Lieblingsplatz

Das ist Heimat: Gudrun Radermacher aus Ober-Mörlen zeigt ihren Lieblingsplatz

  • schließen

Auf der Anhöhe zwischen Ober-Mörlen und Ostheim hat Gudrun Radermacher ein Gefühl von Heimat: im Naturschutzgebiet Magertriften. Ihr Lieblingsplatz lädt nicht nur zum Seele-baumeln-lassen ein.

Den Weg zum Naturschutzgebiet Magertriften findet das Rad von Gudrun Radermacher fast allein. Das letzte Stück am Gelben Berg hinauf legt sie zu Fuß zurück. Die Natur rundum steht kurz vor der Frühjahrsexplosion. Schlehen duften, Kohlmeisen singen und der Blick bleibt an zahllosen klitzekleinen Erdhügeln auf dem Pfad hängen. Sandbienen habe sie hier noch nie gesehen, überlegt die leidenschaftliche Naturschützerin. Aber der Boden biete sich den Einzelgängern natürlich an, um hier eine neue Brut-Kolonie einzurichten. Wenn man sie nach ihrem Lieblingsplatz fragt, muss sie nicht lange überlegen.

Sie habe diese Gegend vor 33 Jahren entdeckt, erinnert sich die gebürtige Aachenerin an ihre ersten Radtouren durch die neue Heimat. Hier habe sie gespürt, dass dieser Platz der richtige zum Leben sei. Sie sinnierte über den Begriff Heimat und fand heraus: "Das ist ein Ort, an dem ich sein kann wie ich will; ein Ort, an dem ich Gleichgesinnte und Mitstreiter finde." Tatsächlich dauerte es nicht lange bis Radermacher Wurzeln in der örtlichen Naturschutzgruppe schlug und die Betreuung der Kindergruppe übernahm. Bis heute zählt sie zu den Aktivposten im NABU Ober-Mörlen.

Kummer-, Genuss- und Seelebaumelbank

Kurz vor der Kuppe biegt sie ab und schlendert auf jene Holzbank zu, die sie vor vielen Jahren als ihren Lieblingsplatz ausgemacht hat. Sie lässt sich nieder, der Wind pfeift und der Blick schweift umher: Zartgrüne Wiesen fließen ins Alte Tal und bis zum Fauerbach hinab. Sanddorn hat seinen Hochzeitsschleier umgelegt und vis-à-vis ragt hinterm Winterstein der Fernsehturm vom Steinkopf in den grauen Himmel. Rückendeckung bietet der sanft auslaufende Galgenberg, zu dessen Füßen sich eine Streuobstwiese mit einer üppig blühenden Kirschpflaume breit gemacht hat – eine idyllische Kulisse für die Bank.

Ein Kumpel probiert hier stets seinen neuen Äppler

Gudrun Radermacher

Ihre Bank sei multifunktional, schmunzelt Radermacher. Die gelernte Bankkauffrau kann nicht nur rechnen, sondern auch mit Sprache spielen. Der verheirateten zweifachen Mutter diente das urige Sitzmöbel als Kummerbank, als Genuss- und als Seelebaumelbank. "Ein Kumpel probiert hier stets seinen neuen Äppler", erzählt Radermacher. Ein anderer komme mit seiner Lebensgefährtin zum Kuscheln her. Wie wertvoll ihnen allen diese Bank sei, habe die Naturschutzgruppe gemerkt, als das Liebhaberstück zwischenzeitlich kaputt war.

Wenn Radermacher hier oben ihren Gedanken nachhängt, fallen der Buchhalterin in der Wetterauer Rendantur beim Bistum Mainz aber auch die ungezählten Aktionen ein, die sie in ihrer Freizeit mit der Naturschutz-Kindergruppe unternommen hat. Ob Fledermäuse oder Mäusebussarde, Schmetterlinge, Fische oder Spinnen, Gräser, Kräuter, Blumen oder Obst: Die Artenvielfalt im Naturschutzgebiet sei so riesig, dass sich auch Kinder und Jugendliche fühlten wie im Paradies und sich ganz ungezwungen die Natur erschlössen.

Hessenweit einmaliger Bestand

"Dass sich Menschen hier seit über 40 Jahren ehrenamtlich um den Erhalt bemühen, begeistert mich", sagt Radermacher und grinst: "So bin ich gerne von der Großstädterin zum Landei geworden". Kurz hinter dem "Alten Wilhelm", wie Schutzgebietsbeauftragter Max Burk den 200 Jahre alten Speierling bezeichne, macht sie halt am "Wäldchen". Neben der Pflege der Streuobstwiesen gehört auch das Entbuschen dieser uralten Wegstrecke zu den Aufgaben der ehrenamtlichen Naturschützer.

"Der Bestand an Herbst-Wendelähren ist hessenweit einmalig", sagt Radermacher und deutet auf die trockenen Böden unter den Kiefern. Nur gut, dass sich hier auch die Schafe von Schäfer Weißelberg gütlich tun: Ohne die Beweidung wäre das Ende der geschützten heimischen Orchideenart durchaus absehbar. Keine hundert Meter weiter läutet die Herde gerade den Feierabend ein.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare