Wie schwer waren die Verletzungen des Reichelsheimer Audi-Beifahrers nach dem Erdklumpen-Unfall? Diese Frage beschäftigt nun das Gericht.
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Wie schwer waren die Verletzungen des Reichelsheimer Audi-Beifahrers nach dem Erdklumpen-Unfall? Diese Frage beschäftigt nun das Gericht.

Erdklumpen-Opfer wird begutachtet

Niddatal/Reichelsheim (jwn). Ist das Opfer des fingierten Unfalls auf der A 5, das von einem durch die Windschutzscheibe geworfenen Erdklumpen getroffen wurde, möglicherweise gar nicht so schwer verletzt wie bisher angenommen? Anonyme Briefe und neue Zeugenaussagen lassen Zweifel aufkommen.

Bisher war man in dem Gerichtsverfahren vor dem Friedberger Jugendschöffengericht davon ausgegangen, dass die beiden jungen Männer Sebastian W. aus Niddatal und Josef F. aus Reichelsheim (alle Namen geändert ) mit einem fingierten Unfall ihre Finanzen aufbessern wollten und deshalb mit vier Freunden den Unfall auf der A 5 am 23. September 2012 bewusst inszeniert hatten. W. sollte das Auto zu Bruch fahren, F. als Beifahrer danach »Kopfschmerzen« haben und sich mehrere Tage ins Krankenhaus legen, um von der Versicherung Krankenhaustagegeld zu kassieren. Der Niddataler hatte solche Versicherungsbetrügereien bereits mehrfach versucht – zum Teil mit Erfolg.

Wer allerdings auf die Idee mit dem Erdklumpenwurf von der Autobahnbrücke zwischen Rosbach und dem Bad Homburger Kreuz gekommen war, konnte im Verfahren bisher nicht geklärt werden. Der Reichelsheimer wurde bei dem Unfall auf der Autobahn so schwer verletzt, dass er heute mit geistigem Defekt bettlägerig ist – zumindest gingen davon bisher das Gericht, die Staatsanwaltschaft und auch ein Großteil der Verteidiger aus. Deshalb überraschte der Antrag einer der Verteidiger zu Beginn des zweiten Verhandlungstages, doch Beweis über den aktuellen Gesundheitszustand des »angeblichen Opfers« erheben zu lassen.

»Wir haben zwei Zeugen, die das angebliche Opfer vor wenigen Tagen aus den Auto haben aussteigen und zu Fuß und ohne jegliche Hilfe zum Haus haben laufen sehen«, trug Jürgen Häller, der Verteidiger des Angeklagten Sebastian W, zur Überraschung aller vor. Auf Nachfrage des Gerichts konnte auch der Anwalt des Opfers, der in diesem Prozess als Nebenkläger auftritt, dazu nichts sagen: »Ich habe meinen Mandanten das letzte Mal vor Monaten gesehen und da lag er schwerbehindert im Wohnzimmer der Eltern«, gab Anwalt Günter Kowalski zu Protokoll. Deshalb ordnete das Gericht ein medizinisches Gutachten über den Gesundheitszustand von F. an. »Das ist auch entscheidend für das Strafmaß später«, sagte Richterin Janine Franzke.

Auch die anschließende Vernehmung eines Zeugen brachte Neues zutage. Danach hatte der Reichelsheimer keine zwei Wochen vor dem Erdklumpen-Wurf einen selbstverschuldeten Motorradunfall, bei dem er ohne Fahrerlaubnis mit einem nicht angemeldeten Motorrad schwer stürzte und sich dabei auch erheblich verletzte. Wie schwer und ob die Unfallfolgen dieses Motorradunfalls möglicherweise auch bei dem fingierten Autounfall eine Rolle spielen, auch darüber sollen nun ein ärztliches Attest und die Hinzuziehung der betreffenden Unfall-Akte Auskunft geben.

Kopfschütteln verursachte eine weitere Aussage des Zeugen. Danach soll ihn der Angeklagte W. knapp drei Wochen nach dem fingierten Autobahnunfall wegen eines weiteren Versicherungsbetrugs angesprochen haben. Der Zeuge sollte mit dem Auto der Mutter des Niddatalers absichtlich auf W.s Audi auffahren. Er sei darauf aber nicht eingegangen, teilte der Zeuge mit.

Der Prozess wird am 2. Oktober fortgesetzt. Dann soll auch der Polizeibeamte vernommen werden, dem gegenüber ein Mitangeklagter die Tat gestanden haben soll.

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