+
Viel Grün soll es rund um die Häuser im Gollacker geben - und auch das Innere wird ökologisch nachhaltig geplant. Der Strom vom Dach lädt noch das E-Auto.

Vorzeige-Siedlung

Energie-Experte über den Gollacker: "Für SUV ist hier kein Platz"

  • schließen

Der Assenheimer Gollacker soll zur Vorzeige-Siedlung in Sachen Klimaschutz werden. Wie sich Diethardt Stamm von der Mittelhessischen Energiegenossenschaft (MiEG) das vieldiskutierte und kritisierte Neubaugebiet vorstellt, erläutert er im Interview.

Wie würde aus Sicht der MiEG das ideale Wohnhaus im Gollacker aussehen?

Diethardt Stamm: Dieses Haus benutzt überwiegend nachwachsende Rohstoffe als Baumaterial, hat also in der Grundstruktur eine Holzständerkonstruktion, ist hoch gedämmt mit zum Beispiel Zellulose, Holzfaserdämmplatten oder Flachs. Es hat Holzfenster mit Dreifach-Verglasung und Wände aus OSB-Platten, die aus drei Schichten unterschiedlich ausgerichteter Holzflachspäne bestehen. Die Innengefache werden mit Lehmziegeln ausgemauert und der Außenputz besteht aus verschiedenen Tonarten, Lehmen, Kalksand und Naturharzen. Und eine Photovoltaikanlage sorgt in Verbindung mit einem Speicher für eine mindestens 60-prozentige Stromeigenversorgung und das Laden eine Mittelklasse-E-Autos. Für SUV ist hier kein Platz.

Was könnte die Plus-Energie-Siedlung sonst gestaltet sein? Wie wichtig ist die Grünflächenplanung in einem solchen Zukunfts-Baugebiet?

Stamm:Nicht jedes Siedlungshaus hat eine eigene Heizung, sondern es gibt Blockheizkraftwerke zur Wärme und Reststromerzeugung für mehrere Gebäude, die aber einzeln über eine solarthermische Anlage und einen Warmwasserspeicher verfügen. Zwischen den Gebäuden werden Laubbäume angepflanzt, Bienen- und Insektenhäuser aufgestellt und Grünflächen ohne "englischen" Rasen, sondern eher mit Radieschen und Feldsalat im Rahmen von Kleinselbstgärtnerei angelegt. Hinzu kommen Zisternen für die Toilettenspülung und Wasserteiche, die mit Regenwasser versorgt werden. Wasserpflanzen und Schilf sorgen für Trinkwasser für Vögel. Und die entstandenen Biotope wirken einem Klimawandel entgegen und sind Ruheoasen für Menschen.

Zu was müssten sich die Eigentümer verpflichten, damit das Konzept auch aufgeht?

Stamm:Man ist über die Nutzung von Gemeinschaftstechnik in eine ökologische Kommune eingebunden und hat das Konzept prinzipiell zu unterstützen. Details legt die Eigentümergemeinschaft genauso wie in einem Haus mit Eigentumswohnungen fest - und an diese, dann überwiegend ökologischen Vereinbarungen hat sich jeder Hausbesitzer zu halten.

Welche Rolle spielt die MiEG bei der Planung? Würde sie auch die allgemeinen technischen Anlagen betreiben, die für die Vernetzung im Gebiet nötig werden?

Stamm:Die MiEG berät die Kommune, die - wie fast alle Wetterauer Gemeinden - auch Mitglied in der Genossenschaft ist, speziell bei allen Energiefragen. Und wenn die Kommune oder die Eigentümergemeinschaft oder Teile davon über die MiEG energetische Maßnahmen realisiert haben möchten, ist das möglich. Das kann zum Beispiel der BHKW-Betrieb über Contracting sein oder die Errichtung von PV-Anlagen.

Hätte die MiEG weitere potentielle Partner parat; etwa Bauträger, Smart-Grid-Anbieter, Experten für E-Auto-Konzepte, Car-Sharing, Radverkehr, etc?

Stamm:Innerhalb der MiEG gibt es über die Mitgliedschaften eine große Vernetzung hin zu den wichtigen Umweltverbänden wie BUND oder NABU, dem Sonnenstromverein Hessen in Butzbach, zur Wirtschaftsförderung Wetterau, innerhalb deren die MiEG den Arbeitskreis Energie und Mobilität leitet und eingebunden ist. Sie ist in die Mobilitätskonzepte der Kommunen und des Kreises eingebunden und sie kann auf das Know-how des Mitgliedsvereins Solarmobil-Rhein-Main zurückgreifen. Außerdem ist sie seit vielen Jahren bei den energetischen Angelegenheiten beim Regionalverband aktiv.

Steht die Forderung nach sozialem Wohnraum nicht im Widerspruch zu einem verteuerten Bauen nach KfW-Effizienzhaus 40+-Standard?

Stamm:Dieser Standard würde bei einer Plus-Energie-Siedlung nicht genügen. Dort produziert man geringfügig im Jahresmittel sogar mehr Energie als man selber benötigt. Alles das kostet auch noch etwas mehr als der genannte KfW-Standard. Aber man muss immer die gesamte Kreditlaufzeit für Gebäude betrachten. Der "klassische" Hausbauer trägt seine Kredite für diesen Zweck ca. 30 Jahre lang ab. Da die aktuellen Energiepreise hoch sind und durch die notwendige CO2-Diskussion weiter steigen, sind die Startmehrkosten bei einem Plus-Energiehaus nach knapp zehn Jahren amortisiert. Dann beginnt sogar eine Gewinnphase für den Rest des Lebens der Gebäudeinhaber. Und mit einkalkulieren muss man auch die KfW- und Landeszuschüsse.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare