1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Ober-Mörlen

Überfall auf Bäckerei: Täter angeblich schuldunfähig

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Im Oktober 2013 stürmt ein Mann in die Bäckerei am Kirchplatz in Ober-Mörlen. Er hält der Verkäuferin eine Waffe vor und fordert Geld. Nun steht er vor Gericht.
Im Oktober 2013 stürmt ein Mann in die Bäckerei am Kirchplatz in Ober-Mörlen. Er hält der Verkäuferin eine Waffe vor und fordert Geld. Nun steht er vor Gericht. © Nicole Merz

Ober-Mörlen (lk). Stand der 37-Jährige bei seinem Überfall der Bäckerei »Steinmüller« in Ober-Mörlen so stark unter dem Einfluss von Medikamenten, dass er schuldunfähig ist? Dieser Frage ging das Friedberger Schöffengericht am Dienstag nach. Beim Angeklagten handelt es sich um einen chronisch kranken Mann. Der Bad Nauheimer behauptet, sich an nichts zu erinnern.

Mach die Kasse auf, sonst erschieße ich dich«, sagte er am 23. Oktober 2013 zur Verkäuferin der Bäckerei Steinmüller am Ober-Mörlener Kirchplatz. Dabei hielt er eine Schreckschusspistole auf die Frau gerichtet. Anwohner beobachteten den Vorfall und griffen ein. Sie setzten den Mann, der sich in den Keller des Gebäudes geflüchtet hatte, bis zum Eintreffen der Polizei fest.

Bereits vor einem Dreivierteljahr wurde verhandelt. Es war ein kurzer Prozess. Ein Gutachter hatte dem Angeklagten Verhandlungsunfähigkeit attestiert. Der Grund: Der 37-Jährige leidet unter der Darmerkrankung Morbus Crohn und starken Schmerzen. Diese scheint er inzwischen unter Kontrolle zu haben, am Dienstag startete der Prozess neu.

Auch während der Verhandlung spielten die Krankheit und Schmerzen des Bad Nauheimers mit türkischen Wurzeln eine große Rolle. Der Angeklagte, der Frührentner ist, schilderte, er sei am 23. Oktober 2013 stationär in der Gießener Uni-Klinik aufgenommen worden. Verschiedene Schmerzmittel seien getestet worden, er habe außerdem starke Beruhigungsmittel bekommen. »Ich war total weggeschossen.«

Gegen 14 Uhr habe er mit seiner Ex-Frau telefoniert. »Wir haben uns gestritten, ich habe mich aufgeregt«, berichtete der Angeklagte. Er wisse gar nicht, wie er »mit Jogginganzug und Schlauch im Rücken« zur Bäckerei gekommen sei. An den Überfall selbst wollte der 37-Jährige keine Erinnerung haben. »Ich weiß nur, dass ich plötzlich draußen stand und überall Polizei war.« Bei der Schreckschusspistole habe es sich um seine eigene gehandelt. Er habe sie zuvor im Keller seines Wohnhauses in Bad Nauheim sicher verwahrt.

Die Verkäuferin, die an jenem Tag in die Mündung der Pistole geschaut hatte, konnte nicht zum Prozess kommen. Der Richter verlas die Aussage, die sie bei der Polizei gemacht hatte. Demnach hatte sie gegen 17 Uhr im Laden gekehrt, als sie hörte, dass jemand das Geschäft betreten hatte. »Die Person packte mich am Handgelenk, ich bin hingefallen. Der Nachbar kam rein, der Täter flüchtete durch die Backstube«, hatte die Verkäuferin der Polizei berichtet. Der Räuber habe ein schwarzes Tuch um den Mundbereich getragen und die Waffe auf sie gerichtet. Nach dem Vorfall habe sie unter Schock gestanden.

Der Nachbar, der für sein Eingreifen mit der Hessischen Medaille für Zivilcourage ausgezeichnet wurde, sagte ebenfalls aus. Er berichtete, er sei von der Arbeit heimgekommen, habe »den Kerl am Kirchplatz stehen sehen«. Der Mann sei ihm merkwürdig vorgekommen, er habe ihn weiter beobachtet. Nach etwa 15 Minuten, als kein Kunde mehr im Laden war, habe der Mann die Kapuze ins Gesicht gezogen und sei ins Geschäft gegangen. »Ich sagte zu meiner Frau, sie soll die Polizei rufen«, erinnerte sich der frühere US-Soldat. Er selbst ging ins Geschäft, wo er den Räuber über der zu Boden gestürzten Verkäuferin gesehen habe. Der Mann sei weggerannt, er habe die Frau ins Freie gebracht, sei dann mit zwei Nachbarn zurück ins Gebäude gegangen. Der Räuber hatte sich im Keller verschanzt. »Wir haben die Tür blockiert.« Ein weiterer Zeuge bestätigte die Aussage des 53-Jährigen.

Der Polizist, der den Angeklagten festgenommen hatte, sagte über diesen: »Ich hatte den Eindruck, er ist neben der Spur.«

Mit Medikamenten vollgepumpt

Richter Dr. Markus Bange verlas das Vorstrafenregister des 37-Jährigen. Dieser stand bereits wegen räuberischer Erpressung, unerlaubtem Erwerb von Drogen und Fahren ohne Führerschein vor Gericht. Wegen 14-fachen gewerbsmäßigen Diebstahls – er hatte mit einem Komplizen an Bahnstrecken in Reichelsheim und Umgebung Kupferdraht gestohlen – wurde er vom Amtsgericht Friedberg zu einer Freiheitsstrafe von 27 Monaten verurteilt. Im Berufungsverfahren am Landgericht Gießen wurde daraus eine Bewährungsstrafe. Als Argument wurde unter anderem angeführt, der Angeklagte sei »Schmerzpatient massivster Form«.

Ein Arzt für Innere Medizin erläuterte dem Gericht, der Angeklagte habe im Verlauf seiner chronischen Darmerkrankung, die aktuell in stabilem Zustand sei, ein chronisches Schmerzsyndrom entwickelt. Im Oktober 2013 habe er daher eine sogenannte Schmerzpumpe erhalten, die ihn mit starken Medikamenten versorge.

Ein psychiatrischer Sachverständiger schilderte, der Angeklagte habe früher viele Drogen konsumiert. Wegen seiner Darmerkrankung habe er fast 60 Kilo abgenommen. Am Tattag sei er mit Beruhigungs- und Schmerzmitteln »vollgepumpt« gewesen. »Er war massiv beeinträchtigt.« Aufgrund der Medikamenten-Intoxikation sei er nicht in der Lage gewesen, das Unrecht der Tat zu sehen. Eine Schuldunfähigkeit könne als gegeben angesehen werden.

Die Schöffen hakten nach. Schließlich hatten Zeugen geschildert, dass der Angeklagte vor dem Raub gezielt vorgegangen sei. »Es ist denkbar, dass er auch klare Momente hatte«, sagte der Fachmann.

Das Gericht beraumte für Dienstag, 15. März, einen Fortsetzungstermin an. Bis dahin soll überlegt werden, ob es ein weiteres Gutachten zur psychischen Verfassung des Angeklagten braucht. Die am Dienstag abgegebene Einschätzung würde voraussichtlich zu einem Freispruch führen.

Auch interessant

Kommentare