Tod von Potinius: Telefonkontakt vor Todesschüssen

Wetteraukreis (chh). Die tödlichen Schüsse auf Wolfgang Potinius haben die Region erschüttert. Der Geschäftsführer des Gesundheitszentrums Wetterau (GZW) ist am Montagabend auf seinem Anwesen in Ober-Widdersheim erschossen worden, der mutmaßliche Täter tötete sich wenig später im 40 Kilometer entfernten Neu-Anspach mit einem Kopfschuss.

Während Wegbegleiter, Freunde und Kollegen um Potinius trauern, hat die WZ von einer "Racheliste" erfahren, die der mutmaßliche Täter angefertigt haben soll. Einer der Namen: Wolfgang Potinius.

Nachdem die Leiche des 54-jährigen CDU-Politikers bereits am Dienstag obduziert worden war, haben die Gerichtsmediziner am Mittwoch auch die Leiche des mutmaßlichen Täters untersucht. "Der Schuss hat unmittelbar zum Tode geführt", sagte Oberstaatsanwältin Ute Sehlbach-Schellenberg am Mittwoch der WZ. Ob der 56-jährige Todesschütze vor der Tat Alkohol oder Drogen konsumiert habe, sei noch unklar.

Fest steht hingegen, dass der mutmaßliche Täter und Potinius kurz vor der Tat telefonischen Kontakt hatten. Das erklärt auch, wie die Polizei so schnell auf den mutmaßlichen Täter gekommen ist. Ob es sich um einen Anruf oder eine SMS gehandelt hat, wollte Sehlbach-Schellenberg nicht sagen. Von wem der Telefonkontakt ausgegangen ist, auch nicht. Ob der Schütze im Besitz eines Waffenscheins war und ob die Schüsse in Ober-Widdersheim und Neu-Anspach aus ein und derselben Pistole abgefeuert wurden, sagte die Sprecherin der Gießener Staatsanwaltschaft ebensowenig.

Dafür bestätigte sie, dass sich der mutmaßliche Täter und das Opfer kannten. Über die konkreten Hintergründe der Tat sagte sie nichts, dafür schloss sie einige Gerüchte aus. "Es gibt keine Anzeichen für ein Eifersuchtsdrama. Gleiches gilt für ein politisches Motiv." Auch wenn die Staatsanwaltschaft keinerlei Angaben zur Beziehung von Opfer und Täter macht und ankündigt, auch künftig nicht über das Motiv mutmaßen zu wollen: Es ist kein Geheimnis, dass es sich bei dem Schützen um einen ehemaligen leitenden Mitarbeiter des Gesundheitszentrums handelt. 2007 rückte der Neu-Anspacher ins Visier der Ermittler. Gegen ihn und den damaligen Geschäftsführer des Bürgerhospitals in Friedberg wurde wegen des Verdachts der Unterschlagung und des Betrugs ermittelt. Ihnen wurde vorgeworfen, im Bürgerhospital zwischen 1998 und 2005 als Nachzahlungen und Nettozahlungen deklarierte Beträge in unterschiedlicher Höhe auf ihre Konten überwiesen zu haben. Die Richter stellten das Verfahren überraschend ein, die Staatsanwaltschaft betonte aber damals, dass es sich um keinen Freispruch handelte.

Die Einstellung des Verfahrens war mit Auflagen verbunden, die beiden Angeklagten mussten Geld zahlen. Der Neu-Anspacher musste außerdem Sozialstunden leisten.

Potinius hatte einen erheblichen Anteil an der Aufdeckung der Machenschaften. 2005 war er vom Hochwaldkrankenhaus zum neu gegründeten GZW gewechselt; er wurde einer von zwei Geschäftsführern. Potinius war auch für die Eingliederung des Bürgerhospitals in das Gesundheitszentrum zuständig. Dabei stieß er auf die Unregelmäßigkeiten, die später die Richter beschäftigen sollten. Nach dem Gerichtsprozess verlor der Neu-Anspacher seinen Posten beim GZW und wurde in die Schulverwaltung des Wetteraukreises versetzt. Vor eineinhalb Jahren wurde er krankheitsbedingt in den Vorruhestand entlassen. Diese Degradierung scheint der 56-Jährige nie richtig überwunden zu haben. Nach Informationen der WZ fertigte er während seiner Zeit in der Schulverwaltung eine "Racheliste" an, auf der sich auch der Name von Potinius befunden haben soll. Der GZW-Chef und die beiden anderen Personen sollen gewusst haben, dass sie auf dieser Liste gestanden haben. Staatsanwältin Sehlbach-Schellenberg betonte gegenüber der WZ, von solch einer Liste nichts zu wissen.

Während sein späterer mutmaßlicher Mörder in der Schulverwaltung saß, setzte Potinius seine steile Karriere fort. Die Branche hatte er von der Pike auf gelernt. Nach einer Lehre als Gesundheits- und Krankenpfleger bildete er sich an diversen Krankenhäusern und an einer Krankenpflege-Hochschule fort. 1989 kam er als Pflegedienstleiter ans Hochwaldkrankenhaus, zwei Jahre später wurde er zum Betriebsleiter, später zum Wirtschaftsdirektor und kaufmännischen Direktor ernannt. Mit der Gründung des GZW im Jahr 2005 wurde er einer von zwei Geschäftsführern. Seit 2007 übte er diese Funktion alleine aus – überaus erfolgreich, wie viele Wegbegleiter versicherten.

Auch in der von Ovag-Chef Rainer Schwarz initiierten Rumänienhilfe engagierte sich Potinius. Klaus Minkel, Mitglied des Rumänien-Freundeskreises und Ehrenstadtrat von Bad Vilbel, erinnert sich: "Seit fast zwei Jahrzehnten organisieren wir Hilfstransporte nach Rumänien, hauptsächlich nach Siebenbürgen. Wolfgang Potinius hat dank seiner guten Kontakte jede Menge Krankenhausausstattung besorgt, die in Rumänien dringend benötigt wird.

" Doch Potinius habe nicht nur die Hilfsgüter beschafft, er sei auch regelmäßig selbst nach Rumänien gefahren. "Er hat immer sehr großes soziales Engagement gezeigt." Mit den tödlichen Schüssen am Montagabend ist dieses Engagement jäh beendet worden.

Für alle, die ihrer Trauer über den Tod von Wolfgang Potinius Ausdruck verleihen möchten, liegen in den Foyers des Hochwaldkrankenhauses, des Bürgerhospitals Friedberg und des Kreiskrankenhauses Schotten bis Sonntag Kondolenzbücher aus. Von Montag bis Mittwoch werden sie an weiteren GZW-Standorten in Friedberg, Bad Nauheim und Gedern ausgelegt.

Die rechtliche Seite

Hat der 56-jährige Neu-Anspacher Wolfgang Potinius tatsächlich erschossen? Wenn ja, war es Mord oder Totschlag? Woher hatte der 56-Jährige die Waffe? Diesen Fragen geht die Polizei derzeit nach.

Sind alle Spuren ausgewertet und zeigt sich dabei, dass der Neu-Anspacher Potinius umgebracht hat, werden die Ermittlungen eingestellt, die Staatsanwaltschaft wird in der Akte vermerken, dass der 56-Jährige – und nur er – als Täter infrage kommt. Der Fall wird dann wohl kein Strafgericht mehr beschäftigen, denn ein toter Täter kann nicht angeklagt werden. Sollte die Polizei herausfinden, von wem der Neu-Anspacher die Waffe hatte, könnte der Beschaffer der Pistole jedoch wegen Beihilfe angeklagt werden. Zudem könnte Potinius’ Familie an die Hinterbliebenen des Täters zivilrechtliche Forderungen geltend machen, etwa in Form von Unterhaltsansprüchen. (lk)

Tiefe Betroffenheit bei Wegbegleitern GZW-Geschäftsführer Wolfgang Potinius (54) erschossen

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