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Die Mieter haben die Wohnung von Rainer Fickenscher in einer Nacht- und Nebelaktion verlassen. Ihren vermüllten Haushalt haben sie nicht mitgenommen.

Abgehauen

Mieter hinterlassen Müll- und Schuldenberg in Niddatal

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Kakerlaken laufen zwischen den Säcken herum. Alles liegt voll. Windeln, Essensreste, Flaschen, daneben die Hausaufgaben der Tochter, Mahnungen, Behördenschreiben. Was Rainer Fickenscher in seiner Niddataler Wohnung vorfindet, verschlägt ihm die Sprache.

Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist." Rainer Fickenscher steht in der Einliegerwohnung seines Hauses und stopft Müll in einen großen Plastiksack. Bestimmt 25 davon hat er schon in den Container im Hof geworfen. Essens-Verpackungen, leere Flaschen, dazu etliche Elektrogeräte, Klamotten, Spielzeug, und "jede Menge Krempel" - Fickenscher wirft alles weg. Er könne das Zeug nicht mehr sehen. Die Freunde, die ihm beim Entrümpeln helfen, haben ein paar Dinge gerettet. Doch die meisten Gegenstände, von denen manche sicher viel Geld gekostet haben, fassen sie nur mit Handschuhen an. Die Einbauküche ist derart versifft, das sie abgebaut und entsorgt werden muss. Die Toiletten? "Das wollen Sie nicht wissen." In den 21 Monaten, in denen die junge Familie hier gehaust habe, sei nicht einmal geputzt worden, ist sich der Vermieter sicher. "Die Kinder tun mir leid, sie können ja nichts dafür."

Auch das Aquarium ist stehengeblieben.

Als das junge Paar im Oktober 2017 einzieht, sind sie noch zu viert. Ein halbes Jahr später kommt das dritte Kind auf die Welt. Womöglich mit ein Grund dafür, dass die beiden vom Leben immer mehr überfordert zu sein schienen.

Mieter hinterlassen Müll- und Schuldenberg in Niddatal: Sie waren empfohlen worden

Das war nicht immer so. Auf eine Empfehlung hin vermietete Fickenscher, der die meiste Zeit im Ausland lebt, die Vier-Zimmer-Wohnung an das Paar. Nett und unkompliziert sei das gewesen. Die Kaution habe das Jobcenter übernommen. Ein Jahr lang sei die Miete - 360 Euro kalt - pünktlich eingegangen. Dann habe er zwei Monate kein Geld mehr gesehen, sagt Fickenscher. Mit ihm gesprochen habe niemand. Er kündigt der Familie zum 31. Januar. Erst als er kurz nach Weihnachten wieder in Deutschland weilt, kommt es zum Gespräch. Sein Mieter habe ihm gesagt, es sei "derzeit etwas schwierig". Fickenscher gewährt den beiden, mit den Kindern und dem Hund ("Der war natürlich illegal da") bis zum 30. Juni in der Wohnung zu bleiben, damit sie sich etwas Neues suchen können - sofern sie wieder die Monatsmiete zahlen. Was sie wieder nicht getan hätten.

Er habe daraufhin einen Anwalt beauftragt, eine Räumungsklage zu erwirken, erzählt der Vermieter. Der Termin für die Zwangsräumung wurde auf den 13. August gelegt. "Den Brief haben sie am 18. Juli erhalten. Einen Tag später waren sie weg", berichtet der Niddataler.

Mieter hinterlassen Müll- und Schuldenberg in Niddatal: Keine Rückmeldung von Behörden

Insgesamt werde er wohl auf Kosten von 15 000 Euro sitzenbleiben, schätzt Fickenscher. An die Zeitung hat er sich gewandt, "weil ich nicht möchte, dass andere Leute so darauf reinfallen wie ich". Polizei ("Eine Anzeige wegen Einmietbetrug"), Jugendamt ("Die haben keine der U-Untersuchungen eingehalten") und Jobcenter ("Ich vermute Sozialbetrug") hat Fickenscher eigener Auskunft nach im vergangenen Jahr eingeschaltet. Rückmeldungen habe er aber nie bekommen. Das Jugendamt sei wohl einmal dort gewesen, um nach dem Rechten zu schauen.

Die Mieter haben die Wohnung von Rainer Fickenscher in einer Nacht- und Nebelaktion verlassen. Ihren vermüllten Haushalt haben sie nicht mitgenommen.

Das bestätigt Kreis-Pressesprecher Michael Elsaß. Das Kinderschutzteam sei mit der Familie in Kontakt; es habe bislang aber keine Hinweise gegeben, die eine Inobhutnahme gerechtfertigt hätten. Elsaß verweist darauf, dass die Hürden für so etwas nachvollziehbarerweise hoch lägen.

Auch im Jobcenter ist die Familie bekannt. Nähere Angaben möchte Geschäftsführer Bernhard Wiedemann aber nicht machen. Vermieter bekämen grundsätzlich keine Auskünfte über Kunden. Gemeinsam mit dem Mieter könne man sich aber darauf verständigen, dass die Miete direkt vom Amt bezahlt wird. Das passiere auch dann, wenn die Gefahr besteht, dass die Wohnung verlorengeht oder wenn der Leistungsbezieher "mit Geld nur schwer umgehen kann".

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