Diethelm Göbeler ist nach zehnmonatiger Isolation über das lange Warten auf die Impfung bitter enttäuscht. Trotz chronischer Erkrankung kommt er nicht früher an die Reihe.	FOTO: DOE
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Diethelm Göbeler ist nach zehnmonatiger Isolation über das lange Warten auf die Impfung bitter enttäuscht. Trotz chronischer Erkrankung kommt er nicht früher an die Reihe. FOTO: DOE

Corona-Impfung

Ober-Mörlen: Isoliert, allein, enttäuscht - Chronisch Kranker wartet auf Impfung

  • VonHedwig Rohde
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Was Corona und das Warten auf den Impfstoff mit Menschen macht, zeigen Einzelbeispiele. Wie der Fall von Diethelm Göbeler aus Ober-Mörlen. Er ist isoliert, allein und enttäuscht.

  • Diethelm Göbeler aus Ober-Mörlen (Wetterau) wartet auf seine Corona-Impfung.
  • Seit dem ersten Lockdown isoliert er sich streng zu Hause, geht nicht mal zum Arzt.
  • Der 67-Jährige ist chronisch krank, kann aber trotzdem bei der Impfung nicht bevorzugt werden.

Ober-Mörlen: Diethelm Göbeler ist verzweifelt. 2018 wurde bei dem heute 67-Jährigen Sarkoidose (Morbus Boeck) diagnostiziert. Typisches Merkmal der chronischen Erkrankung sind knötchenförmige Gewebeveränderungen, die sich überall im Körper bilden können und die Funktion der betroffenen Organe stören.

»Ursachen der entzündlichen Erkrankung könnten Umweltgifte oder ein Gendefekt sein, tatsächlich erforscht sind sie noch nicht«, sagt der pensionierte stellvertretende Leiter einer Berufsschule, den viele Schützen, Fußballer und Tischtennisspieler der Region als begeisterten Sportler kennen dürften. In Deutschland erkrankt einer von 10 000 Menschen an chronischer Sarkoidose, und nur bei fünf Prozent von ihnen wird das Herz befallen. »Ich gehöre dazu«, stellt Göbeler lakonisch fest.

Ober-Mörlen: Diethelm Göbeler hat Angst vor erneuter Luftnot

»2019 lag ich wegen der Erkrankung in unterschiedlichen Kliniken, mit Lungenembolien, Koma, künstlicher Beatmung. Ein einschneidendes Erlebnis war die Luftnot, das Gefühl des Erstickens«, erinnert er sich und ist überzeugt: »Wenn ein Corona-Verneiner diese Erfahrung machen würde, ich bin mir sicher, er würde kaum noch auf die Straße gehen, um gegen die Corona-Beschränkungen zu demonstrieren.«

Unter dem Eindruck seiner beängstigenden Luftnot-Erfahrung zog Göbeler sofort Konsequenzen, als im März 2020 der erste Lockdown verkündet wurde. »Ich habe mich am 12. März häuslich isoliert. Im Sommer dann, als die Zahlen besser wurden, habe ich meine Isolation etwas gemildert, im September bei steigenden Corona-Zahlen wieder angezogen.«

Ober-Mörlen: Isolation geht Diethelm Göbeler an die Substanz

Das weitgehende Einfrieren seiner sozialen Kontakte seit inzwischen mehr als zehn Monaten geht Göbeler an die Substanz. »Einzig im Sommer habe ich mit drei Tischtenniskollegen im Freien gegrillt. Zu meinem Geburtstag waren meine Mutter, mein Bruder und mein Sohn mit Familie zu Besuch, im Freien und mit Abstand.« Der 67-Jährige leidet darunter, seine beiden Enkel nicht zu sehen. »Weihnachten und Silvester waren besonders belastend, allein, ohne Kinder, ohne Enkel und ohne die sonstigen Familienbesuche. Meine Mutter musste ihren 90. Geburtstag ebenfalls ohne Kinder begehen.«

Zur Einsamkeit kommt die Eintönigkeit. Immer zu Hause, immer der gleiche Trott, ohne Abwechslung, ohne Kontakt zur Außenwelt, »zu niemandem, nicht mal zum Postboten«. Was ihm bleibt, ist Spazierengehen. Das ist in Langenhain-Ziegenberg auch ohne Kontaktgefahr möglich. Auf die regelmäßig notwendigen Arztbesuche verzichtet Göbeler wegen der Ansteckungsgefahr lieber, auch wenn er damit eine Verschlechterung seines Krankheitsbildes in Kauf nimmt.

Wetteraukreis: Keine Ausnahmen bei Einzelschicksalen

Die Einrichtung der Impfzentren im Dezember weckte große Hoffnungen in ihm, seine Isolation bald aufgeben zu können. Dann die Enttäuschung: Als über 60-Jähriger gehört Göbeler »nur« zur Prioritätengruppe 3, eine Einstufung, die er wie auch die Auswahl der Impfkandidaten insgesamt als problematisch bewertet. Mehrere Anfragen ans Gesundheitsamt, ob er seiner chronischen Erkrankung wegen als Hochrisikopatient früher geimpft werden könne, blieben unbeantwortet.

»Wir haben Dutzende solcher Anfragen und im Wetteraukreis Hunderte von Menschen, die ähnliche Besonderheiten vorweisen können«, erläutert Kreispressesprecher Michael Elsaß auf Anfrage der Wetterauer Zeitung. Hinsichtlich der Reihenfolge seien dem Kreis die Hände gebunden. »Die hat der Bund auf Empfehlung der Ethikkommission eindeutig festgelegt, wir dürfen keine Ausnahmen machen, auch wenn die Einzelschicksale uns natürlich berühren«, betont Elsaß. Innerhalb des unter anderem von der Verfügbarkeit des Impfstoffs gesetzten Rahmens »tun wir alles, was möglich ist«.

Wetteraukreis: Wer wird wann geimpft?

Per Verordnung hat die Bundesregierung auf Empfehlung der Ethikkommission im Dezember 2020 die Reihenfolge für die Corona-Impfungen detailliert festgelegt. Dabei folgte sie dem Grundsatz »Die Schwächsten zuerst schützen«.

Zu Gruppe 1 zählen über 80-Jährige, Menschen in Pflegeheimen, Personal auf Intensivstationen, in Notaufnahmen und Rettungsdiensten. Gruppe 2 umfasst 70- bis 80-Jährige, Menschen mit Trisomie 21, Demenz oder geistiger Behinderung, Transplantationspatienten, bestimmte Kontaktpersonen. In Gruppe 3 gelistet sind die 60- bis 70-Jährigen, medizinisch vorbelastete Menschen, Polizei und Feuerwehr, Personal in Kitas, Schulen und im Einzelhandel.

Detaillierte Informationen zur Impfreihenfolge gibt es beispielsweise auf der Internetseite der Bundesregierung.

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