Martin Zimmer und seine Ehefrau Ingrid haben eine schwere Zeit hinter sich, doch dank der Lungentransplantation geht es wieder bergauf.
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Martin Zimmer und seine Ehefrau Ingrid haben eine schwere Zeit hinter sich, doch dank der Lungentransplantation geht es wieder bergauf.

Wieder richtig durchatmen

Neue Lunge, neues Leben: Ein Bad Nauheimer Tausendsassa berichtet

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Martin Zimmer kennt man als Tausendsassa im Ober-Mörler Karneval und im Musikzug. Doch die Lunge des Nieder-Mörlers pumpte zu wenig Sauerstoff in seinen Körper. Der Ausweg: Transplantation.

Ich könnte jetzt sofort aufs Fahrrad steigen und von hier nach Nieder-Mörlen fahren.« Das wäre von Gießen aus eine ordentliche Strecke für einen Mann, der vor ein paar Monaten nach 150 Metern zu Fuß nicht mehr konnte. Martin Zimmer aus Nieder-Mörlen, 64 Jahre alt, hat sich neben seine Ehefrau Ingrid auf eine Bank gesetzt, um zu erzählen. Von den Jahren, in denen er immer schlechter Luft bekam, vom Wunsch nach einer neuen Lunge und von einem Anruf, der das Leben des Ehepaares veränderte.

Zimmer ist einer, dem es schwerfällt, die Hände in den Schoß zu legen. Er hat als Kfz-Mechaniker gearbeitet, engagiert sich beim Mörlauer Carneval-Club (MCC) und im Musikzug »Rote Husaren«, zeichnet sich durch seinen Einsatz beim Wagenbau für den Fastnachtsumzug durch Ober-Mörlen aus.

Neue Lunge für Bad Nauheimer: Mit leichtem Husten fing es an

Seit 2014 habe sich seine Lungenfunktion schleichend verschlechtert, erzählt Zimmer, der gerade aus der Gießener Uni-Klinik gekommen ist, wo er einen Nachsorgetermin wahrgenommen hat. Angefangen hatte alles mit einem leichten Husten. Auf Drängen seiner Frau ging Zimmer zur Ärztin, die ihn an den nächsten Mediziner überwies. Der Arzt stellte ein Rascheln in der Lunge fest. Die Bronchoskopie, bei der ein Stückchen Lunge entnommen wird, ergab: Der Nieder-Mörler leidet an einer idiopathischen Lungenfibrose. Die Lunge zieht sich zusammen, vernarbt, nimmt weniger Sauerstoff auf. Am Anfang ging es noch, doch im vergangenen Jahr - mittlerweile in Behandlung bei Dr. Kai Arne Nickolaus an der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik - entschied Zimmer, sich auf die Liste für eine Lungentransplantation setzen zu lassen.

Nun sitzt er auf dieser Bank und wird von der Lunge eines 47-jährigen Mannes mit Sauerstoff versorgt. »Das muss ein Sportler gewesen sein«, erklärt Zimmer seine bemerkenswerte Fitness rund vier Monate nach der Transplantation.

Neue Lunge für Bad Nauheimer: Der unvergessene Krimi-Abend

Es war ein Abend Mitte Mai, 21.30 Uhr, die Zimmers schauten einen Krimi, als das Telefon klingelte. Dr. Nickolaus, der Arzt aus der Kerckhoff-Klinik, war in der Leitung, fragte nach Zimmers Gesundheitszustand, ob er einen Schnupfen habe. Dann der entscheidende Satz: »Wir haben eine neue Lunge.«

Um 2.50 Uhr wurde Martin Zimmer in der Kerckhoff-Klinik in den OP gefahren, um 3.07 Uhr begann die Transplantation, sie dauerte bis 7.30 Uhr. »Das ist in Bad Nauheim toll gelaufen«, blickt Zimmer zurück. Für seine Ehefrau hatte mit dem Anruf am Krimi-Abend die Anspannung begonnen, ihr Mann ging relativ entspannt mit der Sache um: »Für mich war klar, es kann nur gut ausgehen. Wenn nicht, soll es so sein.« Es ging gut aus. Der Nieder-Mörler wurde einige Tage nach der Transplantation in die Uni-Klinik Gießen verlegt. In Zeiten von Corona bedeutete das: vier Wochen ohne Besuch. Zimmer wurde über Schläuche beatmet, doch in der dritten Nacht fiel dem Pfleger am Bildschirm auf, dass Zimmers Sauerstoffsättigung bei 100 Prozent lag. Die Schläuche konnten raus, die neue Lunge hatte begonnen, ihren Dienst zu tun. Zimmer spazierte auf dem Gang auf und ab, alles entwickelte sich bemerkenswert gut. »Irgendwie war ich ein außergewöhnlicher Fall«, sagt er.

Neue Lunge für Bad Nauheimer: Müll rausbringen verboten

Der Tag der Entlassung kam, Zimmer konnte nach Hause. Zur vierwöchigen Reha in Schönau am Königssee kam Ehefrau Ingrid mit. Heute geht es dem Patienten gut. Langzeit-EKG, Bronchoskopie, Blutentnahme, Lungenfunktion- bei allem seien Topwerte herausgekommen, sagt er. Weil das Brustbein für die Transplantation durchgetrennt werden musste, merkt er eine gewisse Spannung. Ansonsten fährt er zig Kilometer mit dem E-Bike und freut sich über die Luft, die er nun wieder bekommt. Die neue Lunge ist wie ein neues Leben. »Die treibt mich innerlich nach vorne«, sagt Zimmer.

Aufpassen muss er trotzdem. Er darf keine Keime abbekommen, also weder den Müll rausbringen, noch Staub saugen. Die Blumen im Haus mussten weg, und beim Essen ist einiges tabu, zum Beispiel Erdbeeren. Zimmer ist sich auch darüber im Klaren, dass sein Körper die Lunge noch abstoßen könnte. »Die ganze Geschichte ist noch nicht so richtig über den Berg.«

Doch an diesem sonnigen Tag merkt man dem 64-Jährigen einfach nur die Lebensfreude an. Und die Vorfreude auf die Radtour mit den Freunden. Für 2020 hatte das Ehepaar wegen der schwachen Lunge schon abgesagt. Doch 2021 soll es eine Neuauflage geben. »Da habe ich schon zugesagt.«

Neue Lunge für Bad Nauheimer: Zahlen und Fakten

In Deutschland werden jährlich rund 350 Lungen transplantiert. Etwa 300 Patienten warten gegenwärtig auf die Transplantation einer Lunge. Krankenhäuser melden jährlich etwa 400 neue Patienten, die eine Spenderlunge benötigen. Die Lebendorganspende eines Teils der Lunge ist medizinisch möglich, wird jedoch in Deutschland eher selten vorgenommen. Die Erfolgsaussichten von Lungentransplantationen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Von 100 transplantierten Lungen funktionieren ein Jahr nach der Operation noch 75, nach fünf Jahren noch mehr als 50 Organe. Quelle: Kerckhoff-Klinik

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