Seit März hat Rita Mick-Solle jeden Abend mit der Trompete zur Andacht gerufen - am Donnerstag zum letzten Mal.	FOTO: UDO
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Seit März hat Rita Mick-Solle jeden Abend mit der Trompete zur Andacht gerufen - am Donnerstag zum letzten Mal. FOTO: UDO

Mit Musik durch die Krise

  • vonUdo Dickenberger
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Niddatal-Assenheim (udo). Am Abend von Christi Himmelfahrt hat Pfarrerin Rita Mick-Solle wieder mit ihrer Trompete aus dem Pfarrhausfenster im ersten Stock musiziert. Es war die letzte Abendandacht dieser Art, die seit März täglich stattgefunden hatte.

Zum Abschluss sind unter dem Fenster wieder viele Besucher versammelt. In den vergangenen Wochen hörten sie hier »Großer Gott, wir loben dich«, »Der Mond ist aufgegangen«, »When all the saints go marching on«, »So nimm denn meine Hände« und vergleichbare emotionale Titel.

Bis nach Amerika und Spanien gehört

Bei der 62. Abendandacht begrüßt Pfarrerin Mick-Solle das Publikum und erinnert an die Lieder der vergangenen Abende. Sie spielt »Freude schöner Götterfunken« und beteuert, gerade in schwierigen Zeiten sollten Lob- und Vertrauenslieder gesungen werden. Gott zu loben, nehme die Schwierigkeiten zwar nicht hinweg. Es gelte stattdessen, die Lebensfreude zu retten. Wer Gott zu loben wisse, sehe weiter: Gott gebe seine Welt nicht auf. Mit dem »Irischen Reisesegen« ging die Andacht zu Ende. Es habe ihr Spaß gemacht und sei ihr eine Bereicherung gewesen, betont die Pfarrerin. Das sieht das Publikum offenbar genauso: Es applaudiert.

Mick-Solle erinnert sich an den Beginn der Corona-Krise und die Aufforderung, alle mögen zu Hause bleiben. Ihr Nachbar Murat fragte: »Ist das machbar, dass in jeder Kirche dreimal am Tag ausgerufen wird, dass die Menschen zu Hause bleiben, nicht mit Glocken, sondern mit Mikrofon, wie in der Türkei in den Moscheen?« Mick-Solle antwortete: »Das ist leider bei uns nicht möglich. Wir haben keine Anlagen dazu.« Doch dann sei ihr die Idee gekommen: Es braucht gar keine Anlage - meine Trompete reicht.

Also musizierte die Pfarrerin vom Obergeschoss des Pfarrhauses - seit Sonntag, 22. März, jeden Tag vor dem Gebetsläuten um 19 Uhr. Nachbar Murat nahm das erste Konzert mit dem Handy auf und postete es auf Facebook mit der Überschrift »Gute Nacht, Niddatal«. Inzwischen sind alle geübt; das Aufzeichnen übernimmt seit April Dr. Susanne Wagner vom Kirchenvorstand.

Aus dem kleinen Abendkonzert ist eine tägliche Abendandacht entstanden, die nicht nur in Assenheim live oder später über Facebook-Gruppen und WhatsApp gehört wird. Viele dankbare Rückmeldungen, auch dazu, dass die täglich unterschiedlichen Lieder auch an anderen Plätzen in Assenheim erklingen, ermunterten dazu weiterzumachen, um den Menschen Mut und Durchhaltekraft zu vermitteln. So entstand eine interkulturelle Produktion mit Trompetenmusik und kurzen Liedpredigten, kleinen meditativen Texten und Geschichten, die weit über Assenheim hinaus gehört werden, zum Beispiel in Bayern, im Badischen, in Spanien, in Ungarn und in den USA.

Der Kontakt zu den Kirchenmitgliedern aus Assenheim wurde indes auch über andere Kanäle gehalten: Zu den Abendandachten in der Karwoche etwa erhielten alle älteren Gemeindemitglieder einen Ostergruß, vor dem Seniorenwohnheim fand ein Open-Air-Gottesdienst statt, für Kinder und Erwachsene wurden an der Kirche kleine Bücher, Symbole, Spiele und Gedanken zu Texten zum Mitnehmen ausgelegt, eine Steinschlange rankt sich um die Kirche.

Der Pfarrerin fehlen besonders die Konfirmanden, die Treffen mit Senioren, die Gottesdienste mit fröhlichem Gesang, die Taufen. Schwer sei es auch, körperlichen Abstand zu Trauernden zu halten. Ihr fehle das Zusammensein mit Mitarbeitern und Freunden. Ende August wird Mick-Solle die Kirchengemeinde verlassen. »Jetzt Abschied nehmen heißt, dies portionsweise zu tun, Stück für Stück.« Die Abendandachten fehlen schon jetzt.

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