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»Meine Kunst ist für die Welt«

  • vonHanna von Prosch
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Mitten unter uns leben bedeutende Künstler und wir wissen es oft nicht. Dalip, der Maler, hat sich eine Hofreite in Nieder-Weisel zum Atelier ausgebaut. Hier lebt und arbeitet er, von hier aus bestückt er europaweit Galerien und Museen. Ein Besuch bei ihm ist ein Erlebnis.

Das windschiefe Häuschen in Nieder-Weisel fügt sich schmucklos ein in die dicht an dicht bebaute Straßenfront. Kein Name, nur ein runder, blanker Klingelknopf. Beim Eintreten steht man unvermittelt in einer Wohnstube mit langem Tisch und alten dicken Balken, geschnitzten Türstöcken, mittelhessischem Mobiliar. Aus einer der Wände wachsen Kopfskulpturen wie Gäste, die hier immer willkommen sind.

Bauernidylle - beschaulich, bescheiden, von ihren Bewohnern geprägt, so wie Dalip Kryeziu sie von seinem Heimatdorf im Kosovo kennt. In drei Jahren hat er die Hofreite mit eigener Hand und nach seinen Ideen sich bewohnbar und anderen erlebbar gemacht. Jeder Raum ist Atelier, Galerie und Lebensraum, jeder Durchgang macht neugierig auf das, was sich dahinter, drüber, drunter, draußen verbirgt. Man kommt vorbei an den zahllosen Bildern, die eingeschoben stehen, hängen, in Schubladen liegen, an den Buch- und Katalogwänden, den kleinen Figuren auf den breiten Fensterstöcken, den zufällig abgelegten Skizzenbüchern. Kunst und Köpfe sind hier omnipräsent.

Seit den Neunzigern ist Dalip auf internationalen Kunstmessen, in Galerien und bedeutenden Ausstellungen zu sehen. Seine zahlreichen privaten Sammler, auch aus dem Hessischen, lieben seine Bilder und lassen sie in ihrer Mitte wohnen. Dort besucht er sie zuweilen spontan.

Schon als Kind zeichnete Dalip mit Stöcken Figuren in den trockenen Boden der Schafweide. Der Besuch des Gymnasiums in der Kleinstadt und der Einfluss seines Maler-Onkels wiesen ihm den Weg.

Schlüsselerlebnis waren die Maler, die im Hafen von Porec Urlauber porträtierten. Mit solchen Porträts konnte er selbst bald so viel Geld verdienen, um die Familie zu ernähren. Als er 20 Jahre war, begab er sich auf seine Reise in die Welt. »Ich bin ein Weltmensch. Meine Kunst ist für die Welt, nicht nur für hier«, sagt er mit Blick auf das Dorf. Der Kopf als Motiv treibt ihn an. In ihm sieht er nicht nur die Einmaligkeit jeder menschlichen Existenz, sondern er spiegelt darin Leben, Umgebung, Emotion, Ereignis. Dabei stellt er seine Köpfe meist abstrahiert, uniform in gerader Augen-Nasen-Mund-Linie dar. »Was zählt, ist die Komposition, beeinflusst durch die Erzählungen der Menschen«, erklärt er. Farben spielen eine große Rolle: Der helle, frische »Lemonkopf«, der blaue typisch norditalienische, der feuerrote des kraftvollen Matadors, der Renaissance-Gelockte, von Architektur beeinflusste.

Aber auch die der Soldaten im Kosovokrieg, Angst, Trauer, Tränen, die Armut in Schwarz-Weiß: Das alles findet man in und unter den farbigen Schleiern, wenn man zu sehen bereit ist.

Zahllose Skizzen und Werke

Dazu unendlich viele Skizzen in Heften, Buchblättern, übermalt Seite für Seite, manchmal zusammengefügt oder collagiert zu einer Gesamtkomposition oder als Tagebuchnotizen am Rand. Irgendwann hat sein Freund und Agent Emanuell Nujiqi aufgehört zu zählen, wie viel Werke es sind. Dalip schätzt mehr als 8000. Er braucht die Kunst wie das tägliche Brot.

Im Hof stehen hölzerne Menschengruppen neben alten Autos und italienischen Rollern - auch eine Leidenschaft von Dalip wie Musik und Fotografie. Folgt man ihm die hölzerne Treppe auf den Scheunenboden hinauf, sieht man neben der bemalten Wand sein musikalisches Paradies mit Flügel, Gitarren, Schlagzeug. Hier empfängt er die Kunden, die seit Corona so selten kommen. Er serviert Kaffee und Kuchen auf selbst bemalter Keramik und lädt ein zum Gespräch. »Ein starkes Bild behält seine Schönheit und wird nicht alt«, sagt er eindringlich. Die Begegnung mit ihm ist wie er: lebhaft, natürlich und erfrischend.

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