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Emmelie Spechts Kurzgeschichte handelt von einer Jugendlichen, die zwischen getrennt lebenden Eltern steht. Die Jury des Ovag-Jugendliteraturpreises ist von dem Text begeistert - und hat ihn mit dem ersten Platz belohnt.

Ovag-Jugend-Literaturpreis

Emmelie Specht erzählt von Wahrheiten, Lügen und Eltern

  • VonAndreas Matlé
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Schon in der Grundschule hat sie gerne Geschichten geschrieben. Jetzt kann sie ihren ersten großen Erfolg feiern: Emmelie Specht hat beim Ovag-Jugendliteraturpreis gewonnen.

»Menschen brauchen keinen Zucker, sie brauchen die Wahrheit« - so lautet der letzte Satz der Kurzgeschichte »Die Sache mit der Wahrheit«. Er sitzt wie ein Ausrufezeichen gleich einem Appell. Emmelie Specht hat den Text verfasst - und beim Ovag-Jugendliteraturpreis gewonnen.

Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas - eine Jugendliche, die zwischen den getrennt lebenden Eltern steht - ist der 19-Jährigen eine luftige, originelle Geschichte gelungen, die die Jury des Preises einstimmig mit dem ersten Platz belohnt hat.

Mit Erfolg nicht gerechnet

»Nein«, sagt sie, mit diesem Erfolg habe sie nicht gerechnet, habe nur gehofft, dass sie es unter die 24 Preisträger schaffe. In dieser Höhenluft hat Emmelie, die sich im Gymnasium Nidda gerade durch ihr Abitur-Jahr büffelt, Erfahrung.

Bereits vor Jahresfrist schaffte sie es unter die »Top 24« mit »Samstagsabend«, ein Text, der auch von der Trennungsproblematik handelt. Sie sei auch davon betroffen, sagt Emmelie, aber nicht in der Art und Weise, wie in ihren Geschichten beschrieben.

Im vergangenen Jahr wurde ihr Text, wie die Arbeiten der anderen Preisträger, individuell an einem Nachmittag nur mit einem Schriftsteller lektoriert, da, coronabedingt, der Workshop mit allen ausfallen musste. Umso mehr freut sich Emmelie auf das viertägige Zusammentreffen mit allen im November in Willingen. »Ich bin gespannt auf die Texte der anderen Autoren.«

Gut mit Kritik umgehen

Und wie wird sie mit der Kritik umgehen, mit der sich selbst ein ausgezeichnetes Werk auseinandersetzen muss? »Das kann ich gut. Vor allem, wenn sie dazu dient, dem Text Feinschliff zu geben.«

Bei der »Sache mit der Wahrheit« wird - das darf vorausgeschickt werden - der entsprechende Lektor nicht mehr allzu viel zu schleifen haben. Erzählweise, Tempo, Stil, Aufbau, Dramaturgie - das alles ist schon ziemlich gut.

Zum Inhalt: Die Erzählerin wartet nach der Schule auf ihre Mutter, vergebens, wie sie ahnt. »Es ist nicht das erste Mal, dass meine Mutter Besseres zu tun hat, als ihre Tochter von der Schule abzuholen.« Auch an diesem Tag wird sie es verbaseln.

Nicht nur diese Enttäuschung; die Erzählerin steht überdies zwischen Mutter und Vater. »Ich muss mir eine Ausrede ausdenken, die ich meinem Vater erzählen kann.« Überhaupt scheint sie so manches Geheimnis mit der Mutter zu teilen, und so mancher Lüge ist sie auf die Spur gekommen.

Schon in Grundschule Geschichten geschrieben

Dann greift Emmelie Specht zu einem beachtenswerten Kniff. Beim Warten auf den Bus und bei der Fahrt beobachtet sie Menschen und stellt sich vor, was in deren Leben schiefgegangen sein könnte. Emmelie lacht: »Das habe ich, als ich jünger war, immer gerne mit meiner Mutter gemacht, wenn wir durch die Stadt gegangen sind.« Damit hat sie eine wichtige Anforderung an gute Autoren erfüllt: Raus- und hingehen, hinsehen, zuhören, statt bloß in der Introspektive zu verharren.

»Irgendwann werde ich sie nicht mehr sehen wollen, wenn sie so weitermacht. Ich werde ihr endlich sagen, was ich davon halte, dass sie mich ständig vergisst«, bricht sich im Laufe des Textes die Wut ihre Bahn.

Familiengeschichten findet Emmelie generell interessant. »Das betrifft einen selbst, das betrifft viele andere auch.« Schon früh fing sie an zu schreiben, erzählt Emmelie. »Vor der Einschulung habe ich meine Mutter gedrängt, mir Lesen und Schreiben beizubringen.« Bereits in der Grundschule habe sie begonnen, kurze Geschichten zu schreiben. Ihr Interesse an der Literatur sei sicherlich auch dadurch angefacht worden, dass ihre Eltern ihr stets Geschichten vorgelesen haben. Sie selbst liest mit Begeisterung und regelmäßig. Romane für junge Erwachsene, Krimis, hin und wieder Fantasy.

Abi - und dann schreiben?

Als sie vor zwei Jahren vom Jugend-Literaturpreis der Ovag hörte, habe sie sich ein Herz gefasst. »Denn ich finde es schwieriger, eine Kurzgeschichte zu schreiben als einen langen Text.« Warum überhaupt schreiben? »Ganz einfach: Weil es mir Spaß macht. Es lenkt mich mitunter von stressigen Situationen ab, es entspannt mich regelrecht.«

Sehr gerne (»Es ist so etwas wie ein Traum«) würde sie beruflich etwas mit dem Schreiben zu tun haben, in welcher Form auch immer. Zuerst aber will sie das Abitur hinter sich bringen. Dann, davon ist bei Emmelie Specht auszugehen, wird sie ihre ganz persönliche Wahrheit finden…

Andreas Matlé

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