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Giftige Brennhaare

Eichenprozessionsspinner: Neue Methode der Bekämpfung macht Hoffnung

  • vonAnnette Hausmanns
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Eichenprozessionsspinner sind zur Plage geworden. Für Mensch, Tier und Wald. Brandneu ist ein biologisches Fixiermittel zum Verkleben der Nester. Die Wirkung wird im Wintersteinwald getestet - mit erfreulichen Ergebnissen.

Unscheinbar schmiegen sie sich in diesen Tagen an zahllose Baumstämme. Nicht an irgendwelche, nur an Eichen. Flächendeckend, auch im Wintersteinwald. In mitunter fußballgroßen grauen Gespinsten tummeln sich Tausende Raupen mit Millionen giftiger Nesselhärchen. Des Abends kriechen sie im Gänsemarsch bis in die Baumkronen und rauben dem Baum die Blätter. Ist der Reifefraß vollbracht - und die stolze Eiche womöglich kahl - verpuppen sich die Eichenprozessionsspinner (EPS), um wenige Wochen später als graue Nachtfalter zu schlüpfen und Eier zu legen fürs nächste Jahr.

Selbst verlassene Nester sind noch Jahre gefährlich für Mensch und Tier: Die zurückgebliebenen giftigen Brennhaare können heftige Hautreaktionen, Augenentzündungen, allergischen Schock und Atemnot bis hin zur permanenten Lungenschädigung verursachen. Seit sich der EPS explosionsartig ausgebreitet hat, gelten Bekämpfungsmaßnahmen deshalb als Hygienemaßnahme. Vielerorts geht es um Verkehrssicherheit im öffentlichen Bereich.

Eichenprozessionsspinner: Was hilft gegen die Plage?

»Wir stehen in der Fürsorgepflicht überall da, wo wir Menschen in den Wald einladen«, erklärt Thomas Götz, stellvertretender Leiter des Forstamtes Weilrod. Das treffe natürlich auch auf den Amphibienlehrpfad am Eichkopf zu. Hier trifft sich Götz heute mit dem Baumexperten Sören Stracke. Dessen Wehrheimer Gartenbaufirma ist eine der ersten, die ein brandneues biologisches Spritzmittel aus den Niederlanden zur Bekämpfung der EPS-Gespinste anwendet. An zwei kleinen Nestern demonstriert Stracke die Wirkweise von Catefix 2020.

Im Vollschutzanzug mit Atemschutzmaske greift Stracke zur Niederdruckspritze und besprüht die Nester erst außen herum und dann über die gesamte Oberfläche. Das klebrige Fixiermittel sickert in das Nest. Die Raupen beginnen, sich zu bewegen, verteilen die zuckerwasserartige Lösung selbst im Nest und werden miteinander verklebt. Einmal aufgetragen, durchdringt das Mittel das Nest vollständig und bildet zusammen mit den toten Raupen eine feste klebrige Masse.

Bei Regen werde das Mittel wieder klebrig und ziehe sich trocknend weiter zusammen, erläutern Stracke und Götz. Selbst kurz bevor die Schmetterlinge ausfliegen, könne ein Nest noch behandelt werden. Die zähe Masse bleibe, wo sie ist. Mit der Zeit werde der gesamte Klumpen natürlich abgebaut. Falls das behandelte Gespinst vorher vom Baum falle, bei starkem Wind zum Beispiel, werde es zusammengehalten. Die Gifthärchen würden also nicht, wie sonst üblich, weit verweht. Wie lange der Abbau dauert, wie schnell und ob überhaupt das Gift seine Wirkung durch die Behandlung verliert, kann Stracke noch nicht sagen.

Eine wirkungsvolle und vergleichsweise einfache Methode für begrenzte Bereiche im Wald also, finden Götz und Stracke. Wo indes viele Menschen mit betroffenen Bäumen in Kontakt kommen könnten, saugten sie die Gespinste nach wie vor ab, berichtet Sören Stracke von Einsätzen an Kindergärten oder Schulen, im kommunalen Bereich oder an Wanderparkplätzen. Die mit der neuen Wunderwaffe verklebten Nester dort hängen zu lassen, hält er für zu heikel. Abgesaugte Gespinste sammeln die Wehrheimer Experten in speziellen Kunststofffässern, um sie schließlich zur Müllverbrennungsanlage nach Frankfurt zu bringen.

Eichenprozessionsspinner: Flächendeckende Bekämpfung schwer

Absaugen oder großflächig den »Bazillus thunringiensis« von Flugzeugen versprühen, komme im Wintersteinwald nicht in Frage, erklärt Thomas Götz. Fehlende Stromversorgung, Kosten und die Vernichtung weiterer Insekten sprächen gegen eine flächendecke Bekämpfung im Wald. Natürliche Feinde des Eichenprozessionsspinners wie etwa der Kuckuck seien unterdessen rar geworden. »Auch eine Folge des Klimawandels«, sagt Götz.

Die letzten drei Trockenjahre und milden Winter setzten dem Wald gehörig zu und begünstigten auch die Verbreitung des Eichenprozessionsspinners. »Der kommt noch on top«, erinnert Götz an vertrocknete Bäume, Borkenkäfer, Frostspanner & Co. Mit dem klimagerechten »Umbau« im Wald habe man begonnen. Der funktioniere aber nur, wenn das Zwei-Grad-Celsius-Ziel in Sachen Erderwärmung gehalten werden könne. »Wir müssen alle unsere Hausaufgaben machen.«

Info: Eichenprozessionsspinner - Gefährliche Raupen

Kontakt mit den behaarten Raupen des Eichenprozessionsspinners und ihren Gespinsten ist auf jeden Fall zu vermeiden, am besten Abstand halten - nach dem Motto »Eichen sollst du weichen«. Nester ausschließlich von Experten entfernen lassen! Die Raupen tragen giftige Brennhaare, etwa 600 000 pro Tier. Sie enthalten das Nesselgift Thaumetopoein, eigentlich als Schutz vor Fressfeinden. Bei Mensch und Tier löst das Gift mehr oder weniger heftige allergische Reaktionen auf der Haut, den Augen und in den Atemwegen aus. Auch wenn die Raupen zu harmlosen Schmetterlingen geworden sind, bleiben Millionen Haare in den Nestern zurück. Ein kleiner Windstoß genügt, um die feinen Härchen bis zu hundert Meter durch die Luft zu transportieren. Wer in Kontakt mit den Brennhaaren gekommen ist, sollte duschen, Haare waschen und die getragene Kleidung bei 60 Grad Celsius waschen. hau

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