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Neuanfang mit 92 Jahren

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Vor zwei Jahren hat Lotte Jedelhauser ihren 90. Geburtstag groß gefeiert. All die Menschen, die ihr wichtig sind, waren gekommen. Im Nachhinein betrachtet, sagt sie heute, war das ihre Abschiedsfeier von Friedberg - auch wenn sie damals noch nicht gewusst hat, dass sie die Stadt verlassen wird. Heute wird sie 92 Jahre alt - und bald zieht sie nach Nordhessen.

Es ist schon ein paar Jahre her. Damals war Lotte Jedelhausers Tochter aus Berlin zu Besuch. Die zwei sind über die Kaiserstraße gegangen, und irgendwann sagte die Tochter im Spaß zur Mutter: "Das macht aber auch keinen Spaß mit Dir, jeden Zweiten grüßt Du." Lotte Jedelhauser schmunzelt beim Erzählen. Ja, sagt sie, so war das in Friedberg. Mit der Zeit sind immer mehr Bekannte dazugekommen. Freunde aus der Partei, Kollegen, Kontakte aus der evangelischen Kirchengemeinde. "Ich bin mit der Stadt sehr verbunden." Umso schwerer werde es, wenn sie nächsten Monat wegziehe.

Knapp 60 Jahre hat sie in Friedberg gelebt, sich einen Freundeskreis aufgebaut und sich für die Stadt und ihre Bewohner eingesetzt. "Ich ziehe nur sehr ungern hier weg."

In Berlin studiert und verliebt

Doch es ist besser. Das weiß sie, und das wissen ihre beiden Kinder. Die Tochter lebt in Berlin, der Sohn in Fritzlar. Zu weit weg, um schnell bei der Mutter zu sein, wenn etwas sein sollte. Daher habe die Familie gemeinsam entschieden, dass Lotte Jedelhauser in die Nähe eines ihrer Kinder ziehe - und ihre Wohnung in Friedberg aufgibt, in der sie seit dem Tod ihres Mannes 1998 alleine gelebt hat.

Die Entscheidung ist auf eine Wohnung in einer Seniorenwohnanlage in Fritzlar gefallen. "Vor fünf, sechs Jahren habe ich dort für eine Woche zur Probe gewohnt", sagt Lotte Jedelhauser. "Jetzt weiß ich wenigstens, wo ich hinkomme." Dort war auch zuerst ein Platz frei. Der Sohn, die Schwiegertochter und die zwei mittlerweile erwachsenen Enkel leben in der Nähe. Und: "Die Wohnanlage ist ganz nah an der Innenstadt. Ich komme überall zu Fuß hin."

Auch Berlin wäre eine gute Wahl gewesen, zumal Lotte Jedelhauser die Stadt aus früheren Zeiten kennt. Dort hat sie nach ihrer Kindheit und Jugend in einem Dortmunder Vorort in den 50ern Berufspädagogik studiert. Vor allem aber hat sie dort den aus Chemnitz stammenden Studenten Günther Jedelhauser kennengelernt - den Mann, den sie wenige Jahre später heiratete und mit dem sie in den 60ern in die ihr völlig fremde Stadt Friedberg gegangen ist. Er war Lehrer und bekam eine Stelle an der Augustinerschule. Das frisch vermählte Paar, dessen erstes Kind auf dem Weg war, zog in die Wetterau. "Es hat lange gedauert, bis ich mich heimisch gefühlt habe." Doch mit den Kindern kamen die Kontakte. Zuerst andere Mütter. Dann begann Lotte Jedelhauser, sich politisch zu engagieren. Sie war in der CDU, u. a. Vorsitzende des Ortsverbands Kernstadt und sechs Jahre Stadtverordnete. "Das war sehr interessant. Ich habe mich in Gebiete eingearbeitet, die mir fremd waren."

Als sie als Stadtverordnete aufgehört habe, habe der Bürgermeister sie nach einem Fazit gefragt. "Ich habe geantwortet, dass es mir immer schwergefallen ist, Ja oder Nein zu einer Sache zu sagen, von der ich keine Ahnung hatte." Einmal zum Beispiel habe sie über eine Kläranlage abstimmen müssen: "Ich kannte mich damit gar nicht aus, wollte mich aber auch nicht nur auf das verlassen, was andere sagen. Man hat ja eine Verantwortung." Also hat sie sich in die Thematik eingearbeitet. Wie so oft in all den Jahren. Mit 80 zum Beispiel wollte sie einen Computer und das Internet nutzen. "Viele in meinem Alter sagen, das brauche ich nicht mehr. Und ich würde das wahrscheinlich auch sagen" - doch als ihre Tochter einen neuen PC kaufte, gab sie den alten der Mutter, die sich daran versuchte. Heute ist sie froh darüber. Online-Banking, E-Mails. "Wer sagt, er braucht das nicht, muss auf vieles verzichten."

Hausbesuche zu Geburtstagen

In Friedberg hat Lotte Jedelhauser, als die Kinder größer waren, neben der politischen Arbeit wieder ihre Lehrtätigkeit als Berufsschullehrerin im Fach Politik und Wirtschaft aufgenommen. "Nur als Hausfrau war ich nicht so geeignet." Zudem machte sie sowohl für die CDU als auch für die evangelische Gemeinde Hausbesuche zu Geburtstagen. "Auf diese Weise habe ich viele Bekanntschaften geschlossen."

Noch bis Anfang des Jahres hat sie sich regelmäßig mit sechs Frauen einmal pro Woche zum Diskutieren getroffen, erzählt sie. Das werde sie am meisten vermissen, wenn sie zum 1. Oktober wegzieht.

Dennoch: Trotz Wehmut darüber, Friedberg zu verlassen - Lotte Jedelhauser hat oft neue Wege eingeschlagen. Und wenn einer davon ein Neuanfang mit 92 Jahren in Fritzlar ist, wird sie auch diesen gehen.

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