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Räuber ohne Bande

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Niddatal(jw). Der Räuber Johannes Bückler alias Schinderhannes galt in früheren Zeiten als Volksheld. Volkslieder wie das "Schinderhanneslied" künden davon: "Für Recht und Freiheit bin ich gegangen, / im tiefen Wald nahm man mich gefangen. / Man führt mich in die Stadt hinein, / wo ich sollt gehangen sein." Für "Recht und Freiheit" hat er nie gekämpft, und der Schinderhannes war auch kein Anführer einer Räuberbande. Dies ist die zentrale These des neuen Buchs von Christian Vogel.

Vogel, Vorsitzender der Vereinigung für Heimatforschung Vogelsberg-Wetterau-Kinzigtal und einer der fleißigsten Heimatforscher hierzulande, stieß vor Jahren bei Recherchen für die WZ-Artikelserie "Krieg in der Wetterau" auf ein spannendes Nebenthema: Räuber, die um 1800 während der Zeit der Französischen Revolution und der anschließenden Napoleonischen Kriege in Hessen und Rheinland-Pfalz ihr Unwesen trieben.

Der berühmteste dieser Räuber war und ist Bückler alias Schinderhannes, der zeitweise als "deutscher Robin Hood" und als "edler Räuber schlechthin" galt. Der Schriftsteller Carl Zuckmayer, selbst Verfasser eines Schinderhannes-Liedes, schrieb, im verklärten Bild des Räubers zeigten sich "die heimlichen Wunschträume" des Volkes. Aber Schinderhannes war kein edler Räuber. Er war eher das Gegenteil, die Forschung hat den Ganoven längst überführt.

Vogel hat für seine Recherchen zahlreiche Staatsarchive und Universitätsbibliotheken durchforstet, die Ergebnisse legt er auf fast 440 eng bedruckten Seiten vor, garniert mit zahlreichen Abbildungen. Ein Mammutwerk, keine Frage. Um die "nie existierende Bandes des Schinderhannes" zu entlarven, zitiert er unzählige Aktenvermerke, breitet zig Biografien aus, listet Räuber aus der Wetterau auf (Kannengießers Heinrich aus Altenstadt, Philip Müller aus Vilbel) und geht selbst unbedeutend wirkenden Spuren nach.

Auch die Wetterau kommt in dem Buch vor. Ende November 1800 wird in Bönstadt ein Jagdaufseher überfallen. Zu diesem Überfall wurde auch Schinderhannes eingeladen, er war aber offenbar nicht mit von der Partie. Die Räuberbanden formierten sich damals stets neu und in kleinen Gruppen als lose Verbindungen.

Der Schinderhannes beim Raub in Södel

Beim Überfall am 4. Dezember 1801 auf einen jüdischen Kaufmann in Södel war Schinderhannes aber dabei. Räuber fanden in der Wetterau gute Bedingungen für ihr "Handwerk" vor, wie Vogel schreibt: "Fast jeder Ort war entweder für sich oder ein abgetrennter Gebietsfetzen ohne Zusammenhang mit dem übrigen Territorium". Schutz durch die Staatsgewalt war nicht so ohne weiteres zu erwarten.

Auch für die Episode von Södel zitiert Vogel zahlreiche Quellen. Es irritiert aber, dass er die Opfer - laut anderen Quellen das Ehepaar Abraham und Jackel Kaufmann - nicht namentlich nennt und die Information, dass es sich um jüdische Opfer handelte, nur in einem zitierten Nebensatz erwähnt wird.

Eine "nachrangige Erscheinung"

Über den Schinderhannes und seine Kollegen wurde wohl noch nie so umfassend in einem Buch geschrieben. Dies ist freilich auch das Manko dieses Werks. Der Leser wird von den vielen Informationen fast erschlagen, es fällt schwer, die rote Linie zu finden, die Informationen prasseln nur so auf einen ein.

Das Druckbild ist gewöhnungsbedürftig, es gibt viele unterschiedliche Überschriften und Zwischenzeilen, gesperrte, fette und kursive Wörter sowie Fußnoten direkt unter dem Text - für Wissenschaftler bequem, für den normalen Leser eher lästig. Manches wirkt redundant, so etwa die auf zig Seiten erwähnte Grundthese, dass Schinderhannes eben kein Bandenführer war. Er war, so Vogel, nicht mehr als eine "nachrangige Kollateralerscheinung der Revolutionskriege, mit denen er hochkam und gleich wieder unterging." Und er war ein Verräter, der 19 seiner Kollegen auf den Schafott brachte.

Ein Plus des Buches sind die vielen Abbildungen. So ist etwa ein achtseitiger Zeitungsbericht von 1801 über den Schinderhannes komplett abgedruckt. Man wünschte sich, der Autor hätte sein Material in strengerer Ordnung auf die Hälfte gekürzt. Das hätte dem Buch sicher gut getan.

Das Buch "Schinderhannes, Schwarzer Jonas und andere Räuber, die nie eine Bande waren - Wie ein Gelegenheitsanführer bei einzelnen nachrangigen Raubüberfällen, der nie eine Bande zusammenbrachte und alle seine Mittäter verriet, zum deutschen Volkshelden werden konnte" von Christian Vogel ist im Selbstverlag erschienen, hat 439 Seiten und zahlreiche Abbildungen. Es ist für 19,50 Euro im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-945423-04-2).

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