Anna Schmidt hat sich für ihren Text mit dem Thema " Geschwisterliebe" befasst. 
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Anna Schmidt hat sich für ihren Text mit dem Thema » Geschwisterliebe« befasst. (Foto: pv)

Anna Schmidt erzählt Geschichte über Inzest

Nidda (pm). Auf den Zug des gesellschaftspolitischen Trendthemas ist Anna Schmidt aus Nidda nicht aufgesprungen. Ihre Geschichte »Schöner Schein zur Weihnachtszeit«, mit dem die 20-Jährige beim diesjährigen Jugend-Literaturpreis der Ovag erfolgreich war, hatte sie bereits im Juni eingesendet.

Also lange, bevor das Thema Geschwisterliebe plötzlich in aller Munde war, sich der Ethikrat dafür ausgesprochen hat, den Inzest-Paragrafen zu liberalisieren.

Bei einem Gespräch mit ihrem Deutschlehrer Nicolaus Webler auf der Abschlussfahrt in Italien (außerhalb des Protokolls: Bei einer Flasche Wein), war der 20-Jährigen die Idee zu dem Thema gekommen. Gemeinsam hatten sie und der Lehrer vom Gymnasium Nidda überlegt, von was eine Geschichte für den Wettbewerb handeln könnte. Webler hatte das Schreibtalent von Anna längst erkannt, sie in dieser Hinsicht gefördert und ermutigt, Texte zu veröffentlichen. Die Ermunterung war nötig. »Schon als Kind habe ich Geschichten gesponnen und sie aufgeschrieben«, erzählt die Studentin. »Ich hatte aber meist zu große Komplexe, um sie anderen zu zeigen.«

Einige Zeit ging nach dem Gespräch in Italien ins Land, bevor sie mit der Umsetzung begann. Abitur, ein Jahr, das man als Orientierung bezeichnen könnte – unter anderem verbrachte sie zwei Monate in Neuseeland – und Beginn des Studiums in Mainz. »Täglich drei Stunden hin und drei Stunden zurück – da hatte ich Zeit zum Schreiben.«

Anna informierte sich über das Thema Inzest. Sie recherchierte ausführlich, schaute sich Filme an, suchte im Internet. »Die ethische Debatte über Inzest hat mich interessiert. Und mir hat eine Familiengeschichte vorgeschwebt, die etwas anders ist als üblicherweise.«

Der Titel vom »Schönen Schein« ist vielfältig zu verstehen: Geschwister, die sich heimlich lieben, Eltern, die ein Geheimnis für sich behalten und Zuckerguss darüber gießen und die Pointe am Ende: Suzy und Ben sind nicht blutsverwandt, sondern Adoptiv-Geschwister. »Früher sind mir Sätze zugeflogen – unter der Dusche oder kurz vor dem Einschlafen. Daraus habe ich meine Geschichten gebaut«, sagt sie zu ihrer Vorgehensweise. »Inzwischen steht aber das Thema am Anfang.«

Ihre Lieblingsautoren sind Kafka, Proust und Hemingway. Warum sie schreiben möchte? »Mich hat es schon immer angerührt, wenn Künstler in Filmen wie etwa ›Fight Club» oder Musiker in Liedern, zum Beispiel die Toten Hosen, Gefühle so in Worte fassen, dass man sich berührt fühlt. Das würde ich auch gerne können.«

Zunächst aber fährt Anna mit 23 anderen Preisträgern im November zum Literatur-Workshop nach Bad Kissingen. »Ich erwarte Kritik und Ideen, wie ich es noch besser machen kann.« Angst vor der Kritik der Literatur-Profis hat sie nicht. »In jeder Geschichte steckt zwar Herzblut. Aber man muss einfach versuchen, den Text von seiner Person zu trennen, also die Kritik nicht persönlich nehmen.«

Und was kommt nach dem Studium in Mainz, also nach der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Politik und Kulturanthropologie? Anna Schmidt hört den Unterton der Frage ob dieser Kombination heraus. »Ja, ja«, winkt sie ab und sagt mit viel Ironie in der Stimme: »Wahrscheinlich werde ich mal Hot-Dog-Verkäuferin.«

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