1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Niddatal

Laut Bibel ist Noah der erste Winzer der Welt

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Niddatal-Kaichen (udo). Eine so fundierte und unterhaltsame Weinprobe hatte noch keiner der Gäste, die ins evangelische Gemeindehaus gekommen waren, erlebt. Damit hatte sich der Kirchenvorstand zum Auftakt der Feiern zum 275-jährigen Bestehen des Gotteshauses etwas Besonderes einfallen lassen.

In der Biblischen Weinprobe wurden exquisite Weine verkostet. Theologin und Weinbautechnikerin Gabriele Socher-Schulz kommentierte dazu Bibelstellen. Die befassten sich mit dem Anbau des Weines in der Zeit des Alten Testaments und der Symbolik rund um die Rebe im Neuen Testament.

Der Eröffnungswein »Yarden Mount Hermon« kam aus Galiläa im Heiligen Land, die anderen zwar aus der Heimat, doch trugen sie von »St. Laurent« und »Angelus« bis »Herrgottsacker« und »Kapellenberg« inspirierende Namen. Pfarrer Andreas Krone begrüßte die Gäste zu diesem unterm Motto »Der Wein erfreut des Menschen Herz« stehenden Abend und wies auf die Jahrtausende alte Tradition des Weinbaus hin.

Gabriele Socher-Schulz aus Wiesbaden verglich den Weinbau, der vieler guter Trauben bedürfe, mit der Gemeindearbeit. Die Winzermeisterin und Weinbautechnikerin hat in Burgund insbesondere Rotweine studiert. Auf die Arbeit im pfälzischen Gut der Eltern folgte die in der Forschungsanstalt für Weinbau in Geisenheim und das theologische Studium, das sie in die katholische Erwachsenenbildung führte.

»Jesus verwendet zahlreiche Gleichnisse aus dem Weinbau«, erklärte sie. Er verleihe dem Wein im Abendmahl höchste testamentliche Würden. Der »neue Wein in alten Schläuchen« stehe für die explosive Kraft des Christentums. Hier stand die erste Probe an. Die Teilnehmer erkannten, dass der Wein von den Golanhöhen nach Kirschen duftete. Die Referentin führte aus, dass dort bis in 1400 Metern Höhe Wein angebaut wird. Die heißen Tage und kalten Nächte in Israel brächten aromatische Weine hervor. Der »Yarden Mount Hermon« gelte als koscher. Er dürfe er nur von Männern bearbeitet werden, die den Sabbat einhalten. Ein Rabbi überwache die Arbeiten.

Die Theologin würdigte Noah als ersten Winzer. »Noah aber fing an und ward ein Ackermann und pflanzte Weinberge«, heißt es im 1. Buch Mose. Socher-Schulz wies aber auch auf 5000 Jahre alte sumerische Tontafeln hin, die bereits Weinbau beschreiben.

Kirchenvorstandsmitglied Volker Zimmermann rezitierte die Bibelstellen einfühlsam und sachkundig. Die Gäste erfuhren aus dem Hohelied, dass der Beruf des Weinbergwächters nicht besonders angesehen war. Mundraub von Trauben war erlaubt.

Ausführlich machte die Vortragende deutlich, dass »beim Weingenuss alle Sinne dabei sind«. Die Nase könne 10 000 Gerüche unterscheiden, doch das Problem liege beim Erinnern. Beim Verkosten sei Schlürfen ausdrücklich erlaubt. Bei den Proben schnüffelten, schüttelten und verkosteten die belehrbaren Teilnehmer denn auch gleich viel verständiger als zu Beginn. Sie hörten von Laurentius, der Weinpatron ist, und nahmen Einblicke in den arbeitsintensiven antiken Weinbau. Man ließ die Reben damals an Feigenbäumen hochwachsen oder sie auf dem Boden kriechen.

Winzer waren vom Kriegsdienst befreit

Wer im alten Israel einen Weinberg anlegte, wurde vom Kriegsdienst befreit, damit er als erster die Früchte seiner Arbeit ernten konnte, erklärte Socher-Schulz den Gästen. Die Bibel untersage die Nachlese, um auch den Armen und den Tieren etwas übrig zu lassen.

Im Mittelalter habe es in Deutschland eine fünfmal so große Rebfläche gegeben wie heute, allerdings sei die Ausbeute nicht so groß gewesen, berichtete die Fachfrau.

Nach dem antikisch nachempfundenen, frugalen Mahl aus Knoblauchtunke, Käse, Brezeln und Trauben zeigte die Referentin Bilder aus der Kunstgeschichte rund um Traube und Rebe. In der Ikonographie erscheinen die Apostel oft als Trauben am Weinstock Christi. Madonnen tragen Kreuze aus Weinlaub und die zugehörigen Jesuskinder Trauben. Bischof Urban avancierte zum Weinheiligen, weil er sich in einem Weinberg vor den Verfolgern versteckte.

Betrachtungen über das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk, das in Bildern von der Fruchtbarkeit des Weins zum Ausdruck gelangt, folgten im letzten Teil des Abends. Aber auch vor den verderblichen Folgen ausufernden Weinkonsums wird in der Bibel gewarnt.

Der amüsante und informative Ausflug durch die Religions- und Kulturgeschichte ließ beeindruckte Besucher zurück. Der Rosenduft des zuletzt kredenzten Gewürztraminers entließ die biblischen Weinprober heiter und redselig, das Weinwunder bei der Hochzeit zu Kana im Sinn. Die Referentin fasste zusammen: »Auch wir haben wie im Neuen Testament den besten Wein zuletzt genossen.« (Fotos: udo)

Auch interessant

Kommentare