koe_Tretter1_100721_4c
+
Meister der imaginären Dialoge: Kabarettist Mathias Tretter zeigt sein Soloprogramm »Sittenstrolch«.

Eine skurrile Szene folgt der nächsten

Nidda (mez). »Sittenstrolch« nennt Mathias Tretter sein siebtes Soloprogramm, das er jetzt in den Alten Dorfladen von Wallernhausen mitbrachte. Tretter ist in Wallernhausen kein Unbekannter, trat auch 2019 mit einem Soloprogramm hier auf, Jahre zuvor schon mit Philip Weber und Claus von Wagner im Trio als »Erstes deutsches Zwangsensemble«. Tretters beide »Sittenstrolch«-Vorstellungen mit reduzierter Platzzahl waren gut besetzt.

Das Motto der Veranstalter Dorotheé Arden und Michael Glebocki »AHA-Regeln und Aha-Momente« bewährte sich.

Wen nimmt Tretter in seinem »Sittenstrolch«-Programm aufs Korn - zwielichtige Milieus? Finsterlinge mit dunklen Geheimnissen? Im Gegenteil: es geht um die Eiferer mit Adleraugen, die überall Verletzungen der politischen Korrektheit aufspüren. These des Kabarettisten: »Die Moral ist in Deutschland so gut behütet wie nie zuvor, sie wird digital überwacht und bewertet. Ein Blick in die sozialen Netzwerke genügt!« Mit Selbstironie entlarvt er die Lust, überall Opfer zu entdecken, einschließlich sich selbst: »Ich fühle mich als Mann im Körper eines Mannes - fragt mich nicht, wie beschissen das ist!« Tretters Erzähl-Kabarett braucht keine Requisiten, eine skurrile Szene folgt der nächsten. Das Publikum hängt an seinen Lippen, unterbricht nur mit Gelächter und Spontanapplaus.

Wunderbare, treffende Sätze

Tretter wuchs in Würzburg auf und kann bei Bedarf wieder in breites Fränkisch verfallen. Zum Beispiel wenn er in den imaginären Dialogen blitzschnell in die Rolle von Freund Ansgar wechselt. In einem Balanceakt zwischen Tief- und Unsinn fliegen die Zitate nur so hin und her.

Mehr als nur pointenreiche Dialoge: im Nachgespräch bekennt sich Tretter zu seiner Liebe zur Philosophie, zu vielem, was ihn im Werk Nietzsches überzeugt. So ist Ansgar für ihn weit mehr als eine Witzfigur: »Er ist wie der Narr in den Shakespeare-Stücken. Als absurde Gestalt legt er das Absurde der Welt bloß!«

In seine Kindheit beamt sich Tretter zurück, in eine erfrischend politisch unkorrekte Zeit, wo der kleine Mathias zum Bierholen geschickt wurde. Beim Fahren auf dem ersten eigenen und höchst wahrscheinlich frisierten Mofa hatte er den Helm lässig am Ellbogen hängen: »1976 kam die Helmpflicht, wir haben sie individuell interpretiert!«

Tretter kann wunderbar treffende Sentenzen formulieren: »Unter den Auffälligen ist der Schlichte Paradiesvogel!« Auch das hat sich seit damals geändert: Tretter kommt auf die E-Bike-Geschwader der Lance Armstrong nacheifernden Rentner zu sprechen und schildert sie so, dass das Publikum sie vor Augen sieht: »Das Mikrofaser-T-Shirt stramm über dem Bierbusen, vom tätowierten Geweih sind nur noch arabische Schriftzeichen übrig!«

Hellsichtige Blicke auf Alltagssituationen im Schatten des Zeitgeistes - Tretters Programme sind ebenso politik- wie gesellschaftskritisch. Europa-Euphorie? Nicht wirklich: »Mit der EU ist es wie mit einer guten Ehe. Sie hält ewig, weil sich beide verabscheuen.

Mit Ansgar unterwegs - da geraten die beiden in ein angesagtes Szenelokal: »Der Sommelier hat mehr Metall im Gesicht als an seinem Korkenzieher«. So direkt Frisches liegt nicht auf dem Teller: »Das Essen muss Geschichte haben!«

Und nun hat dieser Ansgar in der schönen Li die Frau seiner Träume gefunden, Freund Mathias soll Trauzeuge sein und eine Rede halten - gewaltfrei und gendergerecht natürlich. Ist die Bezeichnung »Frau« diskriminierend? Ist »Mensch, der menstruiert« die bessere Alternative? Unter zustimmendem Applaus rebelliert Tretter: »Ich bin gegen Gewalt und soll die Sprache vergewaltigen?«

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare