sda_w4_060721_4c_1
+
2018 ist der Turm noch einmal saniert worden. Seither ist der obere Fachwerkteil mit Holz verkleidet. Die Wohnfläche verteilt sich auf mehrere Etagen. Im danebenliegenden Katenhaus hat eine Zeit lang der Sohn der Fischers gewohnt - und manchmal, als langwierige Turm-Arbeiten anstanden, auch Dr. Harald und Bärbel Fischer.

Pfortenturm in Wickstadt

Vom Wehrturm zum Wohnhaus

  • Sabrina Dämon
    VonSabrina Dämon
    schließen

Dr. Harald Fischer wohnt in dem alten Wickstädter Pfortenturm. Ein Gebäude aus dem Jahr 1400 - das die heutigen Besitzer zwar einige Nerven gekostet hat, dafür aber noch immer sehr viel Freude bereitet.

Die Pfadfinder-Radtour führte an Wickstadt vorbei. Harald Fischer war damals noch ein Bub, 13 Jahre alt - und sofort verliebt. Der Pfortenturm, der am westlichen Rand des Hofguts steht, hatte es ihm angetan. »Ich bin in Franken aufgewachsen - zwischen Mauern, Türmchen und Schlösschen.« Hier, in Hessen, wo er hinzog, nachdem sein Vater Lehrer an der Friedberger Augustinerschule geworden war, gab es solche Gebäude seltener.

Die Jahre vergingen, Fischer verließ die Wetterau, um Medizin zu studieren. Doch nach dem Studium und den Praxisjahren kam er wieder, um sich in Friedberg als Kinderarzt niederzulassen. Mit seiner Frau suchte er nach einem geeigneten Zuhause. Ein Eigenheim in Friedberg - so war zumindest die grobe Vorstellung. Doch da war der Turm in Wickstadt, der seit wenigen Jahren von einem Freund Fischers bewohnt war - und der ihm anbot, das Gebäude in Erbpacht zu übernehmen.

Die Fischers überlegten lange. Ein halbes Jahr ungefähr, erzählt er heute. Die Vorstellung war verlockend, doch der Turm damals halb verfallen.

Fast 50 Jahre ist das mittlerweile her. 1977 übernahm das Ehepaar den Turm.

Seither haben Harald und Bärbel Fischer viel Arbeit und Geld hineingesteckt. Und immer mal wieder, wenn im Turm gearbeitet worden ist, im benachbarten Katenhaus gewohnt.

Die zwei Untergeschosse des Turms sind aus Basaltbruchstein gebaut, die Obergeschosse bestehen aus Fachwerk. Die Wohnfläche verteilt sich auf fünf Etagen. »Bis oben sind es 100 Stufen.« Die Küche ist im ersten Stock, im zweiten das Wohnzimmer. In der obersten Etage ist das Büro von Fischer. In einem großen Regalfach stehen die Aktenordner, deren Rücken mit »Turm« beschriftet sind. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich einiges angesammelt.

Nach der großen Sanierung, Ende der 90er, stellte sich heraus, dass die Aufarbeitung des Fachwerks mit Acryltechnik nicht optimal gewesen war, berichtet Fischer. Die zweite große und kostenaufwendige Sanierung folgte 2018. Das Fachwerk ist nun mit Holz verkleidet.

Von seinem Büro hat Fischer einen Blick über das komplette Hofgut - auf die kleine Kirche, auf das Herrenhaus am anderen Ende, auf die Fachwerkbauten ringsrum. Nach all den Jahrzehnten im Turm, sagt er, ist es immer noch etwas Besonderes. »Wenn Sie hier oben sitzen, stört Sie niemand.«.

Das Hofgut ist ein besonderer Ort - und auch beim Blick in seine Vergangenheit stets gewesen. Wickstadt taucht erstmals in Unterlagen aus dem Jahr 1231 auf. Damals schenkte Heinrich von Wickstadt sein Eigentum dem Kloster Arnsburg bei Lich. In dessen Besitz blieb es für mehrere Jahrhunderte.

Wickstadt - eine katholische Enklave

Der Turm, sagt Fischer, ist um das Jahr 1400 gebaut worden und diente wahrscheinlich als Wehrspeicher.

Selbst nach der Reformation blieb Wickstadt eine katholische Enklave in der Wetterau. Mit voranschreitender Säkularisierung und der Auflösung des Klosters Arnsburg gingen 1803 die Besitztümer an die Grafschaft Solms-Rödelheim. 1806 wurde das Hofgut dem Großherzogtum Hessen zugeordnet. Der ehemalige Klosterhof blieb aber im Besitz der Grafen von Solms-Rödelheim und Assenheim - bis heute. Wickstadt wurde 1957 in Assenheim eingemeindet (später, 1970, dann Stadt Niddatal).

In all den Jahrhunderten haben unzählige Menschen auf dem kleinen Hofgut zwischen Nieder-Florstadt, Assenheim und dem Wald gelebt. Heute sind es rund 35 Bewohner. Man kennt und schätzt sich ,sagt Fischer. Dass er damals, in den 70ern, die Entscheidung getroffen hat, kein gewöhnliches Haus in einem gewöhnlichen Wohngebiet zu kaufen, sei die richtige gewesen. Die Zeiten der vielen Arbeiten am Turm waren nicht immer einfach, doch es hat sich gelohnt. Sein Anspruch sei stets gewesen, dass der Turm noch weitere Jahrhunderte überdauert - und viele Generationen begeistern wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare