Üben und Auftreten unmöglich: Die Kammerphilharmonie Bad Nauheim unter Leitung von Uwe Krause ist ein Traditionsorchester bei der Sinfoniekonzert-Reihe. Die Kontakt- und Hygieneregeln stellen die Musikerinnen und Musiker vor große Hürden.	FOTO: MICHAEL BIRLENBACH
+
Üben und Auftreten unmöglich: Die Kammerphilharmonie Bad Nauheim unter Leitung von Uwe Krause ist ein Traditionsorchester bei der Sinfoniekonzert-Reihe. Die Kontakt- und Hygieneregeln stellen die Musikerinnen und Musiker vor große Hürden. FOTO: MICHAEL BIRLENBACH

Orchester und Musiker auf Abstand

  • Sabine Bornemann
    vonSabine Bornemann
    schließen

Endlich dürfen sich die Vorhänge wieder öffnen. Es könnte Leben ins Kulturleben kommen. Seit 9. Mai hat die Landesregierung wieder Veranstaltungen mit bis zu 100 Personen zugelassen. Allerdings unter strengen Hygiene- und Abstandsregeln. Das stellt kleinere Theater vor große Herausforderungen. Die Kulturschaffenden in Friedberg und Bad Nauheim atmen noch nicht auf.

Bläser, Streicher und noch viel mehr Musiker. 50 bis 70 Musiker nehmen normalerweise auf der Bühne des Jugendstiltheaters Platz, wenn der Förderverein Sinfonische Musik Bad Nauheim zu den traditionellen Sinfoniekonzerten einlädt.

Für die Verantwortlichen der Reihe passen die Abstandsregeln und Hygienevorschriften nicht ins Konzept. Der Vorstand begrüßt zwar die Lockerungen und hält das Anbieten von Kultur für sehr wichtig, »Für uns bringen die Corona-Lockerungen aber noch keine Entlastung, können sie auch nicht«, sagt Diethard Bauer, 1. Vorsitzender des Fördervereins. Zwischen 500 und 600 Besucher kommen für gewöhnlich ins Jugendstiltheater. Hinzukommen zwischen 50 und 70 Musiker auf der Bühne. Damit zählen diese Konzerte derzeit zu den Großveranstaltungen. Letztendlich würden mit Abstandsregeln nur 50 Personen ins Jugendstiltheater gelassen werden können. Die Musiker könnten in der gewohnten Zahl auch nicht zusammensitzen. Die Gesundheit der Besucher und Orchestermusiker sowie der sonstigen Beteiligten hat für den Förderverein absoluten Vorrang.

Gravierender ist, dass die Musiker wegen der Kontaktsperre derzeit nicht üben dürfen. Die Orchester beginnen für die Aufführungen der Sinfoniekonzert-Reihe normalerweise drei Monate vor den Konzertterminen mit dem Üben. Das sei, so Bauer, wichtig für ein harmonisches Zusammenspiel. Selbst wenn alle Musiker gleichzeitig in einem Raum unter Beachtung der Hygienevorschriften zusammenkommen dürften, wäre das Hörerlebnis für Besucher und Orchester anders als bei einer normalen Sitzordnung des Orchesters, erklärt Bauer. »Wir legen allergrößten Wert auf bleibende Professionalität und Qualität unserer Orchester. Diese könnten wir derzeit aber nicht uneingeschränkt gewährleisten.« Daher war das für Juni geplante Konzert bereits abgesagt worden.

Die Wirtschaftlichkeit dürfe bei allen Qualitätsansprüchen aber nicht aus dem Blick verloren gehen: »Jedes Konzert verursacht Kosten, selbst wenn Musiker und Saalvermieter auf Honorare verzichten könnten. Eine Reihe von Musikern sind auf Einnahmen aus Konzert-auftritten angewiesen. Daneben fallen Kosten an für Versicherungen, GEMA-Gebühren, Kartenmanagement und einige andere Kosten. Diese ließen sich selbst mit 100 Eintrittskarten nicht abdecken«, bedauert Bauer. Sollte es weitere Lockerungen geben und sich die Pandemiezahlen positiv entwickeln, hofft der Förderverein auf den 27. September. Für dieses Datum ist das nächste Konzert (nach der Sommerpause) geplant. Wer für Juni bereits Karten hatte, bekommt das Geld erstattet.

»Wir hoffen, dass jetzt mit Augenmaß und unter Berücksichtigung aktueller Corona-Entwicklungen von der Politik weitere Entscheidungen getroffen werden, die ein »Wiederaufleben« der Kultur und in unserem Falle der Musik ermöglichen und vor allem auch praktikabel sind«, sagt Bauer.

Was theoretisch möglich ist, ist praktisch fast nicht umsetzbar. 100 Personen dürfen seit dem 9. Mai und durch die Beschlüsse der Landesregierung wieder zusammenkommen. Dabei müssen aber die Hygiene- und vor allem die Abstandsregeln eingehalten werden: Vorhang auf also für Theater und Kultur? Das scheint nahezu unmöglich.

Richtig eng wird es für das Theater am Park. Viele Veranstaltungen waren bereits ausverkauft, dann kam Corona. Jetzt sollten die Lockerungen wieder Schwung in den Kulturbetrieb bringen. Aber das wird nicht leicht. Das Theater misst rund 88 Quadratmeter, abzüglich der Bühne noch 80 Quadratmeter.

16 Leute dürften in den Saal

»Mit den bestehenden Regeln können wir maximal 16 Leute reinlassen. Das wäre eine Milchmädchenrechnung«, sagt Mitarbeiterin Faulstich für das Theater. Die geringe Besucherzahl könne die Kosten kaum decken. Deshalb hat sich Theaterleiter Ulrich Rhein dazu entschieden, alle Aufführungen bis Ende Mai abzusagen. Problematisch sei nämlich auch, dass viele Vorstellung seit Langem und noch vor Corona ausverkauft waren. Dazu zählen die Auftritte von Andy Ost oder Begge Peter. »Wie soll man da jetzt entscheiden, welche 16 Zuschauer kommen dürfen«, überlegt Faulstich. Sie und Rhein hoffen, dass nach der Sommerpause alles anders wird. Ende Mai geht der Betrieb traditionell in die Sommerpause. Deshalb planen sie jetzt »normalen Betrieb« ab dem 21. August und hoffen, darauf, dass bis dahin die Abstandsregeln noch weiter gelockert oder ganz aufgehoben werden.

Ungewiss: Sommerkonzerte

Auf den Herbst hofft auch Ursula Stock, die Vorsitzende von »Kultur auf der Spur«. Sie und ihre Mitstreiter des Friedberger Kulturangebots im Bibiliothektszentrum Klosterbau haben das Programm für September bereits jetzt schon zusammengestellt. Wie es dann tatsächlich vor Ort im Klosterbau sein wird, könne weder Stock noch die Verantwortlichen vom Klosterbau jetzt schon sagen. »Jedenfalls bringen wir wie immer unser Programmheft im August heraus. Wir machen unverdrossen weiter«, sagt Stock.

Für die Reihe »Friedberg lässt lesen« kommen die Lockerungen und die neue Regelung nicht mehr rechtzeitig. Die Veranstalter hatten sich schon vor einiger Zeit entschlossen, sämtliche Veranstaltungen der Reihe abzusagen sowie den Vorverkauf für alle Lesungen vorerst zu stoppen. Weitergehen soll es »regulär« erst wieder im Oktober. Wie es dann allerdings mit den Hygiene- und Anstandsregeln sein wird, könne derzeit niemand sagen.

»Die können und werden sich bis dahin ja sicherlich noch ändern. Erst wenn diese endgültig feststehen, können wir schauen, in welcher Räumlichkeit die dann geltenden Regeln umzusetzen sind«, sagt Andreas Matlé, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Ovag.

In Sachen Sommerkonzerte kann Matlé derzeit noch nichts genaues sagen: »Wir warten noch ab, ob es bis Ende Juli neue Regeln geben wird«, hofft er

Im Theater Altes Hallenbad in Friedberg wird es trotz der Lockerungen kurzfristig keine Live-Veranstaltungen geben können. Die Räumlichkeiten und die Abstandsregelungen verhindern das. Denn mit den Abstandsregeln könnten maximal 62 Personen im Zuschauerraum Platz nehmen.

Hoffnung auf Herbst

»Mit diesen Anforderungen kannst du kein Theater machen. Davon kann man weder die Betriebskosten, noch die Gagen zahlen«, sagte Cornelia Haslbauer bei einem Treffen der Verantwortlichen des Aha. Gemeinsam haben sie sich überlegt, wie es bis zum Herbst weitergehen könnte. »Theater lebt vom Live-Erlebnis, jetzt arbeiten wird an unkonventionellen Lösungen«, sagte Klaus Nissen für die Kultur-AG.

Auswirkungen hat die Pandemie auf das Helden-Theater und die Inszenierung »Der Besuch der alten Dame«. Die Premiere des Stücks von Friedrich Dürrenmatt, die für Ende Juni geplant war, muss ausfallen, da für die Schauspieler die Abstandsregelungen gelten. »Dies bedeutet eine Neuinszenierung vieler Szenen und ist bis Juni nicht zu schaffen«, sagt Nissen. Der erste Termin, der im Alten Hallenbad stattfinden soll, ist eine Hesselbach-Lesung mit Jo van Nelsen am Sonntag, 30. August.

Für den Herbst hoffen die Kreativen der Kultur-AG, dass es in der Reihe »Kulturtaucher« weitergehen kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare