Führerhauptquartier

Hitler-Quartier: Spuren brauner Vergangenheit im Schneiderwald

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Rund um das Führerhauptquartier Adlerhorst oberhalb Langenhain-Ziegenbergs jährt sich dieses Jahr ein geschichtliches Ereignis zum 75. Mal: Ende 1944 traf Adolf Hitler dort ein.

Immer wieder umrunden Menschen das eingezäunte Areal, das linkerhand der Kreisstraße zwischen Langenhain-Ziegenberg und Wiesental im Schneiderwald versteckt liegt. Ihre Beweggründe, den mittlerweile an einigen Stellen löchrigen Stacheldrahtzaun zu überwinden, sind gewiss vielfältig.

Die leerstehenden und meist überwucherten und heruntergekommenen Gebäude sowie das Tunnelsystem des dortigen Führerhauptquartiers Adlerhorst wurden von Schutzdiensten des Bundes überwacht. Doch nach Abzug des Personals sind auch die im Wald versteckt liegenden Baracken des später dort errichteten Bundeswehr-Depots Ziel neugieriger Abenteurer, Geschichtsinteressierter und Ewiggestriger.

Ob die videoüberwachten Sperranlagen überhaupt funktionieren und eine Bedeutung haben – niemand weiß es zu sagen. Unterhalb von Schloss Ziegenberg zeugen sperrige, von Efeu überwucherte Betonwände von einem Verbindungstrakt und ehemaligen Zugang zum gigantischen Bunkersystem.

Invasion Englands geplant

Dieses zieht sich von der Abzweigung der B 275 in Richtung Wiesental unterhalb des Schlosses durch den Schneiderwald. Aus Richtung Usingen kommend zweigt noch vor dem Ortseingang nach links eine Zufahrt in den Wald ab. Hier fuhren früher Bundeswehr-Laster zum längst verlassenen Munitionslager im heutigen Sperrgebiet.

Ziegenberg wurde bereits in der Mitte der Dreißiger Jahre als Standort für das Führerhauptquartier ausgewählt

Geschichtsforscher Bernd Vorlaeufer-Germer

"Ziegenberg wurde bereits in der Mitte der Dreißiger Jahre als Standort für das Führerhauptquartier ausgewählt, da es in sicherer Entfernung von französischen Ferngeschützen im Windschatten des Taunus lag und zudem schnell von der Autobahn aus Richtung Berlin kommend zu erreichen war", berichtet der Bad Homburger Geschichtsforscher Bernd Vorlaeufer-Germer.

Er ist bekannt für seine Exkursionen zu den nationalsozialistischen Orten im Taunus. In der militärischen Planung der Nationalsozialisten war der Adlerhorst als Oberbefehlszentrale für die geplante, aber nie realisierte Invasion Englands vorgesehen.

Der Autokonvoi kam am 11. Dezember 1944

Tatsächlich näherte sich dann am späten Vormittag des 11. Dezember 1944 ein Autokonvoi aus der Fahrtrichtung Lich/Münzenberg dem Ort im Taunus. Von Ober-Mörlen über die Reichsstraße 275, der heutigen B 275, kommend, zweigte der Konvoi in Ziegenberg unterhalb des Schlosses nach rechts in das Wiesental ab.

"In einem der Fahrzeuge saß Adolf Hitler, der aus dem dort versteckt gelegenen Führerhauptquartier Adlerhorst die letzte Offensive der Wehrmacht in den Ardennen kommandieren würde", sagt Vorlaeufer-Germer.

"Nach der Invasion der Alliierten in der Normandie und der ab diesem Zeitpunkt näher rückenden Westfront wurde die Oberbefehlsleitung West ab Oktober 1944 in das Bunkersystem einquartiert." Hitler befehligte demnach nach seiner Ankunft dann gar nicht mehr von dem eigentlichen Bunker aus die letzte Offensive der Deutschen Wehrmacht.

Seltsame Parallele

Er wich nach den Worten des Hobby-Historikers in die Barackensiedlung im hinteren Wiesental aus, von der aus ebenfalls Stollen in die Bunkeranlage gingen. Von hier aus erteilte er realitätsferne Kommandos. Es sollten die letzten fünf Wochen seines Lebens sein, die Hitler außerhalb der Reichshauptstadt Berlin verbrachte.

Seltsame Parallele: Nach seiner Rückkehr aus dem Wetteraukreis verließ der Diktator die Reichskanzlei in Berlin nie mehr lebend. Bereits während der fünf Wochen seines Aufenthaltes in der Wetterau hatte Hitler, so der Geschichtsforscher, die Bunkeranlagen des Führerhauptquartiers Adlerhorst niemals verlassen.

Ziegenberg in Schutt und Asche gelegt

Bereits im Oktober 1944 wurde nach der Landung der Alliierten in der Normandie das für die Westfront verantwortliche Oberbefehlskommando West aus dem Kölner Raum an den Westrand des Wetteraukreises verlegt. Dort wurde noch vor Kriegsbeginn im sicheren Windschatten des Taunus und für französische Ferngeschütze nicht erreichbar das Führerhauptquartier Adlerhorst errichtet. Schloss Ziegenberg sollte den repräsentativen Rahmen für die provisorische Reichsregierung bei offiziellen Empfängen bilden.

"In der Endphase des Zweiten Weltkrieges verhörte der amerikanische Militärgeheimdienst CIC systematisch deutsche Kriegsgefangene, um zu erfahren, wohin die Nationalsozialisten das Oberbefehlskommando West verlagert hatten", erläutert der Geschichtsforscher Bernd Vorlaeufer-Germer die weitere Entwicklung.

Durch die Verhöre wurden exakte Skizzen von Schloss Ziegenberg und dem Adlerhorst angefertigt. Die Einsatzleitung der amerikanischen Besatzungstruppen brachte in Erfahrung, dass die Bunkerbesatzung zur Mittagszeit fast geschlossen das Bunkersystem verließ, um in Holzbaracken im Eingangsbereich des Adlerhorstes das Mittagsessen einzunehmen.

Am späten Vormittag des 19. März 1945 hoben schließlich 30 Jagdbomber des Typs P-47 B "Thunderbolt" von der 367. Fighter Group der amerikanischen Luftwaffe in drei Staffeln von einem französischen Militärflugplatz mit dem Ziel östlicher Taunus/Wetterau ab.

Oberbefehlshaber flüchten in Bunker

Sie sollten wenige Stunden später ihrem Furcht einflößenden Namen (übersetzt "Donnerschlag") gerecht geworden sein. Ihre todbringende Fracht brachte Ziegenberg Leid und Zerstörung – auch wenn das Hauptziel natürlich die Zerstörung und Ausschaltung des Oberbefehlskommandos West war.

Tatsache ist aber, dass der Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion, Albert Speer, und das gesamte Oberbefehlskommando sich rechtzeitig aus dem Schloss Ziegenberg über Rettungsstollen in das Bunkersystem zurückziehen konnten und die komplette Zerstörung des Schlosses überlebten.

Tatsache ist auch, dass bei den drei Angriffswellen um 13.35 Uhr mit 16 "Thunderbolts", um 13.45 Uhr mit 14 und um 13.55 Uhr mit elf "Thunderbolts" nicht nur die militärischen Anlagen im Umfeld des Bunkers komplett zerstört wurden. Vor allem der Ort Ziegenberg wurde durch die Bombardierung mit herkömmlichen Sprengbomben und mehr als 1500 Gallonen Napalm in Schutt und Asche gelegt.

Neben dem Schloss wurden 16 Häuser völlig zerstört. Fünf Bürger des Ortes wurden bei dem Luftangriff getötet. Die Zahl der getöteten Soldaten und Mitarbeiter der Wehrmacht wird auf acht beziffert. Kurz vor dem Einrücken der amerikanischen Heeres-Besatzungstruppen am 31. März 1945 von Usingen aus kommend, verließ das Oberbefehlskommando den Adlerhorst und die Wehrmachtssoldaten zerstörten den Eingangstrakt und die Funktionsräume des Bunkersystems.

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