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»Loser’s Town«: Hollywood aus anderer Sicht

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Nidda-Bad Salzhausen (ema). 230 Zuhörer wurden im Kursaal mitgenommen auf eine Reise in ein bittersüßes Hollywood. Cordelia Borchardt, zunächst allein auf der Bühne, erinnerte an Romane, die in der Filmstadt spielen.

Nidda-Bad Salzhausen (ema). 230 Zuhörer wurden im Kursaal mitgenommen auf eine Reise in ein bittersüßes Hollywood. Cordelia Borchardt, zunächst allein auf der Bühne, erinnerte an Romane, die in der Filmstadt spielen.

Und schon kam ein Gast aus dem Off, der sich in dieser Materie auskennt: Daniel Depp, Drehbuchautor und Produzent, veröffentlichte kürzlich den Roman »Loser’s Town - Stadt der Verlierer«, das Porträt einer Metropole der Träumer, schrägen Typen, coolen Machos, hinter deren Fassade sich Sehnsüchte und Melancholie verstecken.

Dieser Abend von »Nidda literarisch« war ein Borchardtscher Brückenschlag zwischen englischsprachiger Literatur und deutscher Rezeption. Die Zuhörer hatten ihre Freude am souveränen Wechsel der Moderatorin zwischen den beiden Sprachen, an ihrem Wortwitz, den kleinen Provokationen, mit denen sie den Autor in den Dialog lockte.

Daniel Depp hat äußerlich wenig mit seinen hager-melancholischen Helden gemein. Lässig, selbstironisch wirkt der Halbbruder von Johnny Depp schon, aber vom bitteren Stoizismus seiner Hauptfiguren ist wenig bei ihm zu merken.

Von der Gefahr des »overwriting« war eingangs die Rede. Depp verzichtet bewusst auf allzu detaillierte Beschreibung. Er will sich mit der Fantasie des Lesers verbünden, sieht das Buch als erste Hälfte eines Dialogs, der im Kopf des Lesers weitergeht.

Schon lange habe er Romanmanuskripte in der Schublade gehabt, warum er jetzt erst veröffentlicht habe, fragte Borchardt. »Weil sie Mist waren«, antwortete Depp cool.

Depps Heimat Kentucky nicht gerade ein Mekka der US-Literatur? - der Gast hielt dagegen: Kentucky sei Teil des amerikanischen Südens, und von dort kämen Tennessee Williams und Truman Capote: »Auf ihre Stimmen habe ich gehört.« Und noch ein literarisches Gegenüber zu Depps Held David Spandau wurde heraufbeschworen: Philip Marlowe, eine der Hauptfiguren von Raymond Chandler. Depp: »Spandau ist sein Enkel« - und sein Buch auch eine Hommage an den großen Autor.

Die deutsche Stimme für »Loser’s Town«? Wieder ein Grund zum Applaus: Uli Pleßmann, Schauspieler und beliebter Gast bei »Nidda literarisch«, betrat die Bühne.

Einmal mehr bewährte sich seine Kunst des Vortragens: Nach Spandaus kurzen, lakonischen englischsprachigen Passagen holte Pleßmann alle Nuancen aus den Texten. Kommentar des Autors: »Wenn ich gewusst hätte, wie er liest, hätte ich noch mehr geschrieben.« Pleßmann zeigte Depps Text in seiner ganzen unterschwelligen Situationskomik.

Die Kleinganoven Potts und Squiers müssen ein totes Mädchens entsorgen und kämpfen dabei nicht nur mit dem Getriebeschaden ihres Transporters, sondern auch mit einem höchst amüsanten Nicht-Dialog über ihre Erfahrung mit Leichen. Noch absurder: Potts sucht in einem Supermarkt nach Dosenpfirsichen. Ein Vollblutmann hasst es zu fragen - und so ist die Suche vergeblich.

Da trifft er eine hübsche kleine Frau mit genau dem Einschlag von Biederkeit, der ihn an die sehnsüchtig angeschwärmten Lehrerinnen seiner Kindheit erinnert. Die Artige kann sich ihrerseits der raubauzigen Aura des Mannes fürs Grobe nicht entziehen. Der Beginn einer typisch schrägen Hollywood-Romanze?

Cordelia Borchardts Frage war auch ein Resümee des Abends: »Woher weiß man, was in Hollywood Komödie, was Tragödie ist?«

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