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Zeugen berichten von »ewiger Besserwisserei«

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Von: Walter Engel

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Im »Mordhaus«-Prozess von Ilbenstadt haben Zeugen Einblicke in das Familienleben von Armin B. gegeben. Der Angeklagte kommt dabei nicht gut weg.

Niddatal/Gießen (en). Noch einmal eine ganze Reihe Zeugen war am Freitag aufgeboten, um rund um den Ilbenstätder »Mordhaus«-Prozess Fakten und Indizien zu durchleuchten. Vor gut einem Jahr war ein Einfamilienhaus in Flammen aufgegangen, der 89-jährige Bewohner erstickt und sein Sohn Tage später zerstückelt gefunden worden. Auf der Anklagebank am Gießener Landgericht sitzt Armin B., ein weiterer Sohn des Seniors.

Nicht viel Neues beitragen konnten zwei Rettungssanitäter, die den schwer verletzten Armin B. am Kellereingang gefunden und erstversorgt hatten. Dabei waren aus seiner Jacke Teile eines Feuerzeugs und der Schraubdeckel eines Kanisters gefallen. Zudem hatten beide gehört, was B. im Rettungswagen auf die Frage eines Polizisten nach der Ursache des Feuers geantwortet hatte: »Ich hab’s angesteckt.«

Ein Friedberger Notar hatte zwei Tage vor dem Geschehen Besuch vom später getöteten Rainer B. gehabt. Nachdem die Mutter zwei Wochen zuvor verstorben war, so B.

, hätten zwei seiner vier Geschwister »massiv« erbrechtliche Ansprüche vorgebracht, obwohl die Eltern ihm bereits 2011 eine notariell beglaubigte General- und Vorsorgevollmacht ausgestellt hatten, ebenso wie ein Testament zu seinen Gunsten.

Den konkreten Anlass für die Eskalation bestätigte wenig später eine Angestellte der Sparkasse Oberhessen, bei der der Angeklagte und seine Schwester an jenem Donnerstag vorgesprochen hatten. Ohne etwas von Generalvollmacht und Testament zu erwähnen, hatten sie die Bankvollmacht für den Bruder rückgängig machen lassen und das Konto gesperrt. Beim Versuch, an jenem Nachmittag Geld vom elterlichen Konto abzuheben, hatte der Automat die Karte eingezogen. Nachdem die Bank vom Notar die Dokumente erhalten hatte, hob sie tags darauf die Kontosperrung wieder auf und teilte dies am folgenden Montag dem Notar mit. Zu diesem Zeitpunkt freilich waren Rainer B. und sein Vater längst tot.

Blicke ins Familiengefüge erlaubten zwei Freunde von Rainer B., die ihn über seine Hobbys kennengelernt hatten: Ein Wölfersheimer hatte ab 2010 zweimal pro Woche im Musikstudio im ersten Stock des Hauses mit Rainer B. geprobt, und ein Rentner aus dem Main-Kinzig-Kreis interessierte sich wie B. für Oldtimer.

Besonders der Wölfersheimer war über Freund- und Feindschaften innerhalb der Familie informiert. Er berichtete von vielen Besuchen in Ilbenstadt, von langen Gesprächen mit dem »einzigen Vertrauten« – und auch von den Besuchen des Angeklagten und seiner Schwester bei den Eltern. Vieles habe ihm Rainer B. berichtet: Vom »Herumschnüffeln« der Gäste im Haus, »ewiger Besserwisserei« in Sachen Pflege – und von einer skurrilen Aktion: Armin B. und seine Schwester hätten die nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselte Mutter zu einem angeblichen Spaziergang abgeholt und ins Altersheim gebracht. Daraufhin sei die Generalvollmacht in die Wege geleitet worden.

Impulsiv reagierte der Wölfersheimer auf die Frage von Richterin Regine Enders-Kunze, ob denn der letzte Besuch von Armin B. und seiner Schwester beim Vater nicht auch von lauteren Motiven geprägt gewesen sein konnte: »Unsinn«, rief er, sie hätten sich »nie um ihn geschert«. Vorwürfe, Rainer B. habe seine Eltern pflegerisch vernachlässigt, seien »aus der Luft gegriffen«. Als er am Montag nach dem Geschehen zum Proben nach Ilbenstadt gekommen sei und von Nachbarn von dem Brand und Rainer B.s Verschwinden erfahren habe, sei für ihn klar gewesen, was er auch der Polizei wenig später geraten habe: »Sucht nicht nach einem Flüchtigen, sucht lieber nach einer Leiche.«

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