Nasser Qazyzade in seinem Geschäft in Gießen. Inzwischen haben Wasserpfeifen Teppiche fast abgelöst. FOTO: SCHEPP
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Nasser Qazyzade in seinem Geschäft in Gießen. Inzwischen haben Wasserpfeifen Teppiche fast abgelöst. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Nasser Qazyzade: Integriert und gut verknüpft

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Nasser Qazyzade ist ein fester Bestandteil der Gießener Innenstadt. Seit 15 Jahren verkauft er in der Kaplansgasse nicht nur Teppiche, er gilt auch als "Vater" der Wasserpfeifen.

Die Heimat ist wie eine duftende Blume. Nasser Qazyzade dürfte dieses Sprichwort kennen, schließlich stammt es aus seinem Heimatland Afghanistan. Der Geschäftsmann ist vor 30 Jahren nach Deutschland gekommen. Seit 20 Jahren verkauft er orientalische Teppiche und Inneneinrichtungen in der Gießener Innenstadt. Anfangs am Marktplatz, seit 15 Jahren in der Kaplansgasse. "Deutschland ist schon lange meine neue Heimat", betont Qazyzade. Er sagt aber auch: "Ich musste hart arbeiten, um in der für mich völlig fremden Kultur Fuß zu fassen."

Qazyzade ist in Herat geboren, nach Kabul die zweitgrößte Stadt des Landes. "Meine Familie arbeitet schon sein Generationen in der Teppichbranche. Wir hatten ein eigenes Unternehmen samt Teppichknüpferei." Er weiß noch genau, wie er als Kind nach der Schule stets seinen Vater bei der Arbeit besuchte, zwischen den Teppichen seine Hausaufgaben machte und dann mitarbeitete. "Das ist Tradition in Afghanistan. Vor allem, da ich der älteste Sohn bin."

Qazyzade war noch ein Kind, als die sowjetischen Truppen einmarschierten. Von 1978 an tobte in Afghanistan ein blutiger Konflikt, der viele Jahre andauerte. "Es war eine harte Zeit. Viele aus meiner Familie wurden ermordet." Mit 20, Qazyzade, hatte gerade geheiratet, sagten seine Eltern: Es ist zu gefährlich, ihr müsst hier verschwinden. Und da der Vater mit seinem Teppich-Business schon häufiger in Deutschland gewesen war, stand das Ziel schon fest.

1989 landeten Qazyzade und seine Frau in der Wetterau. Eine völlig fremde Kultur mit einer unbekannten Sprache. "Am Anfang war es sehr anstrengend. Alles neu, alles fremd", sagt Qazyzade. Er wollte trotzdem, dass sich seine Familie schnell integriert. "Sonst wird man nicht glücklich." Zum Glück hatte die afghanische Familie hilfsbereite Nachbarn. "Sie haben uns gut aufgenommen. Wir haben zusammen gekocht und gegessen." Dank ihnen lernten die Qazyzades nicht nur schnell die neue Sprache, sie fanden auch echte Freunde. "Sie waren wie eine Familie für uns. Manche haben später sogar bei mir gearbeitet."

Denn kurz nachdem sich Qazyzade in der neuen Heimat privat eingelebt hatte, wagte er sich auch beruflich vor. Zusammen mit seiner Frau machte er sich mit einem Geschäft für Teppiche und orientalische Wohnaccessoires in Altenstadt selbstständig. Es folgten weitere Filialen, vor 20 Jahren dann auch jene am Marktplatz. Als dann die Räumlichkeiten in der Kaplansgasse frei wurden und der Marktplatz gleichzeitig umgestaltet wurde, nutzte Qazyzade die Chance. "Seither bin ich hier", sagt Qazyzade und blickt sich in seinem Geschäft um. "Wobei sich das Angebot sehr verändert hat."

Teppiche machen nur noch einen geringen Teil des Geschäfts aus. "Wir betreuen noch unsere langjährigen Stammkunden und nehmen auch Teppiche zum reparieren und reinigen an", sagt Qazyzade. Generell habe die Nachfrage nach exklusiven handgeknüpften Teppichen aber nachgelassen. Dafür boomt der Verkauf von Wasserpfeifen. Und hier war Qazyzade ein Vorreiter - dank eines Fernsehauftritts.

Es ist rund 15 Jahre her, da fragte der Hessische Rundfunk Qazyzade, ob er für eine Fernsehsendung ein Schlafzimmer im orientalischen Stil einrichten könnte. Qazyzade sagte zu. "Da die Wasserpfeife zu unserer Kultur gehört, habe ich auch eine Shisha aufgestellt." Bereits am nächsten Tag stand eine Kundin in seinem Gießener Geschäft, die den Beitrag gesehen hatte. "Sie bat mich, ihr eine Wasserpfeife zu besorgen." Bei einem Händler kaufte Qazyzade gleich ein gutes Dutzend Pfeifen und stellte sie als Dekoration in seinem Laden auf. Es war der Anfang einer Erfolgsgeschichte.

Wasserpfeifen sind nicht nur bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund sehr beliebt. In Gießen gibt es inzwischen etliche Shisha-Bars, und da die Menschen auch zu Hause Apfeltabak und Co. rauchen wollen, boomt der Verkauf bei Qazyzade. Sein ganzes Geschäft ist mit den kunstvollen Pfeifen vollgestellt. "Das ist allerdings Saisonware. Im Winter verkaufen wir viel mehr Accessoires wie Lampen, Truhen oder Spiegel."

Qazyzade hat sich seit seiner Ankunft in Deutschland ein kleines Imperium aufgebaut. In Friedberg betreibt er nicht nur eine weitere Filiale seines Geschäfts, sondern auch eine orientalische Lounge. Und das schon über zehn Jahre lang. "Das war eine der ersten Shi-sha-Bars in ganz Hessen." Nimmt man alle Geschäfte zusammen, beschäftigt Qazyzade gut 20 Mitarbeiter. "Meine beiden Söhne gehören auch dazu", sagt der Vater voller Stolz. Seine Ehefrau hingegen kann den Aufstieg nicht mehr verfolgen. Sie ist vor 14 Jahren an einer schweren Krankheit gestorben. Man merkt Qazyzade an, dass ihm der Verlust noch immer schwer zu schaffen macht.

Qazyzade ist privat und beruflich schon lange in Deutschland angekommen. Doch das reicht ihm nicht. Er will auch Menschen ein Vorbild sein, die ebenfalls aus ihren Heimatländern flüchten mussten. Qazyzade hat sich viele Jahre lang im Ausländerbeirat von Altenstadt engagiert, er war sogar Vorsitzender des Gremiums. "Außerdem arbeite ich regelmäßig mit Hilfsorganisationen zusammen", sagt er. Beim Diakonischen Werk unterstütze er zum Beispiel Flüchtlinge und helfe ihnen bei der Ankunft in der für sie noch fremden Welt. "Integration ist sehr wichtig. Das habe ich auch meinen Kindern immer wieder gesagt."

Trotz allem hat Qazyzade seine alte Heimat nicht vergessen. Es ist aber schon lange her, dass er afghanischen Boden betreten hat. Kein Wunder: Laut UNO ist Afghanistan mit fast 2,7 Millionen Geflüchteten das Land mit der weltweit drittgrößten Flüchtlingszahl.

Die Bevölkerung ist von fortlaufender Unsicherheit, Konflikten und extremen Wetterereignissen bedroht. "Die Situation hat sich in den letzten Jahren noch einmal verschlechtert", sagt Qazyzade. "Ich war vor fünf, sechs Jahren noch einmal beruflich in Afghanistan. Inzwischen ist es mir aber zu gefährlich."

Qazyzade hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten eine neue Heimat aufgebaut. Kein Wunder, dass inzwischen Deutschland für ihn wie eine Blume duftet. Er hat aber auch hart dafür gearbeitet. Um es mit einem deutschen Sprichwort zu sagen: Ein jeder ist seines Glückes Schmied.

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