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Seit 35 Jahren ist Rüdiger Reller im Geschäft. Gemeinsam mit seiner Frau Katja führt er das Unternehmen; links Sohn Leon.

Wetterauer Abschlepp-Firma

Sie sind da, wenn es gekracht hat: Abschleppdienst-Chef über Schlimmes, Kurioses, Spannendes

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Der Ober-Mörler Abschlepp-Unternehmer Rüdiger Reller spricht über Hochwasser-Pannen, Glatteis-Unfälle , ein Flugzeugunglück, eine verbrannte Leiche und seine Arbeit für Mord-Ermittler.

Der Ober-Mörler Abschlepp-Unternehmer Rüdiger Reller ist viel unterwegs, hilft Menschen aus der Patsche oder beseitigt nach einem Unfall die Trümmer. Dabei hat er im Laufe seiner 35 Jahre im Job viel erlebt - Schlimmes, Kurioses und Spannendes.

Dramatisches - Ein ganz trauriges Kapitel in Rellers Berufslaufbahn war das Flugzeugunglück über Melbach. Am 8. Dezember 2012 stießen dort zwei Kleinflugzeuge gegeneinander, alle acht Insassen starben. Reller brachte Überreste der Flugzeuge nach Braunschweig zu einem Hangar, half beim Sortieren der Teile der verunglückten Maschinen. Auch nach der Massenkarambolage auf der A 45 zwischen Wölfersheim und Florstadt mit mehr als 100 Fahrzeugen im Jahr 2013 war Reller rund zwölf Stunden im Einsatz, ein Kollege sogar über 20 Stunden, erinnert sich der Abschlepp-Unternehmer. »Das hat ausgesehen wie auf einem Schlachtfeld«. Glücklicherweise gab es damals keine Toten. Ganz im Gegensatz zu einem anderen Unfall: Ein Auto stand in Flammen, innen befand sich ein verbrannter Mensch, der zunächst nicht aus dem Fahrzeug geholt werden konnte. Reller: »Wir haben die verbrannte Leiche mit Auto geborgen.« Das Bestattungsunternehmen kam zu den Rellers.

Schnee und Glatteis - Ein paar Unfälle, alles Bagatellen: gegen den Bordstein gerutscht, Ölwanne aufgerissen, Reifen und Felge kaputt, Federbruch - mehr sei nicht gewesen bei den jüngsten Glatteis-Unfällen, mit denen er konfrontiert war, sagt Rüdiger Reller. Der Geschäftsführer des gleichnamigen Abschleppdienstes in Ober-Mörlen, Friedberg und Wölfersheim zollt den Autofahrern in der Wetterau Respekt: »Die Leute waren sehr diszipliniert.« Ein anderes Kälte-Phänomen trat oft auf: Immer wieder mussten die Rellers Starthilfe geben.

Hochwasser - Autofahrer, die sich bei Hochwasser »Och, da komm ich noch durch« denken, gibt es immer wieder. In die Kategorie fällt auch ein Erlebnis, das Reller neulich hatte, als er bei Karben ein Auto abschleppen musste. Ein Mann fuhr auf einen gesperrten Feldweg, ignorierte das Hochwasser und landete mit Wagen im nassen Element. Zuvor hatte er auf Allrad umgeschaltet, was natürlich nichts half. Das Ergebnis: Der Wagen stand mindestens einen Meter tief im Wasser. Rellers Sohn kam mit dem Traktor und zog das Auto aus dem Wasser bis zum Abschleppwagen. Das »abgesoffene« Auto an sich wog zweieinhalb Tonnen, hinzu kam das Gewicht des Wassers - nochmal eine Tonne.

Mehr Sicherheit - Die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle sei deutlich zurückgegangen, sagt Reller. »Die Fahrzeuge werden viel sicherer, die Unfallschwerpunkte sind entschärft.« Für letztgenannten Aspekt nennt der Abschlepper als Beispiel das Melbacher Kreuz. »Da hatten wir jeden Monat einen schweren Verkehrsunfall, im Jahr vier, fünf Tote. Jetzt haben wir da einen Kreisel.Wenn ich da einmal im Jahr eine Besoffenen habe, der draufliegt, dann ist es viel.« Beispiel Nummer zwei: Früher habe es fast jeden Montagmorgen einen Auffahrunfall auf der A 5 zwischen der Raststätte Wetterau und der Abfahrt Friedberg gegeben. Am Ende des dadurch entstandenen Staus hätten sich schwere Auffahrunfälle ereignet. Mittlerweile sei der Bereich videoüberwacht, die Fahrer würden per Anzeige gewarnt und zum Drosseln der Geschwindigkeit aufgefordert.

Mordfall - Vor einigen Jahren sorgte ein Mordfall für Schlagzeilen. Der Täter hatte seine Freundin umgebracht und zerstückelt. Es bestand die Möglichkeit, dass mit einem Firmenwagen Leichenteile weggebracht worden waren und sich deshalb im Auto eventuell entsprechende Spuren finden lassen konnten. Also mussten potenzielle Spuren gesichert werden. Doch um welchen Firmenwagen handelte es sich? Reller musste mehrere Fahrzeuge zwecks Untersuchung abholen. Da zwei Autos in einer Tiefgarage standen und er sie deshalb nicht mal eben auf die Ladefläche bugsieren konnte, musste er sie rausfahren - mit zwei Paar Handschuhen und Schutzanzug, damit er keine Spuren hinterließ. Zudem bugsierte Reller Altkleidercontainer auf sein Firmengelände, damit die Polizei Klamotten-Berge durchwühlen konnte. Sie fand Kleidung der Ermordeten.

Schon 35 Jahre im Geschäft

Seit 35 Jahren ist Rüdiger Reller, der den Abschleppdienst mittlerweile gemeinsam mit seiner Frau Katja führt, selbstständig. Im Unternehmen arbeiten neben den Chefs drei Festangestellte und sechs Aushilfen. Die Anfänge liegen in Rodheim, dann ging es nach Berstadt. Im Jahr 2000 wurde der Zweitbetrieb in Ober-Mörlen eröffnet und dorthin auch der Hauptsitz verlegt. Seit 2015 gibt es die Firma zudem in Friedberg. Die Rellers wohnen in Ober-Mörlen. Bevor sie zu einer Unfallstelle ausrücken, läuft folgendes Szenario ab: Der Polizist vor Ort fordert bei der Polizei-Einsatzzentrale in Gießen einen Abschleppwagen an. Von dort aus werden die Koordinaten an die Abschleppleitzentrale weitergegeben. Die wiederum beauftragt das Unternehmen, das sie in diesem Fall für am besten geeignet hält. Dabei spielt es eine Rolle, wo sich Firma und Unfallstelle befinden und über welche technische Ausstattung die Firma verfügt.

Wenn Technik zum Fluch wird

Die Rellers schleppen Fahrzeuge mit einem Gewicht von bis zu 7,5 Tonnen ab. Durch die umfangreiche Elektronik seien die Fahrzeuge auch schwerer geworden, sagt Reller. Früher habe ein Golf 800 Kilo gewogen, mittlerweile seien es wegen der Elektronik 1,2 Tonnen.

Bei allen Verbesserungen für die Sicherheit im Straßenverkehr gibt es aus Sicht des Abschleppers auch Dinge, die sich zum Schlechten gewendet haben. Zum Beispiel, dass es immer mehr Automatik-Fahrzeuge gebe. Hätten die ein Problem, sagt Reller, dann lasse sich nicht mehr der Neutral-Modus einstellen. Die Folge: Man könne das Auto nicht so einfach abschleppen, weil die Räder blockierten. Auch die elektronische Handbremse könne für eine Blockade sorgen, wenn nämlich die Elektronik aus Sicherheitsgründen - damit das Auto nicht zu brennen beginne - ausgeschaltet werde. Oder der Abschlepphaken: Früher sei er ans Auto drangeschweißt gewesen, mittlerweile müsse man ihn reinschrauben. Fährt einem hinten jemand drauf, kommt man unter Umständen nicht mehr an den Kofferraum, in dem der Haken liegt. Reller muss dann das Auto von der Seite anpacken und eine zweite Fahrspur blockieren. Anderes Problem: »Es hat ja fast kein Auto mehr ein Ersatzrad dabei«, beklagt Reller. »Wie oft müssen wir Autos abschleppen, weil jemand eine Pille-Palle-Reifenpanne hat.«

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