sda_kinon_260221
+
Das Foto von Luise Kinon stammt von einem Plakat und ist im Rahmen der Kampange #069Kulturgesichter entstanden, die den Menschen auf und hinter der Bühne ein Gesicht geben soll und auf deren Sorgen und Nöte im Rahmen der Coronakrise hinweist.

Kurzarbeit statt Ausbildung

Wetterau: Auszubildende will Steinmeier bei Konferenz über Probleme aufklären

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
    schließen

Luise Kinon aus Assenheim macht seit einem halben Jahr eine Ausbildung. Theoretisch jedenfalls. Doch die 26-Jährige ist in Kurzarbeit. Über diese Erfahrung wird sie am Freitag mit dem Bundespräsidenten sprechen.

Assenheim – Luise Kinon ist seit einem halben Jahr in Ausbildung. Jedenfalls laut Arbeitsvertrag. Die Assenheimerin möchte Fachkraft für Veranstaltungstechnik werden. Ein Beruf, von dem sie glaubt, dass er ihr gefallen wird. Aber wie die Ausbildung dazu ist? »Keine Ahnung«, sagt die 26-Jährige. Mit Ausbildungsbeginn begann für sie die Kurzarbeit. Veranstaltungen gibt es zurzeit keine, also werden auch keine Techniker dafür gebraucht. Eigentlich, sagt sie, ist das Credo in ihrem Beruf: »hands on, einfach anpacken« - bei Veranstaltungen für Licht und Ton sorgen oder Traversen anbringen. Das fällt komplett weg. Zumal die Firma, bei der die Assenheimerin eine Ausbildung macht, normalerweise oft auf Messen tätig ist.

Manchmal, sagt Luise Kinon, gibt es ein sogenanntes Digital Live Event. Eine Online-Veranstaltung, zum Beispiel der Jahresauftakt von einer Firma mit den Mitarbeitern - die vor ihren Bildschirmen sitzen. »Aber das ist nur ein Bruchteil der Aufträge. Die Branche hat einen Umsatzeinbruch von 80 Prozent.«

Wetterauerin stellt Bundespräsidenten Frank-Walther Steinmeier zur Rede

20, vielleicht auch 25 Tage, schätzt Kinon, war sie seit September auf der Arbeit in der Firma im Taunus. »Ich habe Glück, bei einem Arbeitgeber gelandet zu sein, der sagt: ›Wir müssen mit Perspektive ausbilden, und Azubis dürfen nicht unter der Situation leiden.« Aber, fragt sie: Wer soll ausbilden, wenn alle in Kurzarbeit sind?

»Es gibt zwei Punkte mit Handlungsbedarf«, sagt die 26-Jährige - einmal im schulischen, einmal im betrieblichen Teil der Ausbildung. Sie will diese Punkte heute ansprechen - im Gespräch mit Bundespräsidenten Frank-Walther Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender. In einer Videokonferenz wollen sie sich mit drei Azubis über deren Situation austauschen. Neben Kinon sind zwei weitere Auszubildende dabei - einer aus Mecklenburg-Vorpommern, einer aus Bayern.

Wetterau: Assenheimerin will Steinmeier über Azubi-Probleme aufklären

Dass die Assenheimerin mitmacht, kam eher überraschend. Sie ist von einem Lehrer der Berufsschule in Wiesbaden angeschrieben worden. Es gebe ein Gespräch über die Nöte der Azubis; ob sie mitmachen wolle. Wollte sie. Kurz darauf kam die Einladung zum Gespräch mit Steinmeier. Heute werden die Gesprächsteilnehmer dann zu einer Videokonferenz zusammenkommen. In einer Information vom Bundespräsidialamt zu dem Termin heißt es, der Bundespräsident will mit den Azubis »über ihre Erfahrungen in der Pandemie und die Folgen für ihre beruflichen Perspektiven sprechen«.

Die sehen aktuell nicht sehr gut aus, sagt Kinon. Das zeige sich zum Beispiel in der Berufsschule. Es gebe zwei Schulen in Hessen - Wiesbaden und Kassel -, an denen Fachkräfte für Veranstaltungstechnik ausgebildet würden. Die Assenheimerin ist auf der Wiesbadener Schule. »2019 gab es dort drei Klassen, dieses Jahr noch zwei«, kommendes Jahr werde es eventuell nur noch eine sein. Überhaupt seien die Unterrichtsbedingungen zurzeit schlecht. »Online-Unterricht ist nicht wie Präsenz-Unterricht. Die Lehrkräfte brauchen Qualifikationen und Schulungen.« Meistens würden bloß Arbeitsaufträge hochgeladen, die die Schüler dann erledigen müssten. Videokonferenzen im Unterricht seien unmöglich: »Dafür reicht die Bandbreite nicht.« Diese Situation sei problematisch: »Ich merke richtig, wie in der Klasse die Bildungsschere auseinandergeht. Die, die sowieso motiviert sind, kommen ganz gut klar. Aber die, die mitgenommen werden müssen, werden zurückgelassen.«

Junge Frau aus Assenheim: „Habe Hoffnung, dass meine Firma es übersteht“

Zudem müsse der Unterricht umgestaltet werden. »Aber das Kultusministerium ist ein zäher Betrieb.« Duale Ausbildungen haben unter normalen Bedingungen die Aufgabe, den Schülern einerseits praktisches Wissen zu vermitteln, das in der Berufsschule theoretisch untermauert wird. Die Praxis fällt weg, »aber jetzt lerne ich in der Schule etwas über Dreiphasenwechselstrom und hatte das Kabel dazu noch nie in der Hand«.

Was den betrieblichen Teil angehe, sollte sich auch etwas ändern. »Azubis müssen ausgebildet werden, dafür brauchen wir Ausbilder.« Nur müssten die dann aus der Kurzarbeit geholt werden. Allerdings, fordert Kinon: »Ohne dass die Firmen das selbst bezahlen müssen, solange die Auftragslage keine Einnahmen ermöglicht.«

Bis die Auszubildende unter normalen Bedingungen in ihrem Beruf arbeiten kann, wird es noch eine Weile dauern. »Aber ich habe die Hoffnung, dass meine Firma es übersteht.«

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare