Michael Hahn spendet Stammzellen für leukämiekranke Dreijährige

Niddatal-Kaichen (hed). Er fühlt sich, als hätte er eine Grippe. Den großen Maskenball in Kaichen hat er verpasst, und seine Partei hat bei der Bürgermeisterwahl eine Schlappe hinnehmen müssen. Trotzdem geht es Michael Hahn gut.

Denn wenn man einem Menschen das Leben retten kann, werden andere Dinge unwichtig. Der 40-jährige Vater zweier Töchter hat einem dreijährigen Mädchen aus Frankreich, das an Leukämie erkrankt ist, Stammzellen gespendet. "Wenn ihr das ein langes Leben ermöglicht, wäre das ein tolles Gefühl", sagt der Niddataler CDU-Fraktionschef.

Vor mehr als zehn Jahren hatte Hahn seine Daten der Deutsche Stammzellspenderdatei (DSSD) zur Verfügung gestellt. 2002 ließ er sich mit 2222 anderen Personen bei der Hilfsaktion für Hagen Pommer aus Bönstadt typisieren. "Alle Karnevalisten haben damals mitgemacht", erinnert sich Hahn, der seitdem jedes Jahr Blut spendet.

Dass sein Blut Jahre später einem Leukämiepatienten helfen könnte, erfuhr er im Türkei-Urlaub. "Unsere Sekretärin bei der Firma, deren Nummer ich damals bei der DSSD hinterlassen hatte, rief mich an", berichtet Hahn, Mitarbeiter der Friedrichsdorfer LBH-Steuerberatungsgesellschaft. Man teilte ihm mit, sein Blut weise bestimmte Gewebemerkmale auf, die mit denen der Französin übereinstimmen könnten.

Nach einer Feintypisierung beim Hausarzt und einer umfangreichen Voruntersuchung ("EKG, Ultraschall, Milz, Leber, Nieren. Die haben alles abgecheckt") dann die Bestätigung: Der Kaichener kommt als genetischer Zwilling für eine Spende infrage.

Danach wollte sich der 40-Jährige erst einmal einlesen. Hahn hatte im Gedächtnis, dass Knochenmark aus dem Becken abgesaugt werden muss. "Weil ich mit 16 nach einem Innen- und Kreuzbandriss eine OP unter Vollnarkose hatte und danach zwei Tage in den Seilen hing, wäre mir das nicht ganz geheuer gewesen."

Gesträubt hätte er sich dagegen zwar nicht. Dass die Entnahme von Stammzellen durch Punktion des Beckens aber kaum noch angewandt wird, erleichterte ihn dann doch. Üblich ist mittlerweile, Stammzellen aus peripherem Blut zu entnehmen. Wie diese sogenannte Stammzellapherese vonstatten geht, wusste er aber nicht so genau. "Ich habe gedacht, die nehmen mir dann einfach einen halben Liter Blut ab und fertig.

" Ganz so einfach war es dann nicht: Um die Zahl seiner Stammzellen im Blut zu erhöhen, musste sich Hahn vier Tage lang ein Medikament spritzen – beziehungsweise spritzen lassen: "Das hat meine Mutter gemacht. Ich habe eine kleine Spritzenphobie", gesteht der ansonsten sehr robuste Teilzeit-Landwirt. Mit Wegschauen und "Fingernagel in den Daumen kneifen" klappte es relativ problemlos. "Morgens um sieben und abends um sieben musste das gemacht werden. Man fühlt sich etwas kränklich, aber es ist auszuhalten", sagt Hahn. Am Sonntag, dem Tag der Bürgermeisterwahl und dem Vortag der Stammzellenentnahme, leistete er sogar noch seinen Wahldienst.

Am Montag dann – den Dienstausfall bezahlt die DSSD – fuhr Hahn nach Frankfurt zum Institut für Transfusionsmedizin des DRK-Blutspendedienstes Baden-Württemberg/Hessen. Dort wurde seine Blut in einem ständigen Kreislauf aus einer Armvene durch einen Zellseperator geleitet und wieder zurückgeführt. "6,5 Liter sind da durchgelaufen – quasi einmal mein gesamtes Blut", berichtet der Kaichener. Eigentlich dauert das Verfahren vier bis fünf Stunden.

"Aber nach zwei Stunden war ich fertig. Weil ich nicht rauche, hat das Mittel sehr gut angeschlagen. 60 Millionen Stammzellen hätten sie gebraucht, von mir haben sie 240 Millionen bekommen", sagt Hahn fast ein wenig stolz. Seine Frau, die den Termin zum Anlass nahm, selbst Blut zu spenden, hat die Prozedur dokumentiert. "Man bekommt ein Taubheitsgefühl in Fingern und Mund, aber erhält dann Kalzium als Ersatz."

"Werde einen Brief schreiben"

Das Mädchen in Frankreich muss wesentlich mehr aushalten. Es bekam zeitgleich eine hochdosierte Chemotherapie, um auch widerstandsfähigere Krebszellen abzutöten. Hahns Stammzellen sind mittlerweile transplantiert worden. Wenn es gut läuft, bilden sich bei der Dreijährigen bald gesunde Blutzellen. "Ich werde einen Brief schreiben und mich erkundigen, wie es ihr geht", sagt Hahn. Den Namen des Mädchens wird er nicht herausfinden – Stammzellenspenden verlaufen in Frankreich grundsätzlich anonym. Dass sich Spender und Empfänger nach zwei Jahren kennenlernen dürfen, ist dort nicht erlaubt. "Aber ich kann ihr über die DSSD schreiben oder Geschenke schicken", erklärt der zweifache Vater.

Zwei Jahre lang steht er nun quasi auf Abruf, sollte das Mädchen noch Thrombozyten, für die Blutgerinnung wichtige Blutplättchen, benötigen. (Fotos: pv/hed)

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