Pflegenotstand

Missstände in Seniorenzentrum seit Monaten bekannt

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Der Pflegenotstand bewegt ? auch im Fall eines Wetterauer Seniorenzentrums, über den die WZ berichtet hat. Nun kam heraus: Die Missstände dort sind den Behörden seit Monaten bekannt.

So wie im Seniorenzentrum "Haus Taunusblick" in Assenheim geht es in vielen Einrichtungen in Deutschland zu – das denken sicher viele der Leser des WZ-Artikels über die Kritik an den Zuständen der Einrichtung der Alloheim-Gruppe. Es macht sauer, wenn Pflegekräfte kaum noch Zeit für die Bewohner haben, wenn am Material, am Essen gespart wird, wenn das Menschliche auf der Strecke bleibt. "Im Artikel 1 des Grundgesetzes steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ich erlebe im Krankenhaus und im Altenheim tagtäglich, dass diese Würde tausendfach verletzt wird. Ich finde, dieser Zustand ist nicht haltbar", sagte Pflege-Azubi Alexander Jorde in der ARD-"Wahlarena" zur Bundeskanzlerin, die selbstverständlich Besserung versprach. Unangemeldete Prüfungen  

Wie oft die Würde der Bewohner im Assenheimer "Haus Taunusblick" verletzt wurde, lässt sich nicht sagen. Klar ist aber, dass die Einrichtung des Betreibers Alloheim – einer der größten in Deutschland – seit Monaten schon unter Beobachtung der Behörden steht. Wie die beim Regierungspräsidium Gießen (und nicht wie es im ersten Artikel hieß beim Wetteraukreis) angesiedelte Heimaufsicht auf WZ-Anfrage mitteilt, gab es seit dem Betreiberwechsel von Inter Pares zu Alloheim vor gut einem Jahr mehrere Beschwerden. Daraufhin habe es unangemeldete  Prüfungen gegeben, bei denen sich "auch Mängel im Bereich der Betreuung und Pflege sowie hinsichtlich des Personals ergeben" haben. Deshalb gab es bereits im Juli eine Anhörung des Betreibers sowie eine "engmaschige Überwachung der Personalsituation". Gegenüber der WZ hatte ein Sprecher von Alloheim einen Personalmangel noch abgestritten, die Vorwürfe der derzeitigen und früheren Angestellten als "abstrus" betitelt und von "Verleumdung" gesprochen. +++ Die Hintergründe der Geschichte  

Beim RP sieht man das anders: Weil die festgestellten Mängel nicht innerhalb der Frist abgestellt wurden, wurde im Oktober ein Belegungsstopp fürs "Haus Taunusblick" verhängt und ein Zwangsgeld angedroht. Was auch heißt: Sollten die Mängel nicht kurzfristig behoben werden, droht die Schließung des Seniorenheims.

Belegungsstopp verhängt

Nach der Anfrage der WZ bei Alloheim soll es im "Haus Taunusblick" eine Personalversammlung gegeben haben. Man habe den Angestellten mit Abmahnungen und Kündigungen gedroht, sollten sich weitere an die Öffentlichkeit wenden, heißt es aus internen Quellen. Derweil hat sich eine weitere Alloheim-Pflegefachkraft bei der WZ gemeldet. Dass Bewohner in ihrem Urin liegen oder sitzen, weil das Personal keine Zeit hat, passiere nicht nur nachts, sagt sie. Anders als bei anderen Betreibern müssten die Alloheim-Pflegehilfskräfte das (wenig abwechslungsreiche und karge) Abendessen in der Küche zubereiten – sie fehlten dann natürlich bei den Bewohnern. "Die Arbeit war schon immer stressig – aber unter diesen Bedingungen ist es beim besten Willen nicht mehr zu schaffen, den eigenen Ansprüchen und denen der Bewohner gerecht zu werden", sagt sie. Problem aus ihrer Sicht: Der gesetzlich vorgeschriebene Pflegeschlüssel werde offiziell eingehalten; wer sich über zu wenig Personal beschwere, müsse mit Abmahnung und Verleumdungsklage rechnen. "Die Grundlagen dieser rein kapitalorientierten Privatisierung von Pflegeeinrichtungen hat die Politik geschaffen. Es ist alles legal."

Bei der bislang letzten Qualitätsprüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) vom 5. Dezember 2016 hat das "Haus Taunusblick" übrigens die Gesamtnote 1,1 erhalten.

Kommentar

Wo bleibt der Aufschrei?

Wären Senioren in Altenheimen auf Twitter und Facebook unterwegs; es gäbe längst einen Hashtag in der Art von #meToo. Ich möchte lieber nicht wissen, wie viele alte Menschen in – manche würden sagen – menschenunwürdigen Umständen ihren Lebensabend verbringen müssen. Ruhiggestellt und abgeschoben statt umsorgt. Der Fall des Assenheimer Altenheims zeigt: Der Pflegenotstand ist Realität. Den Pflegekräften kann man dabei kaum einen Vorwurf machen. Sie sind Opfer eines fiesen Systems und leiden ebenso unter dem Kostendruck wie die Bewohner – und werden zudem noch miserabel bezahlt. Dabei ist die Pflege ein Milliardengeschäft. Das Geld landet jedoch bei den Kapitalanlegern und Aktionären. Und Altenheime verkommen zum Spekulationsobjekt von Großkonzernen. Wo bleibt der Aufschrei? Von David Heßler

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