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Chaos im Kopf und im Körper: Ganz plötzlich ist sie da und lässt den Stress zu Hause und in der Schule genauso wachsen, wie Bart und Busen: die Pubertät. Patentrezepte für die Erziehung gibt es keine, aber es kann helfen, das »System Pubertät« zu verstehen und ein paar Verhaltenstipps zu beherzigen.

»Pubertier«

Psychologin im Interview: So kommen Eltern durch die Pubertät ihrer Kinder

  • Sabine Bornemann
    vonSabine Bornemann
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Wenn Türen knallen, die Fetzen fliegen und mit einem pubertierenden Teenager die Nerven blank liegen, helfen vor allem Geduld, Empathie und Verständnis, wie Psychologin Gabriele Lotz-Forndron aus Ober-Mörlen im Interview erklärt. Gerade jetzt in der Pandemie.

Wenn aus dem Kind ein »Pubertier« wird, wie schafft man es, gelassen zu bleiben?

Mit dem Begriff »Pubertier« haben Sie mir ein Stichwort gegeben zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt: Eltern sind keine »Leitwölfe« mehr. Sie trauen sich immer weniger, diese Führung zu übernehmen. Stattdessen lassen sie die Kinder sich ungehemmt entfalten. Sie werden mit teurem Spielzeug, digitale Medien überschüttet, zu Materialisten erzogen.

Wie wirkt sich das aus?

Dass dies unter anderem zu Reizüberflutung führt, mit der negativen Begleiterscheinung von Konzentrationsproblemen, wird häufig nicht erkannt. Die Kinder müssen nicht lernen, sich zu beschränken oder sich auf Bedürfnisse Anderer einzustellen und sie können sich darauf verlassen, dass die Erwachsenen ihnen immer zur Seite stehen. Auf diese »Helikopter-Eltern« folgen logischerweise die »Tyrannenkinder«. Eltern, die so gut wie nie »Nein« sagen oder erst »Nein« und dann doch »Ja«, nehmen dem Kind die Möglichkeit, Empathie zu entwickeln, die Grenzen des Gegenübers zu akzeptieren. Als erstes sollte genau hier ein Umdenken erfolgen, um der Pubertät gelassen entgegen zu sehen.

Was können Eltern tun?

Als zweites ist es wichtig, dass sich die Eltern beizeiten klarmachen, was Pubertät bedeutet, wie die einzelnen Schübe verlaufen und was der Zweck dieser Phase ist. Auch sollen Eltern die Zeit des Wandels, der Veränderung, Abnabelung und Aufbruch in ihr eigenes Leben, mit Positivität und Neugierde betrachten.

Wie schwer ist die Pubertät für die Jugendlichen selbst?

Für die Jugendlichen ist die Zeit der Pubertät eine enorme Herausforderung. Was in ihnen vorgeht, was mit ihnen geschieht, verstehen die Jugendlichen meist selbst nicht. Es verwirrt, beunruhigt und fasziniert sie. Sie verspüren chaotische Gefühle, Unsicherheiten und Ängste. Sie erleben eine Zeit der großen Polarisierung: überschwängliche Liebe sowie Enttäuschung, Gut wie Böse, Geselligkeit und Einsamkeit, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Moral und Unmoral, Macht und Schwäche usw. Aber gerade diese Polarisierung verhilft ihnen sich zu erfahren und zu erleben, um dann aus ihr zu einer eigenen gefestigten Persönlichkeit hervorzugehen, die sie sagen lässt: Das bin ich, und das möchte ich nicht sein.

Was passiert im Gehirn und im Körper?

In den ersten Jahren des Lebens wächst das Gehirn in rasantem Tempo. Ständig bilden sich neue Zellen und neue Nervenverbindungen. Aufgrund dieser »Überproduktion« sind Kinder enorm lernfähig, können alles aufnehmen, problemlos verschiedene Sprachen und Musikinstrumente lernen. In der Pubertät kommt es zu einem starken Wandlungsprozess. Das Gehirn wird effizienter. Nervenverbindungen (Synapsen), die kaum genutzt, werden gekappt, und häufig genutzte Verbindungen werden ausgebaut. Die Bauarbeiten im Stirnhirn (Präfrontaler Cortex) dauern am längsten. Ausgerechnet hier werden überlegte Entscheidungen gefällt. Da sich dieser Bereich im Umbau befindet, wird nun ein anderer Teil des Gehirns zu Rate gezogen: Die Amygdala. Der Sitz der Gefühle. Daher werden die Entscheidungen eher emotional und selten rational getroffen.

Welche Rolle spielen die Hormone?

Während der Umbauphase wird der Körper zusätzlich mit Hormonen überflutet, dessen Startschuss der Hypothalamus gibt. Hier kommt es zu einer Sollwertänderung, welche zu einer vermehrten Ausschüttung von verschiedenen Hormonen führt. So steuert der Hypothalamus unter anderem das Sexual- und Fortpflanzungsverhalten und schafft mit der Ausschüttung der Sexualhormone ein Pulverfass der Gefühle.

Was braucht der Jugendliche in dieser Phase?

Der Jugendliche braucht ein offenes, ehrliches Gespräch mit seinen Eltern, sowie Gehör. Die Eltern sollen dem Jugendlichen richtig zuhören und auch regelmäßige Zeiten einplanen für gemeinsame Unternehmungen. Hierbei ist unbedingt die Meinung, Ansicht des Jugendlichen mitzuberücksichtigen.

Was ist noch wichtig?

Weiterhin braucht der Jugendliche Grenzen sowie Aufgaben mit entsprechender Verantwortung, er möchte ernst genommen werden. Diese kann er in Sportvereine, in der Jugendfeuerwehr und oder im Elternhaus finden. So herausfordernd die Zeit der Pubertät sein mag, der Jugendliche braucht nach wie vor Wertschätzung, Anerkennung, Lob und Liebe.

Was brauchen Geschwister und Eltern?

Spontan fällt mir dazu das Wörtchen »Geduld« ein. Es ist wirklich eine absehbare Zeit, und das sollen sich Eltern und Geschwister immer wieder vor Augen führen. Die Eltern sind und bleiben wichtige Vorbilder.

Streng sein oder vieles durchgehen lassen. Ein schmaler Grat. Was raten Sie?

Wichtig ist als Eltern authentisch zu bleiben, Verständnis zu zeigen und spüren lassen, im Gespräch mit dem Jugendlichen zu bleiben, Grenzen zu setzen und beim Übertreten der Grenzen die Konsequenzen, die man vorher abgesprochen hat, umzusetzen.

In der aktuellen Situation mit Kontaktbeschränkungen und Schulschließungen ist es für Jugendliche besonders schwer. Bekommen Sie Feedback von Jugendlichen?

Ja, das habe ich. Die Rückmeldungen fallen altersbedingt unterschiedlich aus. Die Schüler und Schülerinnen, die zwischen 11 und 13 Jahre alt sind, freuen sich, bald wieder in die Schule gehen zu können, um ihre Freunde und Lehrer wieder zu sehen. Während die Jugendlichen ab etwa 14 Jahren sich gut an neuen Situationen anpassen können. Sie akzeptieren Klassenkonferenzen oder Homeschooling. Sie sind gut untereinander vernetzt und haben ja schon vorher ihre Beziehungen online gepflegt.

Wie geht es Pubertierenden sonst seit der Pandemie?

Die aktuelle Situation stellt noch einmal eine besondere Herausforderung für Familien mit Jugendlichen dar. Ich spreche besonders die 11- bis 14--Jährigen an. Die starken Einschränkungen gehen komplett gegen die Bedürfnisse dieser Pubertierenden. Während sie auf Erfahrungen und Sozialkontakte außerhalb der Familie angewiesen sind, beispielsweise gehören Gleichaltrige, Sporttrainer/- innen, Lehrer und Lehrerinnen dazu, um ihre Entwicklungsaufgabe bewältigen zu können, werden die Pubertierenden in ihrer Selbstfindung im Lockdown erheblich eingeschränkt. Das kann dazu führen, dass manche Pubertierende sich wieder regressiv an ihre Eltern binden oder sich extrem zurückziehen, Ängste entwickeln.

Was wären Lösungsstrategien in der Pandemie?

Da fallen mir die Begriffe »Verständnis« und »Verhandlungsgeschick« ein. Wichtig ist, Verständnis zu zeigen und mögliche Regeln gemeinsam besprechen. So dürfen Jugendliche zum Beispiel ruhig mehr als sonst digitale Medien einsetzen, um ihre sozialen Kontakte zu pflegen.

Sie bieten über die VHS einen Workshop an. Worum wird es gehen?

Ich möchte Eltern in bestimmte Rollen schlüpfen lassen, um besseres Verständnis für bestimmte Verhaltensweisen ihrer Kinder zu bekommen. Es ist für mich stets ein schönes Gefühl, wenn die Eltern am Ende äußern: »Ach, jetzt verstehe ich das!« »Jetzt geht mir ein Licht auf!« »Jetzt wird mir so einiges klar!«

Präsenzveranstaltungen im Mai

Die Volkshochschule in Friedberg setzt darauf, im Mai wieder Präsenzveranstaltungen anbieten zu können. Der Kurs »Vortrag: Pubertät oder Wie fasse ich einen Igel an?« soll am Samstag, 15. Mai, von 10 bis 14 Uhr in den Räumen der VHS in der Friedensstr. 18 stattfinden. Vortrag und Fragen sind von 10 bis 12.30 Uhr vorgesehen. Nach einer Mittagspause geht es weiter mit einem einstündigen Workshop von 13 bis 14 Uhr. Anmeldung unter Tel. 0 60 31/83 60 00 oder per E-Mail an info@vhs-wetterau.de.

Mit welchen Strategien in Sachen Pubertät sind Sie selbst am besten »gefahren«?

Ich habe zwei Söhne - mittlerweile 25 und 27 Jahre alt, die beide vor ihrem Staatsexamen stehen. Was ich meinen Söhnen von Anfang an habe zukommen lassen, war Empathie und Aufmerksamkeit. Meine Söhne habe ich in ihrer Pubertät mit aufklärenden Gesprächen begleitet, habe ihnen Vertrauen entgegengebracht und viel Humor. Durch meine Aufmerksamkeit wusste ich, wann ich wieder ein Stück loszulassen hatte und dabei weiter Vertrauen zu haben.

Gibt es einen »Geheimtipp«?

Ein Umdenken in den jungen Familien zu erwirken. Jede Mutter und jeder Vater hat die wichtigste Aufgabe auf der Welt: ihr Kind zu einem guten, liebevollen, fürsorglichen Mitglied der Gesellschaft zu erziehen, das weiß, was richtig und was falsch ist. Mütter und Väter gestalten die Zukunft der Welt, da sie ihre Kinder formen. Die Zukunft der Welt hängt von dem Verhalten und den Werten ab, die Eltern ihren Kindern durch Worte vermitteln und vorleben.

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