Digitale Orgel

Orgelklang aus dem Computer in Ober-Mörlen

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Das digitale Zeitalter hat in der St.-Remigius-Kirche Einzug gehalten. Die neue Digitalorgel wurde aus Kostengründen angeschafft, die 46 Jahre alte Orgel ist stark sanierungsbedürftig.

Hoch konzentriert sitzt Danilo Randel auf der Orgelbank, drückt Tasten, zieht Register, schaut auf Amplituden im Laptop und spitzt die Ohren. "Diese Seite ist fertig", erklärt er mit Blick auf den imposanten Spieltisch, wo sich um drei Manuale diverse Registerzüge, kleine Druckknöpfe und ein Display scharen. Anders als bei der Pfeifenorgel reagieren die Registerknöpfe auf Druck und leuchten, sobald sie aktiv sind.

Was wir hier hören, ist echter Orgelklang

Danilo Randel; Intonateur

Drei Tage lang waren Intonateur Randel und seine Kollegen damit beschäftigt, auf der Empore in der Ober-Mörler St.-Remigius-Kirche eine hochwertige Digitalorgel einzurichten. Zwölf Lautsprecher wurden unsichtbar hinter der alten Pfeifenorgel an die Wand geschraubt, zwei Bassboxen neben den alten Spieltisch gestellt. "Was wir hier hören, ist echter Orgelklang", erklärt der Intonateur. Anders als elektronische Orgeln früherer Zeiten arbeiteten digitale Kirchenorgeln mit in Echtzeit wiedergegeben Samples.

Um den digitalen Klang so nah wie möglich an den von der Pfeifenorgel gewohnten heranzubringen, geht Randel sorgfältig durch alle Töne und Register, gibt hier etwas Schärfe hinzu, nimmt dort etwas Bassvolumen. Jedes Register werde aus verschiedenen Lautsprechern im Wechsel zwischen links und rechts wiedergegeben, um den Klang zu beleben, erläutert der Experte. Um diesem noch näher zu kommen, werde die "Trompete" bewusst verstimmt, das typische Live-Tuning also simuliert.

Kosten: 30 000 Euro

Über die Grundstimmung hinaus bietet die Digitalorgel, eine Ecclesia D 450 von Johannus mit 54 Registern und 30-tönigem Pedal, weitere Möglichkeiten. Dank gespeicherter Originalklänge wertvoller Kirchenorgeln kann der Organist aus vier Dispositionen wählen und für die Orgelliteratur unterschiedlichster Epochen auf die jeweils passende Intonation zurückgreifen. Ton für Ton, Register für Register wurde zum Beispiel von der wertvollen Orgel im sächsischen Oederan aufgezeichnet und im Labor gesampelt. Drücke dann ein Organist auf die Taste einer Digitalorgel, erklinge der Ton einer wirklichen Orgelpfeife samt dem typischen Anblasgeräusch, erklärt der Experte.

Seit Klein auf sitzt der gelernte Werkzeugmacher und Maschinenbauer auf der Orgelbank, machte den Kirchenmusikschein, ist in seiner Heimatgemeinde Organist und seit Jahren für das Kirchenorgelhaus Kisselbach in ganz Europa unterwegs. So kann er auch den Organisten vor Ort Tipps zur Handhabung des ungewohnten Instrumentes geben.

Erstmals bei Fastnachtsgottesdienst im Einsatz

In Ober-Mörlen war die Digitalorgel zum ersten Mal am Fastnachtssonntag im Gottesdienst-Einsatz. Gerne zog Organist Hansjörg Weckler alle Register, hatte er sich doch mit den meisten Kollegen lange auf diesen Tag vorbereitet. Tatsächlich hatte das Orgel-Thema seit Jahren im Raum gestanden, wie Stefan Feuerstein vom Verwaltungsrat während des Neujahrsempfangs der Pfarrei unlängst berichtete. Demnach hätte man zwar gerne die Breitmann-Pfeifenorgel (Baujahr 1973) restauriert, sich im Verwaltungsrat aus Kostengründen aber mehrheitlich für das digitalen Instrumentes entschieden.

Zur Sprache kamen ein Sachverständigen-Gutachten vom Juli 2016 und ein Angebot zur Reinigung und Sanierung der Pfeifenorgel mit Neubauangebot vom April 2017. Die hier veranschlagten Kosten hätten zwischen 42 000 Euro (Reinigung, technische Instandsetzung, Nachintonation) und, je nach Intensität der Wartungsarbeiten, rund 160 000 Euro für die Renovierung und Instandsetzung gelegen. Ein Neubau wurde auf 440 300 Euro beziffert. Bei der Entscheidung zwischen wünschenswert und machbar habe man sich für die wartungsfreie Digitalorgel zum Preis von 30 000 Euro entschieden, erklärte Feuerstein. Die Pfeifenorgel bleibe an Ort und Stelle und die Option zur Restaurierung erhalten.

Bemängelt wurde während des Treffens, dass nur ein Angebot eingeholt worden sei. Auch im Vorfeld gab es kontroverse Diskussionen um das Kircheninstrument und die Transparenz bei der Entscheidungsfindung. Kritikern der Digitalversion halten Organist Weckler und Walter Grimmel vom Verwaltungsrat entgegen,  dass das Geld zur nötigen Sanierung der Pfeifenorgel schlichtweg fehle."

Nach Alternativen habe man sich auch vor dem Hintergrund umgeschaut, dass die Orgel nur eine Stunde pro Woche gespielt werde. Sie könne nicht mit Instrumenten und Nutzungszwecken wie dem in der Bad Nauheimer Dankeskirche verglichen werden. Das Gros der 30 000 Euro habe man durch Privat- und vor allem Firmenspenden bereits zusammen, berichten Grimmel und Weckler und hoffen auf weitere Spender für die Restfinanzierung.

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