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Bewegende Schilderungen über ihre Flucht aus Syrien: Masa Alnomani hat mit ihrer Geschichte den OVAG-Jugendliteraturpreis gewonnen.

»Flüchtlinge in der Finsternis«

Von der Würde des Menschen: OVAG-Jugendliteraturpreis für Masa Alnomani

  • VonRedaktion
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Die 17-jährige Masa Alnomani aus Ober-Mörlen hat beim 18. Jugendliteraturpreis der OVAG einen großen Erfolg gelandet. Ihre Geschichte wurde zu den Gewinnertexten gewählt.

Nun sind alle im Schlauchboot. Alle 15 aus der Gruppe Ich spüre, wie das Wasser langsam steigt. Es reicht mir bis zum Bauch. Wir werden ertrinken. Welches Wunder würde uns nun doch retten?« - Der heute 17-jährigen Masa Alnomani aus Ober-Mörlen ist dieses Wunder vor sechs Jahren widerfahren.

Oder, in ihren Worten: »Nachdem wir gerettet wurden, wusste ich, dass es Gott gibt. Die Religion spielt nunmehr die wichtigste Rolle in meinem Leben. Ich brauche die Religion, um zu wissen, warum ich existiere. Die Hinwendung zur Religion ist meine bewusste, individuelle Entscheidung.« Vielleicht liegt es an dieser Hinwendung, dass Masa scheinbar frei über die Geschehnisse sprechen kann und dabei eine ungewöhnliche Selbstgewissheit ausstrahlt.

Masa Alnomani, ihre Mutter und ihre jüngere Schwester wurden bei der Überquerung des Mittelmeers gerettet. Ein Flugzeug entdeckte das sinkende Schlauchboot, verständigte ein Schiff, welches die in Not geratenen Menschen nach Griechenland brachte. Anders als Tausende von Menschen, denen das Mittelmeer zum Grab wurde.

Anstoß durch Lehrerin

»Mir fiel auf, dass das Thema Flüchtlinge hinter die natürlich ebenso wichtigen Themen wie Klima und Corona zurückrückte«, erzählt Masa. Als eine Lehrerin der Ernst-Ludwig-Schule in Bad Nauheim, wo sie mittlerweile die 11. Klasse besucht, die Schüler auf den Jugendliteraturpreis der OVAG hinwies, stand für sie fest: »Ich werde Teile meiner Geschichte zu Papier bringen.

Denn ist es doch so wichtig, dass weiter über die Würde des Menschen berichtet wird. Ich wollte einen kleinen Beitrag dazu leisten.« Es spottet in gewisser Weise dem, was Masa und ihre Familie durchlebt haben, um es bloß skizzenhaft widerzugeben.

Aber ein derartiger Bericht muss sich letztlich mit Bruchstücken begnügen: Aufgewachsen in einem Dorf vor den Toren von Damaskus, zogen Masa, ihre beiden jüngeren Schwestern und ihre Eltern (beide Biologielehrer) in die Hauptstadt, weil die Sicherheitslage immer prekärer wurde.

Vater stirbt im Bürgerkrieg

Der Vater entschloss sich zum Kampf gegen den Diktator Assad, verließ dafür die Familie. »Das war seine bewusste Entscheidung, niemand hätte ihn aufhalten können, so sehr stand er für die Sache«, sagt Masas Mutter.

Der Vater fiel im Kampf, die Mutter entschied sich mutig zur Flucht ins Ungewisse, obwohl Masas Großmutter versuchte, sie davon abzubringen. »In Syrien hätten wir keine Ruhe, keinen Frieden mehr gefunden«, sagt die Mutter. Eine ihrer Töchter blieb zunächst bei der Großmutter, kam aber später über den Familiennachzug nach. Masas Erinnerungen an ihr Heimatland: »Besonders die Feste und Picknicks mit der Familie. Das war eine schöne Zeit.«

Es folgte die wochenlange Flucht. Mit dem Flugzeug nach Beirut. Weiter mit dem Taxi, zu Fuß, im Bus, mit dem Schlauchboot, mit der Bahn. Endstation und Neuankunft in einem Flüchtlingslager in Gießen, schließlich nach Ober-Mörlen, wo Masa die Frauenwaldschule in Nieder-Mörlen besuchte.

Talent schnell erkannt

Zunächst intensiver Deutschunterricht, dann in die reguläre sechste Klasse. »Das ging recht gut. Bis auf Biologie, Erdkunde und Geschichte, weil ich dort mit vielen Fachbegriffen konfrontiert wurde. Aber«, sagt Masa lächelnd, »nach einer Erdkundearbeit fragte der Lehrer vor der Rückgabe in die Klasse hinein: Was glaubt ihr wohl, wer die beste Arbeit geschrieben hat? Masa.« Rasch erkannten die Lehrer die Talente des blitzgescheiten Mädchens und empfahlen sie weiter an die Ernst-Ludwig-Schule.

»Von Deutschland war ich vom ersten Tag an begeistert. Es gibt noch immer etwas für mich zu entdecken. Und wir haben sehr viel Hilfsbereitschaft erfahren.« Masa spielt in ihrer Freizeit Basketball, lernt Gitarre, zeichnet gerne, liest Romane und religiöse Bücher. »Es geht mir auch um den Ruf des Islam.« Durch die falsche Interpretation und darauffolgende Handlungen gerade gegenüber Frauen, sei er bei vielen Menschen in Misskredit geraden.

»Ich habe es mit der Technik«, sagt Masa vergnügt und selbstbewusst. »Ich kann mir vorstellen, etwas im IT-Bereich zu studieren.« Weiterschreiben will sie auf alle Fälle. »Technik und Literatur müssen sich ja nicht ausschließen.«

Authentische literarische Geschichte

Masa Alnomani Geschichte »Flüchtlinge in der Finsternis« wurde von der Jury des Wettbewerbs zu den Gewinnertexten gewählt. Am heutigen Freitag wird Masa neben 23 weiteren jungen Autoren im Kursaal des Hotels Dolce in Bad Nauheim für ihre Leistung geehrt.

Neben der hautnahen Schilderung von Momenten der Flucht aus Syrien, ist Masa etwas gelungen, was gute Literatur ausmacht: Wirkliche Erlebnisse mit erfundenen, aber wahren Elementen zu unterfüttern, sodass eine authentische literarische Geschichte entsteht. Bewusst hat sie den Figuren ihres Textes keine Namen gegeben. »Sie sollen stellvertretend für so viele Schicksale stehen.«

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