Dr. Vera Rupp stellt im Rittersaal die ehemaligen adeligen Schlossbesitzer vor.
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Dr. Vera Rupp stellt im Rittersaal die ehemaligen adeligen Schlossbesitzer vor.

Überraschende Einsichten im Ober-Mörler Schloss

Ober-Mörlen (hau). Dass das Interesse derart riesig sein würde, hatte Dr. Vera Rupp nicht geahnt. Binnen Minuten waren die Schlossführungen ausgebucht, die sie zum 425. Geburtstag des ortsbildprägenden Anwesens anberaumt hatte. Die Zeitreise gestaltete sich spannender als erwartet.

Dafür sorgte die Ober-Mörler Archäologin und Leiterin der Keltenwelt am Glauberg zusammen mit dem für die Sanierung zuständigen Architekten Steffen Herrmann-Adamczyk.

»Unser Schloss ist nicht gelandet wie ein Ufo«, stellte Rupp den Ausführungen beider Referenten zum historischen Kontext voran. Ähnlichkeiten seien in den Palazzi der Renaissance zu finden, im Butzbacher Schloss oder dem Oberhof in Büdingen. Statt die Zuhörer mit Zahlen zu erschlagen, wiesen Rupp und Herrmann-Adamczyk auf die Daten hin, die man am Schloss entdecken kann und an denen sich fast die komplette Geschichte festmachen lässt. Im großen Wappen über dem Haupteingang stehen die Zahlen 1589, 1691 und 1717. Vor 425 Jahren gab Hans Georg von und zu der Hees den Bauauftrag. Die zweite Zahl verrät, wann das Treppenhaus angebaut wurde, die dritte meint die Renovierung des Mansardendachs nach dem Dorfbrand von 1716. Nimmt man zwei weitere, in Stein gemeißelte Zahlen hinzu, hat man die Eckdaten beisammen: In den Pilastern rechts und links vom großen Tor steht 1684: Die Schlossmauer wird gebaut. Im Wappen über dem rückwärtigen Torbogen ist mit 1704 das Geburtsjahr des Wirtschaftshofs abzulesen. Anders das Sandstein-Wappen im Schlosshof. Das gehörte ursprünglich ans Rosenbach’sche Gut, das einst, von Wall und Graben umgeben, in der heutigen Ankergasse thronte.

Die Gästeführer hatten historische Fotos zusammengetragen, nie öffentlich gezeigte Baupläne und Anekdoten rund um die adligen Schlossbesitzer. Nach den von und zu der Hees waren dies die von Wetzels, zu deren Zeit im Jahre 1752 auch das im Rittersaal aufgehängte Gemälde von der närrischen Schlittenfahrt entstand. Der Überlieferung nach soll die Jagdszene für den Beginn der Ober-Mörler Fassenacht stehen.

Nachdem das Schloss 1838 durch Einheirat an die Familie Nordeck zur Rabenau gegangen war, nahm die Reihe der adligen Schlossbesitzer keine 100 Jahre später ein tragisches Ende: Viktor von Nordeck zur Rabenau trieb nach dem Tod seiner Frau die Spielsucht in den Ruin. Eine Versteigerung des Schlosses konnte 1895 noch vermieden werden. Doch auch die neue Besitzerin, Baronesse von Fechenbach-Laudenbach, konnte das Anwesen nicht halten und verkaufte es 1920 an die Gemeinde. Das komplette Inventar kam in Frankfurt unter den Hammer.

Eine Ahnung davon, wie prächtig das Schloss eingerichtet gewesen sein muss, vermittelten die Archäologin und der Architekt jetzt nach langer Spurensuche. Rupp hatte im Oberhessischen Anzeiger von 1895 eine genaue Beschreibung und im Frankfurter Auktionskatalog von 1920 sogar Fotos von Möbeln und Gemälden gefunden. »Es wäre großartig, wenn in Ober-Mörlen weitere Zeitzeugnisse auftauchen würden«, ermutigte sie, auf Dachböden und in Fotoalben nachzuschauen.

Bauzeichnungen aus dem Jahr 1948 hatte der Architekt aufgetan. Damals war das Dach ausgebaut worden, damit Flüchtlingsfamilien einziehen konnten. Nach dem Dachstuhlbrand 1966 wurden wieder genaue Untersuchungen und Zeichnungen angefertigt: Löschwasser war derart tief in die Decken geflossen, dass der Stuck abgeschlagen oder Decken entfernt wurden – außer im heutigen Bürgermeisterzimmer und im Rittersaal, wo auch Vertäfelungen, Fenster und Boden historischen Datums sind. Hätte das Landesamt für Denkmalpflege damals nicht auf den Erhalt bestanden, die »alte Bude« wäre womöglich abgerissen worden, erzählten die Experten. Stattdessen wurde für 680 000 Mark saniert.

Zum krönenden Abschluss lud Herrmann-Adamczyk zum Besuch des riesigen Dachstuhls ein und erläuterte die statischen Veränderungen. Letzte stumme Zeitzeugen im Treppenturm sind geschnitztes Holz und angekokelte Balken. »Man sieht nur, was man wei?, ermunterten Rupp und Herrmann-Adamczyk die Schlossbesucher, die Details auf sich wirken zu lassen und auch andernorts im Dorf auf Spurensuche zu gehen. Rupps besonderer Dank galt der Gemeinde für die Unterstützung sowie dem Architekten. Er hatte seine Zeit ebenso ehrenamtlich in den Dienst der Sache gestellt wie die Tochter des vor anderthalb Jahren verstorbenen Heimatpflegers Kurt Rupp.

Zum Trost für alle, die keine Führung mitmachen konnten: im nächsten Jahr geht’s weiter, dann auch mit einer Sonderausstellung.

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