Dieser XXL-Dampfkessel hat eine Verschnaufpause auf der Raststätte Wetterau eingelegt.
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Dieser XXL-Dampfkessel hat eine Verschnaufpause auf der Raststätte Wetterau eingelegt.

Mit 162 Tonnen über die A 5

Ober-Mörlen (hau). Ein bisschen was hat er von Jim Knopfs Emma. Der schwarze Koloss dürfte mit seinen 85 Tonnen aber wesentlich mehr auf die Waage bringen als die gute alte Lokomotive. Dampf kann er aber auch, der nagelneue XXL-Kessel, der am Mittwoch auf der Raststätte Wetterau eine Zwangspause einlegte.

Dabei hatte er noch Glück, dass es hier für den 43,5 Meter langen und insgesamt 162 Tonnen schweren Transporter einen Platz gab. Fahren dürfen derartige Kaventsmänner in Hessen nämlich nur nachts zwischen 22 und 5 Uhr.

Auf der Rastanlage gebe es zwar eine Schwerlastspur, die sei für sie aber zu schmal, erzählen Dominik und Enrico. Die beiden Lkw-Fahrer können auf viele Jahre Berufserfahrung zurückblicken. Die Herausforderung, für ihre Ungetüme passende Parkplätze zu finden, stelle sich fast jede Nacht. Diesmal hatten sie Glück, dass die Einfahrt in die Anlage so geräumig ist, dass sie den 4,30 Meter breiten und ebenso hohen "convoi exceptionnel" dort abstellen konnten.

"Erst wird kontrolliert, ob alles in Ordnung ist. Dann wird geduscht und geschlafen", erzählen sie. Dass sie überhaupt einen Zwischenstopp einlegen mussten, war einer Verzögerung in der ersten Transit-Nacht geschuldet, als der 15-Achser in einem Kreisel

steckenblieb und mit größerem Aufwand "befreit" werden musste. "Eine Polizeieskorte begleitet uns immer, wenn wir auf Landstraßen unterwegs sind." Dann kann sich auch das Begleitfahrzeug hinter den Lastzug setzen. "Auf der Autobahn fahre ich vorweg", erzählt André am Steuer des kleinen weißen Transporters.

250 statt 96 Kilometer

Abgeholt hatten die drei den XXL-Dampfkessel westlich von Marburg in Dietzhölztal-Ewersbach, um ihn zu einer Kunststofffabrik in Lahnstein zu bringen. Normal wären das 96 Kilometer, mit den Umwegen für den langen Laster rund 250 Kilometer. Selbst bei höchstens Tempo 30 bis 40 wäre das eigentlich in einer Nacht zu schaffen gewesen. Da gebe es ganz andere Kaliber, für die ihr Unternehmen auch die jeweils passende Route ausloten und zur Prüfung vorlegen muss, berichten die Profis und erklären, warum der Transporter überhaupt so lang sein muss. Das hänge mit dem Gewicht zusammen, das auf entsprechend viele Achsen verteilt werden muss. So ruht der kohlpechrabenschwarze Dampfkessel also auf einer niedrigeren Brücke, sein Gewicht wird auf die vor und hinter ihm platzierten Wagenteile übertragen.

Für die Rückfahrt im leeren Zustand lasse sich alles zusammenschieben, übereinanderschlagen und somit kürzen, erklären die Fahrer. Die Be- und Entladung beobachteten sie zwar, dafür seien aber wieder andere Spezialisten zuständig.

Beim Hersteller in Ewersbach war ein 400-Tonnen-Kran nötig, um den Dampfkoloss auf sein Taxi zu laden. Zuvor hatten sich Mitarbeiter auf dessen Hinterteil mit ihren Namen unter der Überschrift verewigt: "Letzter BKS Kessel Fa. Omnical", wobei BKS für Braunkohlenstaubfeuerung steht. Die Mitarbeiter befürchten laut lokaler Presse, dass die Industriekessel-Produktion am tradierten Standort in Ewersbach eingestellt und verlagert wird, was vor Ort den Verlust von Arbeitsplätzen bedeuten würde.

Für einen solchen Dampfkessel, wie er jetzt in der Wetterau verschnauft hat, kann man 3500 Arbeitsstunden und einen Wert von rund 700 000 Euro rechnen. Abnehmer kommen unter anderem aus den Bereichen Energieversorgung, Stadtwerke, Automobil-, Papier-, Möbel-, Chemie-, Lebensmittel- oder Getränkeindustrie.

Inzwischen ist das gute Stück übrigens an seinem Bestimmungsort angekommen, um 2.30 Uhr am Donnerstagmorgen und damit einige Stunden vor der zuletzt angenommenen Zeit. Mit Braunkohlenstaub befeuert, kann es seinem neuen Besitzer jetzt jede Menge Dampf machen. (Fotos: hau)

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