Für ihre 15 Pferde ist Monika Lomnitz mit Herzblut im Einsatz. Ihre Kosten galoppieren gerade davon, weil sie seit sieben Wochen keinen Reitunterricht geben darf. 	FOTOS: HAUSMANNS
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Für ihre 15 Pferde ist Monika Lomnitz mit Herzblut im Einsatz. Ihre Kosten galoppieren gerade davon, weil sie seit sieben Wochen keinen Reitunterricht geben darf. FOTOS: HAUSMANNS

Pferdebetrieb in der Krise

Keine Wiedereröffnung: Hilferuf aus Ober-Mörler Reitschule

  • vonAnnette Hausmanns
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Seit sieben Wochen ruht im Ober-Mörler Pferdebetrieb von Monika Lomnitz der Reitunterricht. Ihre 15 Lehrpferde versorgt und bewegt sie mit Unterstützung selbst. Die Kosten galoppieren derweil davon.

Strahlend steht Monika Lomnitz in der stillen Stallgasse. Dabei ist der Berufsreitlehrerin eigentlich nicht nach Lachen zumute. Zur Wiederaufnahme des Unterrichts könne ihr niemand Auskunft geben, sagt sie. Pferdebetrieb oder Sportstätte, das ist offenbar Auslegungssache - und entscheidet im schlimmsten Fall über Leben und Tod.

Seit sieben Wochen ruht Lomnitz’ Schulbetrieb. Die Corona-Krise dreht ihr den Einnahmenhahn zu, Pensionspferde gibt es nicht. Die Kosten laufen weiter: für die Versorgung ihrer 15 Lehrpferde allein 12 000 Euro monatlich, nicht mitgerechnet Pacht, Lohn, Steuern, Versicherungen. 10 000 Euro Soforthilfe waren nach drei Wochen aufgefressen.

Reitschule Ober-Mörlen: Wunsch nach Einzelunterricht 

Die Pferde stehen draußen auf der Koppel, freuen sich am Frühling und am frischen Heu. Später werden sie gründlich geputzt und bewegt. Pferdewirtschaftsmeisterin Monika Lomnitz macht das mit Herzblut, seit dem 16. März aber auch fast allein. Ihr Ehemann Gerd Strothenke und ein Angestellter kümmern sich um die Stallungen, Lomnitz und drei Helferinnen um die Pferde - nicht nur aus Tierschutzgründen, sondern aus tiefster Überzeugung, wie sie sagt.

»Die Tiere müssen täglich geritten oder gezielt bewegt werden«, erklärt Lomnitz. Ohne Bewegung drohten lebensbedrohliche Krankheiten wie Kolik, Hufrehe oder Kreuzverschlag. Außerdem müssten die Tiere rittig bleiben für den Schulbetrieb. Die Kinder seien traurig, dass sie nicht zu ihren geliebten Pferden dürften. Würden die Tiere den Schülern gehören, dürften diese sie auch in Corona-Zeiten reiten. Unterricht sei ihr aber nicht gestattet, auch nicht bei Einhaltung aller Abstands- und Hygieneregeln auf dem weitläufigen Gelände, wundert sie sich. Ihr Wunsch: Einzelunterricht oder Unterricht in Kleinstgruppen mit maximal vier Reitschülern.

Reitschule Ober-Mörlen: Schließung ungerechtfertigt?

»Abstand kann ich garantieren«, unterstreicht Monika Lomnitz. Ihre Reithalle messe 20 mal 60 Meter. Auch in den beiden über 100 Quadratmeter großen Stallgassen sei es ein Leichtes, die Mindestabstände zwischen maximal acht Personen auf der 10 000 Quadratmeter großen Reitanlage einzuhalten. Die flächendeckende Schließung von Reitschulen mit bundesweit rund 65 000 Lehrpferden hält Monika Lomnitz für grundsätzlich bedenklich. Bei der Auslegung der »Vierten Hessischen Verordnung zur Bekämpfung des Coronavirus« vom 17. März handle es sich in Bezug auf Reitschulen um eine Zuordnungs- beziehungsweise Auslegungssache.

»Wird die Reitschule als Sportstätte oder Freizeiteinrichtung analog zu einem Tennisplatz oder einer Trampolinhalle gesehen, dann wäre die Schließung korrekt.« Lomnitz gibt zu bedenken: »Ist aber die Reitschule ein Reitbetrieb - was sie ja definitiv auch ist mit 15 Lehrpferden an Bord - welcher während der gesamten Corona-Krise gar nicht hätte geschlossen werden müssen, so ist ein längeres Festhalten an der Schließung völlig ungerechtfertigt.«

Gerne erkläre sie sich solidarisch mit anderen Sportarten. Pferdehaltende Betriebe müssten aber eine Ausnahme sein: »Wir haben die Verantwortung für lebende Tiere, nicht für tote Sportgeräte.« Ihr Hilferuf: »Ich weise auf den dringenden Handlungsbedarf, vor allem im Hinblick auf das Tierschutzgesetz hin, meine Reitschule umgehend wieder öffnen zu dürfen«.

Reitschule Ober-Mörlen: Keine konkreten Vorgaben

Bis heute konnte Monika Lomnitz weder bezüglich der Schließung noch einer Wiedereröffnung konkrete Vorgaben finden. Fehlanzeige auf allen politischen Ebenen ebenso wie bei den Berufsverbänden, für die sie unter anderem als Richterin und Mitglied im Prüfungsausschuss für Pferdewirte tätig ist. Zuletzt habe sie von der Kommunalaufsicht am Telefon gehört: »Wenn Sie zwei Meter Abstand beim Unterricht einhalten, dürfte das kein Problem sein.« Tags darauf sei die schriftliche Mitteilung des Rechtsamtes nebst Hinweis auf den Bußgeldkatalog gekommen: Die Reitschule habe zuzubleiben.

»Zeig mir, wo es steht, dass ich darf«, habe unlängst ein Schüler gefragt, der sofort wieder zum Unterricht kommen würde. »Ich hatte ja nicht mal schriftlich, dass ich nicht darf«, sagt Lomnitz. Der verantwortungsvolle Umgang mit Leben und Gesundheit sei ihr selbstverständlich. Achtsam im Sinne von Tieren, Mitarbeitern und Schülern mit der jeweiligen Situation umzugehen, gehöre zum Pferdesport.

Reitschule Ober-Mörlen: Sportstätte oder Pferdebetrieb?

Laut der 4. Hessischen Verordnung zur Bekämpfung des Coronavirus vom 17. März »ist der Sportbetrieb auf und in allen öffentlichen und privaten Sportanlagen, verboten«. Aber: Reiten ist unter bestimmten Bedingungen weiter erlaubt. Pferdehalter dürfen zu ihren Tieren, da deren Versorgung und Gesunderhaltung sichergestellt sein muss. Dazu müssen die Tiere auch geritten werden. Das Dilemma: Je nachdem, ob man eine Reitschule einer Sportstätte oder einem Pferdebetrieb zuordnet, kann man zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. Am 6. Mai will die Politik über mögliche Lockerungen im Sport reden. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) orientiert sich als Bundesverband an den Vorgaben der Bundesregierung und leitet fachliche Empfehlungen im Sinne von Pferdsport und -zucht ab. Regional könne es unterschiedliche Regelungen geben. Für die Vorbereitung auf die Wiedereröffnung hält die FN Vorschläge bereit, zu finden auf  www.pferd-aktuell.de/coronavirus.

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