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Aufgabe des Streckenpostens ist es, die Schranke zu bewachen. Udo Dickenberger ist erneut beim »Ironman« im Einsatz.

Auch das noch

Die Allgegenwart der Einsamkeit: Beobachtungen eines Streckenpostens beim Ironman

  • VonUdo Dickenberger
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Niemals hätte ich erwartet, dass ich so spät im Jahr, an Mariä Himmelfahrt, als Streckenposten beim »Ironman« eingesetzt werden würde. Ich beschließe, das Beste aus der Sache zu machen.

Der Streckenposten muss flexibel sein. Als ich in der Jugendzeit erstmals berufen wurde, war mir nicht bewusst, welche Strapazen kommen würden. Der Streckenposten muss den Standort wechseln können, ohne zu resignieren. Die Rennleitung muss wissen, dass sie den Streckenposten überallhin stellen kann. Ohne zu murren nimmt er das Werk auf sich.

Den größten Teil meines Lebens war ich im Südwesten meiner Heimatgemeinde tätig und hatte mich an den Blick auf die Hochlandrindviecher und Störche auf den Ilbenstädter Niederwiesen gewöhnt, an das Pfeifen der Bahn, das Geläut der Glocken, die vollendete Einsamkeit. Ich sagte mir, dass es besser ist, alleine zu sein, als sich Geschwätz anzuhören.

In den ersten Jahren gab es im südwestlichen Nachbarort ein Stimmungsnest, dessen Geschrei zu mir drang. Damit war bald Schluss. Überraschend wurde ich an den Ortseingang in die Nähe des Bunkers gestellt. Ich begann mich mit dem neuen Standort abzufinden, da ergab sich eine neue Situation. Der Wettbewerb fand nicht statt. Ich lachte über die Niedertracht des Geschicks.

Zuletzt wurde ich in den südlichen Nachbarort geschickt. Mit gemischten Gefühlen ging ich hin, denn es war zu befürchten, dass ich die Mundart der Einheimischen nicht verstehen würde. Die Sprachforscher rechnen die Mundart zu den finno-ugrischen Sprachen. Rentiere reden in diesem Idiom. »Haahne« sagen sie, wenn sie Hanau meinen, »Hellwische« statt Heldenbergen.

Erhabene Gefühle

Man muss sich nicht wundern, dass Menschen nicht aufkommen, die ihr Leben lang solche Geräusche hören. Sie werden von Kindheit an zurückgeworfen. Vor Jahren saß ich beim Gottesdienst zum Straßenfest und hörte den Dialog zweier kleiner Landwirte am Nachbartisch. Ohne Unterlass debattierten sie über die »Geerscht« und den »Waas«. Es war nicht auszuhalten.

Der Triathlon vermittelt die Gewissheit, dass man es durch redliches Wirken zu etwas bringen kann. Wenn der Wettbewerb nicht durch meine Heimatgemeinde führte, wurde ich in den Nachbarort berufen. Die Rennleitung wollte die Sportler nicht irritieren, die an mein Erscheinungsbild am Ortseingang gewöhnt seien.

Wirke ich als Streckenposten beim Ironman, stellen sich erhabene Gefühle ein. Hier kommt die Jugend der Welt zusammen, und wir können sagen, wir sind dabei gewesen. Wir dachten an den alten Sektorleiter. Er hatte sich aufgeopfert, aber nie ein gutes Wort gehört. Er hatte die Verpflegung an der Eissporthalle geholt und uns während des Rennens aufmunternde Worte übermittelt.

Schmerzlich berührt, dass in diesem Jahr kein Helferfest stattfindet. Vor Jahren hatte ich dort einen attraktiven Rucksack gewonnen. Er war so schön, dass die Einheimischen staunten, wenn ich mit ihm durch das Dorf ging. An meinem Standort beim »Ironman« sehe ich das Feuerwehrgerätehaus, einen Bullenstall und eine Biogasanlage, die niemals in Betrieb ging.

Ich hatte erwartet, wegen der Gesundheitskrise würden die Sportler an Übergewicht laborieren. Froh sind alle und festlich gestimmt. Ich sehe erstmals Athleten, die in südlicher Richtung unterwegs sind. Bisher fuhren immer alle in den Norden. So ändern sich die Zeiten, nos et mutamur in illis. Die sechstonige Stimmpfeife, mit der ich früher auf mich aufmerksam machte, habe ich verloren.

Ich benutze jetzt eine Orgelpfeife, die bei der Restaurierung der historischen Orgel meiner Heimatgemeinde ausgebaut wurde. Der Ton klingt gut, lässt sich halten und dringt durch. Ausweis der hoheitlichen Aufgaben ist die Mütze. Dem Streckenposten ist auch Folge zu leisten, wenn er die Mütze nicht trägt. Alles ist feierlich. Der »Ironman« ist die erhabenste Sportart.

Hubschrauber kündigen die Spitzengruppe an. Früher dachte ich, dass sich Einsamkeit nur am angestammten Standort realisieren lässt. Jetzt sehe ich, dass sie überall machbar ist. Der Mensch, der an einem erhabenen Ereignis mitwirken darf, gelangt auf eine höhere Stufe und steht dem Schöpfer näher.

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