In Ilbenstadt erfreuen viele bunte Steine die Passanten.	FOTO: UDO
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In Ilbenstadt erfreuen viele bunte Steine die Passanten. FOTO: UDO

Bemalte Steine wandern durch die Wetterau

  • vonUdo Dickenberger
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Niddatal. Angesichts der Kreativität, die sich derzeit in bemalten, im Freien deponierten, fotografierten und in den sozialen Medien geposteten Steinen kundtut, fragt sich der Betrachter, wo dieses Potenzial bislang gesteckt haben mag. Und was wird mit ihm geschehen, wenn die Menschen nach dem Abklingen der Pandemie nicht mehr so viel Zeit haben?

Derzeit werden, auch in der Wetterau, entzückende Schutzengel verewigt, aber auch Comicfiguren, Herzen und Hoffnungszeichen, gute Wünsche und heitere Verheißungen. »Bleib gesund« ist häufig auf den Steinen zu lesen. Impressionistische, expressionistische und naturalistische Einflüsse sind gleichermaßen zu vermelden.

Ärger ums Spiel

Wer einen dieser bemalten Steine findet, fotografiert ihn am Ort und lässt ihn liegen. Oder er nimmt ihn mit und legt ihn wieder aus. Oder er fügt ihn einer Schlange bei.

Aber gerade eine solche Steineschlange, wie sie in Ilbenstadt an der Klostermauer der Grundschule entgegenwächst, birgt Konfliktpotenzial. Denn die Intention der Schöpfer der Steine bestand in deren, wie die Fachterminologie lautet, »Auswildern« und Wandernlassen. Es war nicht beabsichtigt, ein gemeinsames Monument »in progress« zu schaffen. Steine, die durch die Welt wandern sollten, werden stattdessen in den Schlangen fixiert und bisweilen gar überwacht. Denn vereinzelte Maler meinen offenbar, ihre Produktionen zwar an einem öffentlichen Ort deponieren, sie aber weiterhin, als lägen sie daheim im Vorgarten, kontrollieren zu können, damit das richtige Kind sie findet. So war das Spiel sicher nicht gedacht.

Zu vermelden gibt es auch dies: Die Ilbenstädter Steineschlange ist über Ostern immens gewachsen. Am Dienstag bestand sie um Glockenschlag 9.30 Uhr aus 491 Steinen. Unter den Kunstwerken befindet sich auch eine stilisierte Bierflasche mit dem Schriftzug »aus dem Herzen der Natur«. Die frömmsten Kleinstdenkmale sind ein Grabstein mit der Aufschrift »RIP 1945-2020« und eine Basilika, die sich gut identifizieren lässt. Am fruchtigsten: ein Apfel und eine Erdbeere. Am stacheligsten: die Exemplare einer lustigen Kakteengroßfamilie. Auch Eselchen und Walfische, Igel und Krokodile, Junikäferchen und Schmetterlinge, Regenbogen und Wolken, Leuchttürme und Schiffchen gehören zur Schlange. Udo Dickenberger

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