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Bewerbung für Leader: Gemeinschaftsproduktion

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Henrike Strauch, Sina Happel, neue Ansprechpartnerinnen für die Dorf-Akademie, und Bernd-Uwe Domes, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wetterau. © Myriam Lenz

Bald ist Bewerbungsschluss für die neue Förderperiode. Über 100 Macher kamen zum Abschluss nach Bad Salzhausen. Die meisten von ihnen waren Ideengeber. Was wird aus ihren Projekten?

Projekte aus 19 Kommunen könnten von einer Fördersumme von etwa sechs Millionen Euro profitieren. Leader steht für »Liaison entre actions de développement de l’économie rurale«. Es sind Geldtöpfe der Europäischen Union und des Landes Hessen, um das Leben auf dem Land zu fördern. Wichtig für den Zuschlag ist, dass Ideen, Argumente und die Richtung stimmen.

Während der Abschluss veranstaltung im Kursaal in Bad Salzhausen wurden das Ergebnis des fünfmonatigen Beteiligungsprozesses und die daraus resultierende Lokale Entwicklungsstrategie (LES) vorgestellt. Zum Vergleich: In der vorangegangenen Förderperiode 2014 bis 2022 waren es 17 Kommunen und 2,1 Millionen Euro, die in 30 Projekte flossen.

Die Beteiligung ist überdurchschnittlich

Um bei den Zahlen zu bleiben: Auch das Interesse der Mitmacher, an den Stellschrauben der regionalen Entwicklung zu drehen, lässt sich genau beziffern. Knapp 400 Personen beteiligten sich an den Bürgerdialogen, in der Spitze bis zu 105 Personen in einem digitalen Austausch. 263 Ideen sind in die Workshops eingegangen. 180 Einträge und 22 Projektvorschläge wurden über die Beteiligungsplattform gesammelt.

»Vielleicht mangelt es an Geld, an Ideen fehlt es nicht«, folgerte Josef Bühler, Geschäftsführer der begleitenden Agentur Neuland plus. Die Bevölkerungsentwicklung in den Wetterauer Kommunen sei recht unterschiedlich. Unbestritten würden die Bürger nicht jünger werden, die Anzahl der Erwerbstätigen gehe zurück.

In den nächsten 14 Tagen wird die Bewerbung noch ausgefeilt und danach in der Hoffnung auf segensreiche, weitere fünf Jahre, von 2023 bis 2027, dem Jahr der Landesgartenschau in Oberhessen, beim Land Hessen eingereicht.

Dann wird sich herausstellen, inwieweit die Vorschläge in den vier verschiedenen Handlungsfeldern überzeugen. Es sind die Oberthemen »Gleichwertige Lebensverhältnisse«, »Nachhaltiges Wirtschaften«, »Tourismus und Naherholung« sowie »Bioökonomie und nachhaltiger Konsum«. Der Bewerber, der noch die Querschnittsthemen Klimaschutz, Biodiversität, Digitalisierung, Solidarität und Vernetzung überzeugend einfließen lässt, bekommt Bonuspunkte.

Auch wenn die Sperrigkeit der Begriffe im krassen Gegensatz zu der Lebendigkeit der Inhalte steht - Fragezeichen gab es vor allem bei der Bioökonomie -, die Anforderungen und Veränderungen, die damit angestoßen werden, sind grün, haben einen sozialen Charakter und das Zeug, sich von bisherigen Vorstellungen zu verabschieden. Gemeint sind jene für ein Zusammenleben, die Energieversorgung, die Fortbewegung, fürs Wohnen, fürs Arbeiten, den Konsum, das Wirtschaften und für den Tourismus. Es geht zumindest schon mal auf dem Papier und in den Köpfen in eine sich verändernde Zukunft. Die interkommunale Landesgartenschau 2027 wirkt da wie ein organischer Dünger.

»Leader lohnt sich«, sagte Landrat Jan Weckler (CDU) und betonte, dass man auf das bestehende Fundament und die Erfahrungen der vergangenen Jahre aufbauen könnte. »Es haben sich viele bereit erklärt, sich einzubringen. Das stärkt das Projekt.« Leader sei nicht ganz unbürokratisch, doch man konnte bereits vieles damit umsetzen.

Stellvertretend für viele weitere Projektideen wurden vier vorgestellt: der Bergwerksee, ein Projekt im Kloster Ilbeshausen, der Oberhessen-Steig und die Dorf-Akademie.

Bergwerksee und Oberhessen-Steig

Der Bergwerksee liegt zwischen den Reichelsheimer Stadtteilen Weckesheim und Dorn-Assenheim und entstand aus dem Wetterauer Braunkohletagebau. Dort könnten, so erläuterte Bürgermeisterin Lena Herget-Umsonst (SPD), ein Rundwanderweg, ein Barfußpfad und ein grüner Veranstaltungspavillon nach dem Beispiel der Steinberger Weidenkirche entstehen.

Mehr interkommunal geht fast nicht: Großen Zuspruch erhielt auch die Idee des Vogelsberger Höhenclubs (VHC) Büdingen von einem Oberhessen-Steig. Dieser könnte über Altenstadt, Limeshain, Büdingen und Gedern bis zum Taufstein sowie über Schotten, Stornfels, Bad Salzhausen, Echzell und auf den Glauberg führen. »Diese Wanderung durch die Kulturlandschaft könnte in sieben bis zehn Tagen zu schaffen sein«, sagte Peter Dubowy. Der Verein habe in der Region etwa 3000 Kilometer Wanderwege. »Man muss nicht immer in den Taunus fahren, wir haben hier in Oberhessen so eine tolle Region. Wir wollen die Marke mit dem Oberhessen-Steig noch steigern.«

Im Kloster Ilbeshausen ist ein Projekt geplant, welches unter anderem einen Klostergarten, einen Laden, Wohnen und Kultur vereint.

Die vor zwei Jahren ins Leben gerufene Dorf-Akademie wird neu ausgerichtet und durch weitere Themen wie zum Beispiel die Gestaltung der Ortsdurchfahrten oder einer Erstbauberatung für Altbauten ergänzt. Neue Projektleiterin ist Sina Happel, die gerade ihren Master in Geografie abgeschlossen hat und während ihres dreimonatigen Praktikums 2019 mit an der Konzeption der Dorf-Akademie gefeilt hat. Die Dorf-Akademie arbeitet Hand in Hand mit dem Kompetenznetzwerk Innenentwicklung des Wetteraukreises, für das Kreisentwickler Martin Langlitz Ansprechpartner ist.

Für die Stärkung der Ortsinnenentwicklung ist ein Modellprojekt in Zusammenarbeit mit der Justus-von-Liebig-Universität Gießen vorgesehen. Im kommenden Wintersemester werden 30 Studenten im Rahmen ihres Masterstudienganges die Potenziale einzelner Dörfer sichten. Anwärter dafür ist beispielsweise Wallernhausen, das sich zum Ziel gesetzt hat, ähnlich wie Bergheim, zum Klimadorf zu werden und ein Nahwärmenetz aufzubauen. Für das Studienprojekt können sich die Dörfer bewerben.

Bernd-Uwe Domes, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wetterau, nutzte nochmal die Gelegenheit, auf das Gesamtverkehrskonzept hinzuweisen. Daran arbeitet die Wirtschaftsförderung mit allen an diesem Thema Verantwortlichen auf Kreis- und Landesebene in Kooperation mit Hochschulen. Dieses Modell für Oberhessen ist nicht nur für die Zeit der Landesgartenschau in Vorbereitung, sondern soll die Mobilität im ländlichen Raum mit öffentlichem, individuellem, motorisiertem und nicht motorisiertem Verkehr neu denken (diese Zeitung berichtete).

Netzwerken ist angesagt

Sich untereinander auszutauschen, war eine der am meisten genannten Wünsche aus den anschließenden Besprechungsrunden zu den einzelnen Schwerpunkten. Best-Practice-Beispiele sollten die Runde machen, um die Erfahrungen allen zur Verfügung zu stellen. In den kommenden 14 Tagen wird herausgearbeitet, wo eine weitere Vernetzung über die Dorf-Akademie oder über neue Arbeitskreise entstehen kann.

»Mit Ihrer Anwesenheit zeigen Sie nicht nur Ihr Interesse, sondern unterstützen den gesamten Prozess. Wir sind nicht am Abschluss, jetzt geht es erst richtig los«, kündigte Bernd-Uwe Domes an. Die Lokale Entwicklungsstrategie biete den Bürgern die Möglichkeit, in ganz wichtigen strategischen Themen, in die Zukunft zu denken.

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Jetzt lächeln: Die Akteure der Abschlussveranstaltung tanken Sauerstoff für die Neuauflage von Leader. © Myriam Lenz

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