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Bis vor zweieinhalb Jahren hätten Wilko (l.) und Gerd-Christian von Schäffer-Bernstein an dieser Stelle in einem Fichtenwald gestanden, jetzt ähnelt die Fläche Buschland. Für den privaten Forstbetrieb ist der Totalausfall des »Brotbaums« ein herber Verlust.

Privatmann

Wetterauer Waldbesitzer verbuchen Fichten-Totalausfall – Wald-Krise verschärft sich

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
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Die Fichte gilt als „Brotbaum“ der Forstwirtschaft. Diese Einnahmequelle fällt komplett aus. Für Waldbesitzer Gerd-Christian Freiherr von Schäffer-Bernstein aus Ober-Mörlen ein herber Rückschlag.

Ober-Mörlen – Stürme, Schadstoffe, Trockenheit und Schädlinge haben dem Wald schon immer zugesetzt. Sind die regenarmen Jahre 2018 bis 2020 und die damit einhergehende Heerschar von Borkenkäfern also ein Ereignis unter vielen? Nach Ansicht von Gerd-Christian Schäffer-Bernstein, der zusammen mit seinem Sohn Wilko einen mittelgroßen privaten Forstbetrieb mit 365 Hektar Wald verwaltet, kommen die Ereignisse der vergangenen Jahre einer Zeitenwende gleich. »Hier stand bis vor zweieinhalb Jahren eine Fichte neben der anderen. Dann kam die Borkenkäfer-Katastrophe«, sagt der Seniorchef. Dabei deutet er auf eine 3,5 Hektar große Fläche, die jetzt Buschland gleicht. Nüchtern spricht er vom »Totalausfall« der Fichte.

Seitdem gibt es auch in den Wäldern der Schäffer-Bernsteins völlig neue Lichtungen. Etwa 40 Prozent des Bestands waren Nadelbäume, davon der Großteil Fichten. Die sind fast alle gefällt. »Trotz Borkenkäfer-Befall waren die Fichten noch zu verwerten, durch das Überangebot setzte aber ein enormer Preisverfall ein«, sagt der Waldbesitzer.

Wetterauer Fichten erleben Preisverfall in kurzer Zeit

Wurden einst 98 Euro für den Festmeter der vielseitig verwendbaren Fichte gezahlt, waren es plötzlich 10. Zum Glück gab es in Übersee genügend Abnehmer, um das Holz überhaupt loszuwerden. »Normalerweise«, so Schäffer-Bernstein, »hätten wir diese 3,5 Hektar in den nächsten zehn Jahren abgeerntet. Jetzt sind alle Fichten auf einmal weg.«

Wirtschaftlich bedeute das einen Schlag ins Kontor - trotz staatlicher Zuschüsse. Die Fördergelder fließen nach Angaben des Forstwirts unter schiedlich schnell. Manche Mittel seien schon nach sechs Wochen eingegangen, auf andere warte er aufgrund des großen bürokratischen Aufwands sehr lange.

Überhaupt die Bürokratie. Der Seniorchef kann eine Anekdote aus der Zusammenarbeit mit Behörden erzählen. Für die Wiederherstellung von Waldwegen nahm er Fördermittel des Landes in Anspruch. Die Menge Schotter, die pro Meter ausgebracht werden müsse, sei genau festgelegt, egal ob der Weg einen feuchten oder felsigen Untergrund habe. »Nach der Sanierung kamen tatsächlich zwei Prüfer des Landesrechnungshofs und haben mehrfach gebohrt, um zu ermitteln, wie viel Schotter verwendet wurde.« Sei zu wenig verbaut worden, müsse ein Teil des Zuschusses zurückgezahlt werden.

Hoffnung auf Naturverjüngung bei Wetterauer Waldeigentümern

Angesichts des Klimawandels herrscht bei Waldeigentümern Unsicherheit. Laut Schäffer-Bernstein gibt es keine Baumart ohne Schädling. Ständig kämen neue hinzu. Und was soll mit leergeräumten Flächen geschehen, auf denen Fichten standen? »Wir setzen auf Naturverjüngung, in Lücken wird nachgepflanzt. Meine Hoffnung ist, dass sich ein gesunder Mischwald entwickelt«, erklärt der Seniorchef.

Bei der Naturverjüngung werden teilweise wieder Fichten wachsen. Der Forstwirt zitiert wissenschaftliche Erkenntnisse: »Fichten aus Naturverjüngung sind deutlich stabiler als Exemplare aus Baumschulen. Sie halten Trockenheit besser aus und sind resistenter gegen Schädlinge.«

Eine komplette Aufforstung der Lichtungen kommt für Schäffer-Bernstein auch aus finanziellen Gründen nicht infrage. Das könnten sich nur private Waldbesitzer mit deutlich größeren Betrieben leisten. Er nennt ein Beispiel: Einen Hektar mit Eichen aufzuforsten koste 10 000 Euro.

Wetterau: Langfristige Planung für Holzhändler schwierig

Zu den vielen Unsicherheitsfaktoren, die eine langfristig Planung erschweren, gehören auch Kapriolen auf dem Holzmarkt und in der Möbelindustrie. Der Preis für Bauholz sei enormen Schwankungen unterworfen. Es sei kaum verständlich, dass trotz der Massen gefällter Fichten in Europa in Baumärkten manchmal kein Holz erhältlich sei. Handwerker stöhnten über lange Lieferzeiten und hohe Preise. »In der Möbelindustrie schaffen Designer plötzlich einen neuen Modetrend und setzen auf Erlenholz«, nennt Schäffer-Bernstein ein weiteres Beispiel. Schon sei sein Holz schlechter zu vermarkten.

Ohne staatliche Hilfe könne Privatwald langfristig vermutlich nicht bewirtschaftet werden. Schließlich habe Wald eine wichtige Funktion für Erholungssuchende und die Umwelt. »Ein Hektar bindet acht Tonnen CO2.« Auch für den Grundwasser-Haushalt spiele der Wald eine bedeutende Rolle. Diese Beiträge müssten von der Gesellschaft honoriert werden. Schäffer-Bernstein könnte sich vorstellen, dass ein Teil der Einnahmen aus der CO2-Steuer an Waldbesitzer geht.

Wald im Familienbesitz seit 1895

Vom Forsthaus in der Usinger Straße in Langenhain aus bewirtschaftet die Familie Schäffer-Bernstein 365 Hektar Wald. Vor dem Totalausfall der Fichte machte der Nadelholzanteil rund 40 Prozent aus. Der größte Teil des Waldbesitzes, der von Hessen-Forst betreut wird, liegt in der Wetterau, vor allem südlich der Usa in der Gemarkung Ober-Mörlen. Kleinere Flächen sind bei Usingen-Wernborn zu finden. »Wir arbeiten mit zwei Kreis- und zwei Gemeindeverwaltungen zusammen, was die Arbeit nicht einfacher macht«, sagt Seniorchef Gerd-Christian von Schäffer-Bernstein.

Der Wald befindet sich seit 1895 im Familienbesitz. Sein Ururgroßvater war einst vom hessischen Landgrafen geadelt worden. Seitdem steht der Freiherr im Familiennamen. Wilko Freiherr von Schäffer-Bernstein möchte den Betrieb in der nächsten Generation fortführen.

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