+

Suff und rares Fett

  • vonUdo Dickenberger
    schließen

Niddatal-Kaichen (udo). Hans-Heinrich Herwig wollte sein Buch »Kriegs-Getrenntseins-Zeit« im März in einem Vortrag erläutern, der verschoben werden musste. Im Buch wird die Korrespondenz zwischen dem Kaicher Pfarrer Karl Grein und seiner Frau Hedwig in den Jahren 1915 bis 1918 dokumentiert.

Karl Grein berichtet Hedwig in Briefen von seinen Erlebnissen als Festungspfarrer in Mainz und als Feldgeistlicher an der Westfront. Hedwig Grein beschreibt ihrem Mann, was sich in Kaichen ereignet.

Sie kam 1884 als Hedwig Lucius in Mainz zur Welt und besuchte dort das Lehrerinnenseminar. Von 1904 bis 1906 unterrichtete sie am Knabeninstitut des Präzeptors Lucius im Forstamt bei Echzell. Von 1906 bis 1908 war sie Lehrerin an der höheren Mädchenschule in Büdingen. 1910 heiratete sie in Jugenheim den 1881 in Darmstadt geborenen Karl Grein. 1907 absolvierte er die theologische Schlussprüfung in Darmstadt. Er wurde im November 1911 Pfarrer in Kaichen.

Hedwigs Verhältnis zu Kaichen ist ambivalent. Schon im Juni 1915 klagt sie, dass es kein Brot gebe, weil beide Bäcker Mehl, Brot und Wecken ohne Karten hergegeben hätten. Jetzt müssten die Bäcker sich bei den Leuten Mehl leihen. Hedwig: »Ich habe Kaichen wieder einmal bis obenhin satt!«

Zwei Wochen später bekommt die Pfarrerfrau für ihre Brotkarte zu wenige Wecken und ist empört. Kohlen könnten abgeholt werden, aber niemand hilft ihr. Sie klagt, die Landwirte Roth und Hahn wollten ihre Kartoffeln zum doppelten Preis verkaufen. Als Mitte Februar 1916 Hausschlachtungen verboten werden sollen, schlachten die Kaicher »wie wahnsinnig«, doch im Pfarrhaushalt bleibt das Fett rar. Kurz darauf wird der Kaffee knapp.

Der Bürgermeister Schönwolf soll die Heimarbeit der Frauen organisieren, er ist laut Hedwig aber froh, wenn er sich um nichts kümmern muss. Im August 1915 versetzt ein Flugzeug, das im Nebel die Orientierung verliert, über Kaichen zieht und notlandet, die Bevölkerung in Schrecken. Doch die beiden Besatzungsmitglieder sind keine Spione, sie stärken sich bei Frau Fink und starten wieder.

Die Haushaltshilfen wechseln schnell

Die Haushaltshelferinnen wechseln schnell. Als eine Haushaltshilfe gesucht wird, werden fünf vorstellig. Die erste Bewerberin ist vornehm, die zweite trauert um ihren Cousin, was Rätsel aufgibt. Der Vater einer Klein-Karbenerin lobt seine Tochter, die ein mords Frauenzimmer sei. Die Wahl fällt auf die vierte Kandidatin, das große fünfzehnjährige Lieschen aus Hainchen. Fanny, Lieschens Nachfolgerin, macht einen vorzüglichen Eindruck, dann stellt sich im Januar 1916 heraus, dass sie ein einjähriges Kind in Offenbach unterhalten muss, wirr redet und selten die Wahrheit sagt. In Kaichen erscheint am ersten Weihnachtsfeiertag 1915 ein Bräutigam betrunken zu seiner kirchlichen Trauung und wird heimgeschickt. Die Dorfbewohner ziehen keine Lehren daraus und trinken weiterhin ihren Schoppen. Das alte Pfarrhaus in Kaichen kann im Februar 1916 nicht ausreichend geheizt werden. Es ist ein »kaltes Loch«, während es bei den Verwandten in Ilbenstadt »mollig warm« ist.

Die neue Lehrerin, ihre Unterkunft und Verpflegung beschäftigen Ende April 1916 die Gemüter, doch schon Anfang Mai wird bekannt, dass es ihr in Kaichen nicht gefällt und sie mit dem Schulrat über ihre Kündigung spricht. Angeblich verprügelt sie die Kinder.

Karl und Hedwig sind wie die Mädchen der Schillerschule fassungslos, als im Friedberger Rathauskasten das Hochzeitsaufgebot eines Paares mit einem Altersunterschied von 17 Jahren aushängt. Eine »furchtbare Unnatur« müsse da vorliegen.

Hedwig hat sich in Kaichen niemals eingelebt. Erst im Oktober 1918 nimmt die Pfarrerfrau nach langen Bedenken an ihrer ersten dörflichen Beerdigung teil, der von Jettchen Zimmermann. Karl Grein wechselt 1920 nach Arheilgen und versieht dort den Pfarrdienst bis 1950.

Zahlreiche anschauliche Dorfgeschichten lassen sich aus dem lehrreichen, kenntnisreich kommentierten und mit Abbildungen versehenen Werk ziehen.

Hans-Heinrich Herwig, »Kriegs-Getrenntseins-Zeit«. Kriegstagebuch des Feldgeistlichen Karl Grein und seiner Frau Hedwig. 1915 bis 1918. Darmstadt, Justus von Liebig Verlag, 1917. 24,80 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare