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Mutter, Vater, Vater, Kind - wenn sich mehrere Erwachsene um ein Kind kümmern, hat das so einige Vorteile, sind sich Katja Sulimma, Stefan Krieger (2. v. l.) und Kolja Sulimma einig. Um den fünfjährigen Ole kümmern sie sich zu dritt.

Liebe, Sex und Partnerschaft

Freie Liebe in der Wetterau: So lebt eine polyamore Familie mit Kind in Niddatal

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Auf dem Ewaldshof in Niddatal-Assenheim wird freie Liebe praktiziert - von der Familie Sulimma-Krieger, die aus einer Mutter, zwei Vätern und einem Kind besteht. Das war anfangs nicht so geplant.

Als Katja Sulimma ihrem Ehemann Kolja sagte, sie habe sich in einen Arbeitskollegen verliebt, nahm er sie in den Arm und freute sich für sie. Das Paar war seinerzeit mehr als 15 Jahre zusammen - und das glücklich. "Es war sehr irritierend, in einen anderen Mann verliebt zu sein, denn in unserer Beziehung lief alles gut", erinnert sie sich. Das sah auch ihr Mann so und mehr noch. Ihm gefiel es, seine Frau wieder strahlen zu sehen, nachdem sie eine psychisch zehrende Zeit hinter sich hatte. Mit diesen ungewohnten Gefühlen machte sich das Paar auf die Suche im Internet und stieß bald auf Menschen, die polyamor leben, also mit mehreren Partnern. Nach nicht einmal einer Woche stand ihr Entschluss fest: Das probieren wir.

Eigene Schlafzimmer

Der Arbeitskollege, Stefan Krieger, zog noch im selben Jahr (2008) in das WG-Haus der Sulimmas in Frankfurt ein. "Ich war verliebt und glücklich und bereit, meine Grenzen auszutesten", sagt er. Gut eineinhalb Jahre und viele Gespräche habe es gebraucht, bis sich die Dreiecksbeziehung eingespielt habe. Über zehn Jahre später hält sie noch immer - und hat Nachwuchs bekommen. Mit ihrem gemeinsamen Sohn Ole (5) leben Katja (44) und Kolja Sulimma (46) mit Stefan Krieger (54) heute in Niddatal-Assenheim unter einem Dach. Auf dem Ewaldshof hat jeder ein eigenes Schlafzimmer - auch wegen der Flexibilität. Denn die Beziehung zwischen der Sozialpädagogin, dem 54-jährigen Altenpfleger und dem 46-jährigen Unternehmer ist nicht nur polyamor, sondern auch offen.

Das heißt konkret: Katja Sulimma ist mit zwei Männern zusammen, hat daneben keinen Freund, dürfte es aber, wenn sie wollte. Die Männer in der Familie haben untereinander keine sexuelle Beziehung, aber derzeit weitere Freundinnen außerhalb der Familie. Einige sind seit vielen Jahren fester Bestandteil ihres Lebens, andere Kontakte sind eher flüchtig und unverbindlich. Für die Familie bedeute das unter dem Strich mehr Sicherheit und Stabilität, sind sich die drei einig. "Mit wem ich Sex habe und in wen ich mich verliebe spielt keine Rolle für meine Lebenssituation", sagt der 46-Jährige. Sie werde dadurch nicht infrage gestellt. "Wenn ich mal keine Lust auf Sex habe, muss ich mir keine Sorgen machen, dass meinem Partner etwas fehlt", sagt sie. Umgekehrt müsse ihr Mann kein schlechtes Gewissen haben, nicht mit ihr in kunsthistorische Museen zu gehen, denn das liebe der andere.

Über Eifersucht reden

Doch wie funktioniert das ohne Eifersucht und Reibereien? "Gelegentlich fühlt sich jemand verletzt. Dann muss man die Situation analysieren und schauen, was dahinter steckt", sagt die 44-Jährige. Der Schlüssel dazu sei, die eigenen Gefühle, Ängste und Bedürfnisse wahrzunehmen und viel und offen mit den Partnern zu sprechen. Die Polyamorie bringt noch andere Herausforderungen mit sich: Mit drei Partnern in der Familie und zusätzlichen Freundinnen sei die Wochenend- und Urlaubsplanung nicht immer leicht. Auch im Alltag sei das anfangs schwierig gewesen. "Ich wollte meine Zeit gerecht zwischen den Männern aufteilen und hatte plötzlich keine Zeit mehr für mich", sagt sie. Mittlerweile verzichte die Familie auf feste Zeiteinteilungen. Vieles ergebe sich von selbst. Zum Beispiel unternähme sie mit Krieger öfter tagsüber etwas, mit ihrem Ehemann quatsche sie manchmal bis spät in die Nacht, und die Männer gingen eher mal zusammen ins Kino.

Die Erwachsenen in der Familie leben in einer offenen, polyamoren Beziehung. (nic)

So locker es in der Beziehung der Erwachsenen zugeht, so gibt es doch feste Absprachen was den fünfjährigen Ole betrifft. Katja bringt ihren Sohn etwa jeden zweiten Abend ins Bett, an den Abenden dazwischen wechseln sich die Männer ab. Auch in anderen Bereichen ergänzen sich die Eltern. "Ich bringe ihn morgens zur Kita, und Stefan spielt nachmittags mit ihm", sagt sein leiblicher Vater Kolja Sulimma. Drei gut organisierte Eltern bedeute weniger Aufgaben für den einzelnen und mehr Freiraum. "Es ist wie in einer Großfamilie, in der sich mehrere Erwachsene um ein Kind kümmern", sagt Krieger. Rechtlich gehört der zweite Vater allerdings nicht zur Familie: Er hat kein Sorgerecht, und eine Ehe für drei gibt es in Deutschland nicht. Nur für den Fall ihres Todes konnten die Sulimmas ihn offiziell zum Erziehungsberechtigtem ernennen - in ihrem Testament.

Wie kommt das in Assenheim an?

Den Ewaldshof haben die Katja und Kolja Sulimma 2014 gekauft und zum Großteil ausgebaut. Insgesamt elf Erwachsene und drei Kinder leben auf dem großzügigen Gelände nahe des Bahnhofs - nicht alle, aber einige ebenfalls in polyamoren und/oder offenen Beziehungen. Ihre Gemeinschaft spielt für die Bewohner eine große Rolle. Sie teilen Räume wie Küche, Werkstatt, Atelier, Sport- und Tanzraum. Nebenkosten und Einkäufe werden gestaffelt je nach Einkommen bezahlt. Zu dem gibt es regelmäßig Spieleabende, Putz- und Flicktage sowie WG-Ausflüge.

Wenn sich in der polyamoren Familie mehrere Erwachsene um das Kind kümmern, ist das ähnlich wie in einer Großfamilie, sagt Stefan Krieger. (Symbolfoto: dpa)

Etwa einmal im Monat gibt es öffentliche Veranstaltungen wie Filmvorführungen im Heimkino, Vorträge und Seminare über freie Liebe. Vom 19. bis zum 28. Juni gibt es zum Beispiel eine Kinoreihe mit Dokumentarfilmen rund um Liebe und Sex. Eine am Film beteiligte Person steht dem Publikum nach dem Film zum Gespräch zur Verfügung.

Nicht nur nette Nachfragen

Und wie kommt das in Assenheim an? "Wir haben uns noch nicht überall geoutet, und ich habe etwas Angst davor - vor allem wegen Ole", sagt seine Mutter. "Was, wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr mit ihm spielen lassen?" Ihr Ehemann ist da optimistischer. Einige offene und nette Nachfragen habe es schon gegeben.

Zum Beispiel vom Bürgermeister, der sich nach einer Veranstaltungsreihe des Ewalds-hofs erkundigt habe. Auch in der Kita seien die zwei Papas kein Problem. Bei Familienmodellen von alleinerziehend über hetero- und homosexuelle Paare bis zu Patchwork-Familien seien heute verschiedene Konstellationen bekannt. Eine ältere Assenheimerin habe dagegen schon auf den Lebensentwurf der Familie geschimpft. "Die Leute sollen ja nicht leben wie wir", sagt Koja Sulimma. "Aber uns als Teil der Vielfalt anerkennen."

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