlke das Publikum im Ortenberger Schlosshof mit einer Bertolt Brecht gewidmeten Lesung in seinen Bann gezogen.

Unter dem Motto »Und der Haifisch, der hat Zähne«, eröffnete Böhlke den Abend im Rahmen des Kultursommers Mittelhessen mit der Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper (1928), um sich dann sogleich der Kindheit des Dichters in Augsburg zuzuwenden.

»Brecht war zeitlebens von Luthers Sprache beeinflusst«, erläuterte Böhlke, der seiner Rezitation mit zahlreichen Bezügen zu seinem eigenen Leben, einschließlich bedeutsamer Brecht-Inszenierungen, in denen er selbst Figuren wie Galileo Galilei (»Leben des Galilei«), den Intellektuellen Ziffel (»Flüchtlingsgespräche«) oder den Polizisten Hannibal Jackson (»Happy End«) verkörperte, Authentizität und Anschaulichkeit verlieh. Die von der Frömmigkeit des jugendlichen Brecht zeugenden frühen Gedichte wie »Emmaus«, »Christus vor dem Hohen Rat« und »Deutsches Frühlingsgebet« wichen unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges und der Erlebnisse als Kriegshilfskraft in einem Lazarett zum einen einer lebenslangen Auseinandersetzung mit Gott, zum anderen einem überzeugten Pazifismus sowie der Hinwendung zum Marxismus.

Böhlke folgte Brechts Spuren bis nach Berlin, hin zu den ersten Entwicklungsschritten des Brecht’schen epischen Theaters.

Herausragende Interpretationen

Ausführliche Sequenzen waren den Themen »Brecht und die Frauen«, »Brecht und das Dritte Reich«, »Die Jahre im Exil« sowie den Neuanfängen des Dichters in Ostberlin und seiner Ernüchterung über die Niederschlagung des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 durch das DDR-Regime gewidmet.

Unter den vielen herausragenden Interpretationen des Abends beeindruckten besonders der Song »Surabaya Johnny« aus dem Musical »Happy End«, »Die Ballade von der Hanna Cash«, »Erinnerung an die Marie A.«, der Abschieds-Monolog der jüdischen Ehefrau, die ihren Ehemann Fritz verlässt (»Furcht und Elend des Dritten Reiches«), »Das Lied vom Weib des Nazisoldaten«, die Texte des Exil sowie das zwischen Rausch, Ekel und Selbsterkenntnis sich steigernde Gedicht »Vorbildliche Bekehrung eines Branntweinhändlers«.

Er habe stets versucht, noch mit den Zeitgenossen seines Lieblingsdichters, wie der großen Therese Giehse, sprechen zu können, sagte Böhlke im Laufe der zweistündigen Lesung, die der 80-Jährige mit ungebrochener Energie und Ausstrahlung füllte. Böhlke schloss mit einem Zitat aus Brechts Drama »Herr Puntila und sein Knecht Matti«: »Die Stund’ des Abschieds ist nun da. Gehab’ dich wohl, Herr Puntila. Der Schlimmste bist du nicht, den ich getroffen. Denn du bist fast ein Mensch, wenn du besoffen.«

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