Grausige Tat

Freispruch oder lebenslange Haft für Beilmord?

Die Tat war grausig. Vor einem Jahr verblutete der 40-jährige Finanzmakler Carsten B. in seinem Ilbenstädter Wohnhaus. Ist der 21-jährige Philipp H. der Mörder oder war es ein anderer?

Beidhändig mit voller Wucht schlug der Mörder zu und durchtrennte schon beim ersten Schlag die obere Halswirbelsäule fast komplett. Carsten B. war sofort querschnittsgelähmt und wehrlos, sagte Staatsanwalt Mike Hahn am Montag in seinem Plädoyer vor dem Gießener Landgericht. Der Täter traktierte den am Esszimmertisch sitzenden Mann noch mit weiteren Schlägen. Das Opfer habe nach maximal 20 Sekunden das Bewusstsein verloren. Der Mörder machte sich mit dem Laptop, dem Mobiltelefon und mit 100 000 Euro Bargeld aus dem Staub.

Blut des Opfers an der Jeans

Der Staatsanwalt glaubt, dass der jetzt 21-jährige Philipp H. der Mörder ist. Denn der Mieter und ein Nachbar des Opfers hatten den jungen Mann kurz vor der Tat im Haus von Carsten B. gesehen. Ein Teil des Geldes und seine vom Blut des Opfers beschmutzten Jeans wurden am nächsten Tag bei ihm sichergestellt. Die Polizei verhaftete Philipp H. bei seiner damals noch schwangeren Freundin in Rheinland-Pfalz. Lebenslange Haft nach Erwachsenen-Strafrecht und erschwerte Entlassungsbedingungen nach frühestens 15 Jahren wegen besonderer Schwere der Schuld seien hier angebracht, meinte Staatsanwalt Hahn. Auch die vier Anwälte der Eltern und der sechs Geschwister von Carsten B. forderten ein hartes Urteil.

Philipp H. ging vor der Tat keiner "normalen" Arbeit nach. Er habe bei seinem Freund Carsten B. (dem späteren Mordopfer) als Geldeintreiber 1,5 Millionen Euro verdient, außerdem reich geerbt und ein Haus in Monaco, prahlte er in seinem Bekanntenkreis.

Während des Prozesses kam heraus, dass der abgebrochene Metallbauer-Lehrling sogar der eigenen Mutter und seinem Sparkassen-Berater glaubhaft machte, dass er ihr Geld mächtig vermehren könne. Für angeblich sechs Prozent Zinsen pro Monat vertrauten sie ihm insgesamt 110 000 Euro an, die er aber selber verbrauchte.

Anfang 2017 war Philipp H. pleite, heißt es in der Anklage. Mit Carsten B. verabredete er sich für den 7. April, um angeblich 120 000 Euro in Fünfhundert-Euro-Noten in "saubere" 100 000 Euro aus Hundertern und Zweihundertern zu tauschen. Carsten B. ließ sich laut einem Familienanwalt darauf ein, weil er selbst in Finanznöten steckte. Beim Geldtausch habe Philipp H. dann zugeschlagen. Die Fahnder fanden bei ihm 83 000 Euro in bar.

Ich bleibe bei meiner Aussage, dass ich es nicht war

Der Angeklagte

In Wirklichkeit habe der 28-jährige Mieter den Finanzmakler getötet, sagte Philipp H. erst am zehnten Verhandlungstag aus. Der Mann habe am Geldtausch mitverdienen wollen. Er bedrohte ihn und Carsten B. demnach mit einer Maschinenpistole, nahm Philipp H. den Tomahawk weg und erschlug damit Carsten B. Dem Angeklagten habe er die Fünfhunderter-Noten weggenommen und ihn gezwungen, die Tatwaffe zu entsorgen. Diese Version könne nicht widerlegt werden, meinten die beiden Verteidiger von Philipp H. am Montag. Ihr Mandant müsse deshalb freigesprochen werden – im Zweifel für den Angeklagten.

Keine belastenden Indizien

Der von ihm beschuldigte Mieter war im Prozess mehrfach vernommen worden – und machte auf die Zuhörer einen kalten Eindruck. Die Polizei habe aber keine belastenden Indizien gegen ihn gefunden, so Staatsanwalt Hahn. Der 28-Jährige hatte gut 100 000 Euro Schulden, widersprach Philipp H’s Verteidiger Hans-Jürgen Kost-Stenger. Und er sei wegen eines versuchten Tötungsdeliktes jahrelang in Jugendhaft gewesen. Es bleiben "große Restzweifel", was wirklich geschah, sagte die Verteidigerin Friederike Vilmar.

Ihr Mandant saß während der mehr als zwölf Verhandlungstage stets schweigsam da und schaute nie auf die schräg gegenüber sitzende Familie des Mordopfers. Auch nicht am Montag bei seinem Schlusswort: "Mir tut wirklich Leid, was mit Herrn B. passiert ist. Aber ich bleibe bei meiner Aussage, dass ich es nicht war." Das Gericht verkündet am 17. April das Urteil

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