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Anrufbeantworter: Auch in den Ferien dreht sich für den Niddataler Lehrer Oliver Seuss alles um seine Schüler und die Schule.

Schule und Pandemie

Sozialkompetenz der Schüler durch Distanzunterricht beeinträchtigt

  • VonJürgen W. Niehoff
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Homeschooling, Distanz- und Wechselunterricht - Begriffe, die erst seit der Coronapandemie in den Schulen Einzug gehalten haben. Ein Wetterauer Lehrer erzählt von seinen Erfahrungen.

Als vor vier bis fünf Wochen der fast normale Schulbetrieb wieder begonnen hat, da haben wir erst einmal die wirklichen Auswirkungen der Pandemie auf die Jugendlichen feststellen müssen. Allein in meiner Klasse müssen wegen der langen Einschränkungen aufgrund der Coronapandemie drei Jugendliche in psychiatrische Behandlung, und zwei sind verhaltensauffällig geworden«, berichtet der 58-jährige Niddataler Oliver Seuss, Lehrer an einer Frankfurter Schule und zusammen mit Bianca Prinz Sprecher der Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Lehrer in Hessen.

Schule in der Pandemie: Videokonferenzen helfen nicht bei der Sozialkompetenz

Ihn beunruhigen nach den eineinhalb Jahren Corona weniger die Bildungsdefizite, die aufgrund des eingeschränkten Schulunterrichts zu verzeichnen sind, »die sind mit der Zeit bestimmt wieder aufholbar«, hofft Seuss, als vielmehr die deutlich spürbaren Einbußen bei der Sozialkompetenz der Schüler, also dem Umgang miteinander. »Da haben auch keine Videokonferenzen geholfen, zumal diese nicht einmal überall funktioniert haben«, erzählt Seuss weiter, der eigentlich drei Berufe hat. Denn nach seinem Abitur ließ er sich zunächst aufgrund seiner Erfahrungen beim Zivildienst zum Krankenpfleger ausbilden, studierte dann anschließend Architektur und wechselte erst 2008 ins Lehramt. »Für viele Schüler war die Rückkehr in die Schule vor kurzem sogar wie eine neue Eingewöhnung. Und darauf waren die Schulen größtenteils nicht vorbereitet«, klagt Seuss über Versäumnisse in Schulen und seitens der Politik. Konzepte habe es genug gegeben, doch am Ende habe es größtenteils am Umsetzungswillen gemangelt. Unsere Gesellschaft sei nach Auffassung von Seuss mittlerweile viel zu statisch. Woran es fehle, sei ausreichende Flexibilität. Nur das Sitzenbleiben in diesem Jahr wegen Corona auszusetzen sei viel zu wenig und mute geradezu hilflos an. »In den eineinhalb Jahren hätte man in den Schulen oder in den Kultusministerien genug Erkenntnisse sammeln können, um angemessen auf die Ängste vieler Schüler vor dem Alleinsein agieren und nicht nur reagieren zu können«, meint Seuss.

Wetterauer Lehrer: Erwartungen an die Schüler müssen angepasst werden

Deshalb sei es für das kommende Schuljahr umso wichtiger, dass die Erwartungen an die neu eingeschulten und die aus den Ferien zurückkehrenden Kinder nicht so sein dürften wie in Zeiten vor der Pandemie. »Anderenfalls werden unsere Probleme immer größer«, fürchtet er. Die sozialen Ängste und teils schon einsetzenden Depressionen bei vielen Schülern müssten von den Lehrern aufgefangen werden. Da sei die Politik gefragt, denn das erfordere mehr Personal: Sozialarbeiter, aber auch Lehrer. Seuss warnt vor einer bloßen Rückkehr zum dauerhaften und uneingeschränkten Regelbetrieb an den Schulen mit allen Schulfächern und Unterrichtsstunden. Es gelte, aus der Pandemie und ihren Folgen Lehren zu ziehen.

So schlägt Seuss vor, die Schule zu einer anderen Bildungseinrichtung werden zu lassen, an der es stärker um die Frage gehen müsse, »wo wir als Gesellschaft hinwollen und wie wir da hinkommen«. Seuss hat mit der Umstellung seines Unterrichts bereits begonnen. So versuche er nicht nur, seinen Schülern Fakten zu vermitteln, sondern zugleich die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Dingen klarzumachen. Beispielsweise mit Unterrichtsstunden außerhalb der Klassenräume. Zusammen erkunden Schüler dann etwa Nachbarschaften, Institutionen und Milieus, streifen über Ackergelände am nahen See, pflanzen und ernten - und lernen dabei etwas für die Fächer Biologie, Chemie, Erdkunde und auch Mathematik.

Wetterauer Lehrer: Schulen sollten vermehrt Gefühl für Zusammenhalt vermitteln

»Natürlich brauchen wir immer noch Grundfertigkeiten und Wissen, um später als Ingenieur, als Sozialarbeiter, als Arzt oder auch als Polizist verstehen und mitgestalten zu können«, sagt Seuss. Vieles von diesem Wissen lasse sich dabei sicherlich gut oder besser mit der Hilfe von Software aneignen. Doch mindestens genauso wichtig sei es, den Kindern wieder das Gefühl des Zusammenhalts und des Miteinanders zu vermitteln. »Und das lernen sie am besten im gemeinsamen Unterricht in der Schule«. Die Schule solle deshalb die Veränderungen als Chance für die Zukunft sehen und nicht mit einem »Weiter so« fortfahren.

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