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Mutige Menschen

Wenige Tage nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 begann der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer damals seine Predigt in Berlin-Dahlem mit den Worten: "Liebe Gemeinde! Wer soll denn heute noch predigen? Können wir heute noch etwas anderes, als nur schweigen?" Sein Motiv damals war, Schweigen aus Scham nicht gehört zu haben, was die Bibel fordert: "Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind" (Sprüche 31,8). Dieses widerständige Wort hatte der anderen Theologen seiner Zeit, Dietrich Bonhoeffer, als klares Handlungskriterium gesehen! Wenn wir heute des Jahrestags des Pogroms gedenken, dann müssen wir kritisch feststellen: Der Antisemitismus in Deutschland war nie weg. Menschenverachtende Worte und Positionen werden sichtbarer und unüberhörbar geäußert. Doch der Anschlag in Halle zeigt, wie dringend es ist, nicht mehr länger zu schweigen, den Mund aufzutun und sich aus der Mitte unserer Gesellschaft dagegen zu positionieren. In seinem wunderbaren Buch "Nachfolge" von 1937 betont Bonhoeffer: "Verweigert die Welt Gerechtigkeit, so wird er (der christliche Mensch) Barmherzigkeit üben, hüllt sich die Welt in Lüge, so wird er seinen Mund für die Stummen auftun und für die Wahrheit Zeugnis geben."

Dieser 9. November ist auch mit dem Mauerfall vor 30 Jahren verbunden. Es waren 1989 mutige Menschen, die nach Gerechtigkeit fragten, Freiheit suchten und ihre Angst überwanden, die ihren Mund auftaten, aus den Kirchen heraustraten und auf die Straße gingen. Sie schwiegen nicht! Ihnen und Gott sei’s gedankt.

Dekan Volkhard Guth, Evangelisches Dekanat Wetterau

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