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Wenn Dr. Isabell Tammer über ihre Rolle als Chefin der Verwaltung spricht, sagt sie: "Ich bin eher teamorientiert und werbe mit Verständnis um Entscheidungen statt mit der Faust auf den Tisch zu hauen."

Spitzenfrauen

Plötzlich Bürgermeisterin

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Ob es Frauen leichter fällt, andere um Hilfe zu bitten? "Ich denke schon. Frauen geben eher zu, nicht weiterzukommen", sagt Dr. Isabell Tammer. Seit 2017 ist sie Bürgermeisterin von Münzenberg.

Vor der Entscheidung ist Dr. Isabell Tammer in den Urlaub gefahren. Eine Woche Ägypten. Tauchen. "Ich habe die ganze Situation vorwärts und rückwärts durchüberlegt." Dann, als sie wieder zurück in Münzenberg war, hatte sie sich entschieden: Sie wird bei der Bürgermeisterwahl als Kandidatin der FWG antreten.

Mit der Entscheidung begann der Stress. Drei Monate Wahlkampf, "eine straffe Zeit". Zumal: "Wer weiß schon, wie man Wahlkampf macht?" Neben Texten verfassen, Plakaten aufhängen und Hausbesuchen ging sie noch arbeiten - als Leiterin der Fachstelle für Tierschutz und Tierseuchenbekämpfung im Wetteraukreis, wo gerade ohnehin viel los war; die Geflügelpest war ausgebrochen.

Aber irgendwie hat alles funktioniert. Isabell Tammer entschied die Wahl beim ersten Durchgang für sich, obwohl sie drei Konkurrenten hatte. Vorher hatte sie in Betracht gezogen, dass es zu einer Stichwahl kommt. Aber gleich ein eindeutiges Ergebnis. "Ich war wie vom Donner gerührt und habe keine Erinnerung mehr daran, was ich überhaupt gesagt habe."

Das alles ist nun schon über zwei Jahre her. Seit dem 1. Juli 2017 ist die 54-Jährige Bürgermeisterin von Münzenberg. Und sehr glücklich mit dem Beruf, wie sie sagt.

Als Frau ist sie in diesem Amt in der Minderheit. Kolleginnen gibt es in Ober-Mörlen, in Ranstadt und in Ortenberg. Sonst ist das Feld im Wetteraukreis von Männern dominiert. Ob das gut oder schlecht ist? Eigentlich sei es egal. Aber, sie lacht: "Es gibt keine Schlange an den Damentoiletten."

Von Hause aus politisch

Einen großen Unterschied mache es nicht, eine Frau unter männlichen Kollegen zu sein, zumal es untereinander kollegial zugehe, zum Beispiel, wenn sie eine Frage hat. "Ich bin ja ein absoluter Neuling."

Die schlechten Erfahrungen als Frau im Beruf habe sie schon hinter sich; das sei vor ihrer Zeit als Bürgermeisterin gewesen. "Die Schule, durch die ich vorher gehen musste, war härter" - damals in den 80ern als junge Tierärztin. Einmal zum Beispiel in ihrem Auslandspraktikum in Irland: "Als Frau durfte ich manchmal den Stall nicht betreten", erzählt sie. Sprüche wie "Was will denn das Mädchen hier?", habe sie öfter zu hören bekommen. Eine Situation, an die sie sich auch noch gut erinnert, war in Gießen an der Tierklinik der Uni: Isabell Tammer, damals Assistenzärztin, sollte sich um die Geburt eines Kalbs kümmern. Alles war vorbereitet, da fragte der Landwirt: "Wann kommt denn jetzt endlich der Tierarzt?"

Isabell Tammer ist dennoch immer ihren Weg gegangen. Schon damals, als sie mit ihrem ersten Kind in Mutterschutz war: "Mir ist die Decke auf den Kopf gefallen." Sie arbeitete deswegen in dieser Zeit unter anderem an ihrer Promotion. Später, als sie eine Stelle in Baden-Württemberg bekam, führte sie mit ihrer Familie für eine Weile eine Fernbeziehung, da sie in der Woche für zweieinhalb Tage weg war. "Das fiel mir schon schwer und war nicht schön. Aber mein Mann hat sich um alles gekümmert damals."

Dass sie nun, über 20 Jahre später, von der Tiermedizin ins Bürgermeisteramt gewechselt ist, hat auch viel mit ihrer Kindheit und Jugend in Münzenberg zu tun, erzählt sie. Als Tochter lokalpolitisch engagierter Eltern waren politische Themen zu Hause immer präsent. Der Vater gründete die FWG in der Stadt mit, und irgendwann trat auch seine Tochter ein, die Jahre danach und eher ungeplant einen Platz im Stadtparlament bekam. "Ich fand das zunehmend interessant. Man kann in der Lokalpolitik etwas bewegen und sieht den Effekt." Der Nachteil an der ehrenamtlichen Arbeit: "Man hat so wenig Zeit dafür."

Der Gedanke, Lokalpolitik hauptberuflich zu machen, kam mit der Zeit. "Ich dachte mir, warum nicht? Die Kinder brauchen mich nicht mehr, und es würde mir Freude bereiten, die Dinge für meine Stadt positiv zu beeinflussen und zu gestalten."

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