1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Ober-Mörlen

Ober-Mörlen öffnet die Höfe: Viel mehr als nur Fasching

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Weitere Fotos aus Klein-Karben


finden Sie unter
 
www.wetterauer-zeitung.de
Weitere Fotos aus Klein-Karben finden Sie unter www.wetterauer-zeitung.de © Red

Ober-Mörlen (mlu). Zig Ober-Mörlener haben am Wochenende ihre Höfe geöffnet, um zu zeigen, wie sie leben. Kunsthandwerk wurde geboten, Oldtimer gab es zu sehen, und Landfrauen tanzten uff de Gass.

Rund 50 Attraktionen verteilten sich bei der Aktion, für die ein verheerender Dorfbrand Pate stand, auf einem Dutzend Straßen, Gassen und Plätzen. Beste Gelegenheit, alte Bande enger zu knüpfen oder sich als Neubürger einzuleben.

+++ Zur Bildergalerie

Kein Lüftchen rührt die Nachtkleider, die über Tischen und Bänken in einem Hof in der Schustergasse an einer Leine hängen – unter Nachbarn kann man die Wäsche getrost hängen lassen. Oder aus der untersten Schublade von Omas Kleiderschrank hervorkramen, als angemessene Dekoration für »Ober-Mörlen öffnet die Höfe«, eine Veranstaltung, für die sich die Mörler die wohl wärmsten Tage des Jahres ausgesucht haben. Der Rede, mit der Bürgermeister Jörg Wetzstein am Samstagnachmittag des Schlossbrandes vor 300 Jahren gedenkt und den Gemeinsinn beschwört, lauschen trotzdem an die 120 Menschen, auch wenn sie spät eingetrudelt sind.

Der Wiederaufbau des Dorfes durch seine Bürger, den die Hobby-Malerin Heidemarie Frangipani v. Hoch symbolisch in einem Bild dargestellt hat, fungiert als heimlicher Schirmherr des beschaulichen Volksfestes. Dass man bis Sonntagabend selten fürchten muss, sich in einer Menge zu verlieren, liegt an der Weitläufigkeit des Programms, das auf einem Dutzend Straßen und Gassen 47 Attraktionen bereithält.

»Wenn Bürger etwas machen, so wie diese Initiativgruppe, dann machen viele mit«, erklärt die ortsansässige Dr. Vera Rupp die große Teilnahmebereitschaft. Als sie die Sängerin Sonya Prada, die in ihrer Nachbarschaft wohnt, gefragt habe, ob sie nicht ehrenamtlich singen wolle, habe die sofort Ja gesagt. Jetzt rockt Prada im Hof der Familie Thomas Brannekämper einen Song von Alanis Morissette, und die Direktorin der Keltenwelt am Glauberg feiert. Brannekämper sagt: »Hier sieht man, dass Ober-Mörlen nicht nur zum Karneval etwas auf die Beine stellen kann.«

Auf der Straße parken einige Oldtimer. Ein paar Häuser weiter erlebt Rockenbergs Bürgermeister Manfred Wetz eine Überraschung. Agraringenieur Matthias Peter hat die Umrisse der Gemarkung in seinem Hof aufgemalt und mit Proben der Böden versehen, die in dem Gebiet vorkommen. Weiterführende Informationen findet der Besucher auf Schautafeln, die einem Museum für Bodenkunde entliehen sein könnten. Peter hat das Thema eigens für den Tag der offenen Tür aufgearbeitet. Spezialwissen, das bei Wetz auf Interesse stößt, während Kinder an einem Tisch mit Mörler Erdfarben zu Werke schreiten.

Ein bisschen Museumsdramatik bietet auch Heinrich-Karl Wagner in der Neugasse. In einem Zelt läuft ein Video vom Festzug zur 1200-Jahr-Feier. Auch Wagner hat in seinem Hof alte landwirtschaftliche Geräte und Maschinen ausgestellt; die Straße runter parken historische Traktoren, auf dem Platz an der Ecke Schustergasse wird wäi froier gedrosche, zweimal am Tag für eine Stunde – staubig, aber sehenswert.

Viel Anklang findet das Kunsthandwerk bei Familie Hausmanns im Sonnenhof. Ulrich Hausmanns drechselt, der angehende Goldschmied-Geselle Christian Purper aus Bad Nauheim fertigt Schmuck, Albert Recht, Schöpfer der imposanten Karnevalsmasken, die als Wintersteingeister bekannt sind, ist mit Hammer und Stechbeitel zugange. Weiter hinten präsentiert Rainer Metzger den Chopper, den er für Schauzwecke gebaut hat, Einzelteile drechselte Hausmanns aus Edelholz. Das Stahlvehikel, dessen Herzstück ein gläserner Tank ist, imponiert auch den Mörler Landfrauen, die nach einem der Volkstänze, die sie in den Straßen aufführen, einen Blick auf den Feuerstuhl riskieren.

Als Bauersfrau von 1850 ist Brigitte Möbs-Zimmerer nicht auf den Mund gefallen. Auf ihren Gängen durchs Dorf nimmt sie Bezug auf die Ortsgeschichte, aber auch auf gegenwärtige Ereignisse.

»Als die Landwirtschaft noch den Alltag prägte, waren die Dörfer offener, durchlässiger«, sagt Rolf Jacksch. Mit dem Wirtschaftswunder hätten die Höfe dichtgemacht, die Kontakte seien über die Jahre eingeschlafen, viele Neubürger seien hinzugekommen. Deswegen findet er die Veranstaltung gut, und er hat sich darauf gefreut, heute Höfe besuchen zu können, die er nur noch aus seiner Kindheit kennt. Einige von denen sind wahrlich kleine Oasen der Geborgenheit, entstanden in jahrzehntelanger Sanierungsarbeit.

Wer sich die Zeit nimmt, erfährt einiges über die Geschichte der Fastnachtshochburg an der Usa, trifft auf Gemälde- und Textilausstellungen, wird im Schlosshof vom MCC-Musikzug unterhalten, lauscht Klängen von Dudelsack und Harfe, lernt in Sachen Wasser und Wetter hinzu, von den hausgemachten Leckereien nicht zu reden. Das alles stellt sich dar wie das lebendige Porträt einer Gemeinde, die nicht nur närrisch kann, sondern auch ganz gediegen.

Auch interessant

Kommentare