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Alles anders

Chöre in der Pandemie: Wöllstädter Gesangvereine improvisieren

  • vonUdo Dickenberger
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Proben sind nicht wie gewohnt möglich und Auftritte gibt es auch keine. Wie soll ein Neustart nach der Corona-Krise funktionieren? Bernhard Heger erzählt, wie seine Chöre damit umgehen.

Niddatal/Wöllstadt (udo). Gesangvereine können derzeit nicht wie gewohnt proben, sie können nicht auftreten. Ein Zusammenwirken übers Internet kann die vertrauten Singstunden kaum ersetzen. Werden Schäden bleiben, wenn die Krise vorbei ist? Wie ist ein Neustart möglich?

Bernhard Heger ist der Vorsitzende der Concordia Nieder-Wöllstadt. Sechs Chorgruppen gehören zum Verein. Ein Ende der Einschränkungen sei nicht abzusehen, sagt Heger. Es gebe Überlegungen, den Singstundenbetrieb der Kinder- und Jugendchöre nach den Sommerferien wiederaufzunehmen - in der Halle eines Landwirts, die auf zwei Seiten offen ist. Ein Notprogramm im Freien für den Männer- und Frauenchor sei nicht vorgesehen.

Nicht nur die Singstunden fallen aus - gleiches gilt für einen Vereinsausflug nach Thüringen und eine Männerchorreise nach Portugal. Das für Sommerkonzert wurde abgesagt, ebenso das internationale Straßenfest. Die einzelnen Gruppen träfen sich unregelmäßig. Alle übrigen Vereinsaktivitäten lägen derzeit auf Eis.

Ortland Kretz ist Vorsitzender der Germania Sängerlust Bönstadt. Der Verein unterhält neben dem Chor eine Faschingsabteilung. Auch Kretz sagt: Es lasse sich nicht vorauszusagen, wann die ersten Veranstaltungen wieder durchgeführt werden könnten. Selbst die Kampagne 2021 sei nicht gesichert. Die Tanzgruppen könnten nicht üben, weil die Sicherheitsabstände auf der Bühne nicht eingehalten werden könnten.

Die Chorproben würden in einer nach vorne offenen Maschinenhalle abgehalten. Für die Tanzgruppen sei dies schwer vorstellbar. Vielleicht sei eine Lockerung im Sinne des Mannschaftssports zu erwarten, hofft Kretz..

Weil seit März alle Veranstaltungen ausfallen musten, seien die Einnahmen weggefallen, doch die Ausgaben liefen weiter. Das treffe vor allem die Gesangsabteilung, die ihren Dirigenten bezahlen müsse.

Hilfe aus dem Vereinsförderprogramm gebe es nur, wenn alle Rücklagen aller Abteilungen aufgebraucht seien. »Wir müssen auf dem Totenbett liegen, bevor wir Hilfe bekommen«, sagt Kretz.

Die Vereinsaktivitäten beschränkten sich zurzeit auf die Chorproben unter Einhaltung der Hygienevorschriften: Mindestabstände, keine körperlichen Kontakte, Desinfektion. Eine Probe unter diesen Umständen sei äußerst mühselig und wenig förderlich.

Jan Frische leitet den Kirchenchor Bönstadt und den Basilikachor Ilbenstadt. Auch hier ist der Chorbetrieb heruntergefahren worden. Es wurden zwar Online-Proben versucht, die aber die richtigen Proben nicht hätten ersetzen können: Man hörte die Sänger nicht und konnte keine Fehler korrigieren, berichtet Frische. Mittlerweile gebe es Chöre, die den Probebetrieb wieder aufgenommen hätten. Jedoch sei dies wegen der Mindestabstände und der kleinen Gruppen nicht mit einer normalen Chorprobe vergleichbar.

Singnachbar nicht zu hören

Sofern die Zahlen der Infizierten nicht steigen, denke er, dass immer mehr Vereine und Kirchenchöre den Betrieb wiederaufnehmen werden. Er habe mit seinen verschiedenen Chören den Start für nach den Sommerferien geplant.

Die Probe werde dann anders verlaufen. Es werde in kleinen Gruppen oder in den einzelnen Stimmgruppen geübt, und die Mindestabstände müssten eingehalten werden. Hinzu kämen getrennte Ein- und Ausgänge, eigene Sitzgelegenheit, feste Sitzordnung.

Beim Wiederanfahren würden Defizite bleiben: Unsicherheit in der Stimme, Vergessen von Literatur, Erlahmung, zählt Frische auf. Diese seien in den Griff zu bekommen, auch wenn man die Routine erst wiederfinden müsse. Das größte Defizit werde im Chorklang liegen: Dieser werde unter den neuen Gegebenheiten schwer herzustellen sein, da man seine Singnachbarn nicht hören könne.

Man werde aber wieder eine Homogenität wie zu Zeiten vor Corona erreichen, sagt Frische, auch wenn man dafür Geduld benötige. Die Entwicklung der Pandemie bleibe die Unbekannte in der Rechnung. Frische: »Für die Chorlandschaft ist der Versuch der Wiederbelebung unter den gegebenen Bedingungen wichtig, da ich ein Chorsterben befürchte, weshalb man dringend die Gemeinschaft am Leben erhalten muss.«

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