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Drama an der Nidda mit glücklichem Ausgang

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Tatkräftige Dachdecker gehen zur Not auch ins Wasser (v. l.): Maurice Schulz, Tilo Fritz, Holger und Nils Aßmus und Philipp Horn haben einen Verunglückten gerettet. © Elfriede Maresch

Peter Baum fährt mit seinem Elektromobil auf dem Gehweg am Nidda-Ufer entlang. Plötzlich gerät er in den Böschungsbereich, rutscht aus und liegt hilflos in dem eiskalten Fluss.

Normalerweise haben Dachdecker weit weniger mit Wasser zu tun als Kollegen aus anderen Handwerkszweigen, etwa aus der Sanitärinstallation oder dem Tiefbau. Aber unverhofft kommt oft: In mehr als 150 Jahren Firmengeschichte war das Team des Dachdecker-Familienbetriebs A.W. Aßmus bisher nicht als Wasserretter gefragt. Bis zu einem Märztag dieses Jahres...

Peter Baum, ein Mann Mitte 50, ist in Nidda gut bekannt. Aufgrund einer Erkrankung ist er gebrechlich, hat Bewegungs- und Spracheinschränkungen. Auf Außenkontakte will er verständlicherweise trotzdem nicht verzichten. Er lebt allein, bekommt aber pflegerische Versorgung vom Team der Sozialstation und wird wochentags im Teilhabezentrum des Diakonischen Werkes Wetterau in der Gerbergasse betreut.

Unglückstag wird zum Glückstag

Mit seinem Elektromobil ist er noch viel in der Stadt unterwegs. An dem, was sich so in seiner Heimatstadt tut, will er teilhaben.

So ist er auch Mitglied des SV Geiß-Nidda und hat einen großen Wunsch: Als BAP- und Wolfgang Niedecken-Fan möchte er wieder einmal ein Live-Konzert »seiner« Band hören. Das Team des Teilhabezentrums behält mit Baum zusammen den BAP-Tourneeplan im Auge und hofft auf einen Auftritt in der Nähe.

Doch dann kam ein Unglückstag für Peter Baum. Er fuhr mit seinem Elektromobil auf dem Gehweg der Straße Hinter dem Brauhaus am Nidda-Ufer entlang. War es Unachtsamkeit? Oder einfach nur Pech? Fuhren die Räder über ein Hindernis und der Lenker schlug aus? Auf jeden Fall geriet Baum mit seinem Fahrzeug auf die Uferböschung, rutschte hinunter und lag hilflos im Wasser. Die Kälte machte ihn völlig steif, laut rufen konnte er nicht und durch die Körperbehinderung war er völlig außerstande, sich allein aus dem Wasser heraus und die Böschung hinaufzuarbeiten. Für den Frühlingsmarkt standen zudem zwei große Stromversorgungskästen da, die den Blick auf den Mann im Wasser verdeckten.

So lag er wohl eine Viertelstunde lang da, rutschte immer tiefer in die Nidda und war mit dem Kopf nur noch wenige Zentimeter über dem Wasserspiegel. »Noch ein bisschen tiefer und er wäre ein paar Minuten später ertrunken«, erinnert sich Dachdeckermeister Holger Aßmus.

So war es ein glücklicher Zufall, dass gleich zwei Leute auf ihn aufmerksam wurden. Holger Aßmus befuhr vom Kino her die gegenüberliegende Straße Am Wehr. In der Gegenrichtung fuhr sein Geselle Philipp Horn. Beide sahen den Mann im Wasser, hielten an, riefen die anderen aus dem Team und rannten über die Brücke ans andere Ufer.

Baum war inzwischen völlig steif und lag viel zu weit im Fluss, um einfach gepackt und über die Böschung hochgezogen zu werden. Hier waren wirklich mutige Männer gefragt: Maurice Schulz und Tilo Fritz gingen in Arbeitskleidung und mit Schuhen unerschrocken in die eiskalte Nidda, wateten zum Verunglückten, hoben ihn aus dem Wasser und legten ihn ins Gras. Und noch einmal Schwerstarbeit: Das Elektromobil mit einem Gewicht von gut einem Zentner musste auch aus dem Fluss gewuchtet werden. Aßmus hatte per Handy schon die Rettungssanitäter alarmiert, die den Verunglückten im Auto lagerten, von den nassen Kleidern befreiten, warm einpackten und ins Bad Nauheimer Hochwaldkrankenhaus fuhren. Einen so unterkühlten Patienten erlebt man dort selten: Baum hatte eine Körpertemperatur von 31 Grad Celsius.

Zur Stabilisierung in die Kurzzeitpflege

Glücklicherweise überstand er sein unfreiwilliges Bad ohne Lungenentzündung und konnte nach einer Woche der Diagnostik und Pflege entlassen werden. Sein gesetzlicher Betreuer sorgte dafür, dass Baum zur weiteren Stabilisierung in die Kurzzeitpflege des Seniorenheims »Haus Altenruh« kam. Inzwischen lebt er aber wieder zu Hause und fährt seine gewohnte Runde durch die Stadt und ins Teilhabezentrum. Selbst das E-Mobil hat den Sturz ins Wasser unbeschadet überstanden. Baum ist seinen Rettern Maurice Schulz, Tilo Fritz, Holger und Nils Aßmus und Philipp Horn sehr dankbar.

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Peter Baum aus Nidda. © Elfriede Maresch

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