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Ort für »Rituale, die einfach guttun«

  • vonAnne-Rose Dostalek
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»Ich brauche etwas Vertikales in meinem Leben«, sagt Dorothea Reinig-Stender und blickt nach oben. Dass da gerade hoch oben die Rufe der Kraniche ertönen, die über Burg-Gräfenrode ziehen, ist Zufall. Aber dass die Roggauerin vor der Dorfkirche mit dem markanten Dachreiter steht und über ihre Geschichte mit ihr nachdenkt, nicht. Die Kirche ist ihr Lieblingsplatz.

A ls Dorothea Reinig-Stender vor 26 Jahren mit Ehemann Klaus Stender und zwei Kindern von Frankfurt nach Karben-Burg-Gräfenrode zog, war noch alles fremd. Erst einmal ging es darum, das Leben zu organisieren, Berufstätigkeit und Familie unter einen Hut zu bringen, Haus und Garten herzurichten. Aber es dauerte nicht lange, dass sie die Kirche fand als Ort, in dem sie innehalten konnte.

»Es ist so schön heimelig da drin mit der Empore ringsum, den Säulen und schlichten Holzbänken«, sagt die heute 68-Jährige und lächelt. Die Namen der Apostel und Heiligen, die die Brüstungsfelder der Empore verzieren, lernte sie nach und nach kennen. Das Bogenfenster auf der Ostseite, das in farbigem Glas Jesus als den guten Hirten zeigt, der die Herde verlässt um das verlorene Schaf zu finden, hat es ihr besonders angetan.

Initiatorin von »Stille Kirche«

»So wünsche ich mir Kirche«, sagt sie und seufzt ein wenig. Denn wegen der Corona-Pandemie sind schon seit einem Jahr die evangelischen Gottesdienste in der Kirche abgesagt. Selbst die »Stille Kirche« am Abend, für die sie gerne die Roggauer Kirche aufschließen würde, ist nicht möglich. »Es sind immer einige Menschen gekommen, meist vertraute Gesichter«, erzählt Reinig-Stender.

Vor sechs Jahren hatte sie das dem Kirchenvorstand vorgeschlagen. Sie säßen dann zur »Stillen Stunde« warm eingemummelt und schweigend in der ungeheizten Kirche. Jede/r ganz für sich, ganz bei sich. Erst sei es noch ein wenig hell, dann werde es langsam dunkel. Man höre die Tauben gurren, Rollläden würden runtergelassen und wenn sie nach einer halben Stunde gingen, wäre es draußen still und ruhig und so habe sie sich auch gefühlt. »Es gibt einfach Rituale, die guttun«, sagt Reinig-Stender. Sie liebt die Roggauer Kirche, weil sie dort diese besondere spirituelle Atmosphäre, die Rituale, die Ruhe, den Trost und, ja, auch ihren Glauben finde. Viele Worte dazu macht sie nicht, lieber ist es ihr, mitanzupacken und Ideen einzubringen.

Die pensionierte Lehrerin ist seit vielen Jahren aktiv in der evangelischen Kirchengemeinde, machte gerne Küsterdienste im Gottesdienst und hat die Veränderungen in der Gemeinde miterlebt.

Als sie vor 25 Jahren den ersten Gottesdienst besuchte, war Pfarrer Jörg Fröhlich noch im Amt und wohnte im Pfarrhaus. Seit 2011 ist nach längerer Vakanz Eckart Dautenheimer Pfarrer in Burg-Gräfenrode und Okarben. Beide Gemeinden haben am 1. Januar 2020 ihre Selbständigkeit aufgegeben und sind Teil der evangelischen Gesamtgemeinde Karben.

Die Kirche im Ort ist geblieben und in normalen Zeiten, wenn nicht gerade Corona ist, finden hier Gottesdienste, Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Trauerfeiern statt. Auch deswegen ist der Roggauerin die Dorfkirche ein vertrauter, mit vielen persönlichen Gefühlen und familiären Erinnerungen verbundener Ort.

Derzeit einige Baumaßnahmen

So wie es über drei Jahrhunderte für das ganze Dorf gewesen ist, genauer gesagt seit dem 28. Oktober 1727. An dem Tag wurde das Gotteshaus feierlich eingeweiht vom Ortspfarrer Johann Helffrich Soldan. Zu dem Ereignis versammelten sich die Dorfbewohner, kamen geistliche Würdenträger, Amtsleute und die Kirchenbaumeister.

Einige Baumaßnahmen hat es seitdem in der Kirche gegeben, doch grundlegend hat sich nichts verändert. Zurzeit sind gerade Handwerker tätig, weil die Beleuchtung und einiges mehr erneuert werden. Bis Ostern werden sie vermutlich nicht fertig, bedauert Reinig-Stender.

Und so ist es doppelt ungewiss - auch wegen Corona -, ob die Roggauer das kirchliche Osterfest wie gewohnt feiern können. Mit dem Osterfeuer vor Sonnenaufgang und dem schweigenden Einzug in die dunkle Kirche, die brennende Osterkerze in den Händen.

Die Burg-Gräfenroder Dorfkirche ist ein kleiner Saalbau mit hohen Rundbogenfenstern und einem Haubendachreiter, erbaut in den Jahren 1726/1727. Sie ersetzte die baufällige Vorgängerkirche, von der es keine Abbildung gibt. Das neue Gotteshaus gehört zu den »Reinhardskirchen«, die unter der Herrschaft der lutherischen Grafen Philipp und Johann Reinhard aus der Linie Hanau-Münzenberg in vielen Orten entstanden. Die hölzernen Brüstungstafeln der Empore wurden von Bockhardt von Stadten bemalt. Die Orgel in einem schönen Holzgehäuse stammt aus der Werkstatt des Orgelbauers Drauth in Griedel . Erneuert wurde sie 1911 von Förster & Nicolaus. Das farbige Glasfenster mit dem »Guten Hirten« ist eine Stiftung des Kirchenrats D. Friedrich Kalbhenn, 1847 bis 1908 evangelischer Pfarrer in Burg-Gräfenrode. Das Patronat hat seit 1790 die Familie von Leonhardi in Groß-Karben inne. Das Kirchgestühl seitlich des Altars trägt das Familienwappen. Die weiß verputze Kirche mit grauem Schieferdach grenzt an die Weißenburger Straße und ist umgeben von einer niedrigen Bruchsteinmauer. dos

Ein Schmuckstück in der Roggauer Kirche ist das auffällige farbige Bogenfenster, das Jesus als guten Hirten zeigt.

Rubriklistenbild: © Anne-Rose Dostalek

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